Alltron: Hersteller garantieren keine Stückzahlen, Verfügbarkeit verschärft sich weiter

20. Mai 2022, 09:35
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Andrej Golob, seit über einem Jahr CEO bei Alltron, spricht im Interview über die anstehenden Herausforderungen für Distis und seine ehrgeizigen Pläne in der Romandie.

Der langjährige HP- und Xerox Manager Andrej Golob ist seit Februar 2021 CEO des Mägenwiler Distis Alltron. Es ist zumindest teilweise eine Rückkehr zu seinen Wurzeln, aber nicht unbedingt, weil Alltron ein Disti ist, sondern weil Golob von seinem Bürofenster aus das Haus sieht, in dem er ein paar Jahre wohnte. Im Interview spricht er über seinen Start während der Pandemie, Höhepunkte und Herausforderungen und die mangelnde Nachfrage im Online-Service-Portal.
Sie haben bei Alltron mitten in der Pandemie angefangen. Wie haben sich die vergangenen Monate für Sie angefühlt? Das Ankommen fiel mir leicht. Trotz Pandemie und Homeoffice konnte ich mich gut einleben. Dabei hat mir auch geholfen, dass ich durch meine Zeit bei HP nicht nur die Herstellerseite sehr gut kenne, sondern auch die Distribution, weil ich die letzten 3 Jahre HPs Distribution in Europa führte.
Und jetzt, wo man wieder darf, befiehlt der CEO die Mitarbeitenden zurück ins Büro oder wie sind Sie organisiert? Die ganze Competec-Gruppe ermöglichte Homeoffice schon vor der Pandemie. Wir waren also vorbereitet, was uns bei der raschen Umstellung geholfen hat. Aktuell sind noch nicht alle Kolleginnen und Kollegen vor Ort, wir suchen noch die richtige Balance zwischen Büro und Homeoffice.
Was waren bisher Ihre Höhe- und Tiefpunkte bei Alltron? Positiv war insbesondere, dass wir mit einem riesigen Aufwand in einem schwierigen Marktumfeld, insbesondere wegen der Verfügbarkeits- und Lieferkettenprobleme, praktisch alle Kundenanfragen erfüllen konnten.
Was war weniger gut? Der Druck, der auf den Mitarbeitenden lastet. Die Belastung, verursacht durch die erwähnte Problematik, ist enorm. Schwierig ist vor allem, dass wir teilweise nicht wissen, wann etwas verfügbar ist und unsere Kunden dementsprechend nicht informieren können. Neue Anfragen, neue Offerten, immer von vorne und dies seit mehr als 2 Jahren. Ein gutes Rezept, wie wir aus der Situation herausfinden, haben wir noch nicht gefunden.
Kam es aufgrund des Drucks zu Kündigungen? Zum Glück nicht. Tatsache ist aber, dass die Menschen gereizter und am Anschlag sind. Sie haben auch keine Kapazitäten mehr für neue Ideen.
Das ist schlecht, wenn man als Chef neu anfängt und voller Tatendrang ist. Ja, das hat es nicht besser gemacht. Ich trage sicher auch eine Mitschuld an der Situation und werde alle dabei unterstützen, eine Balance zu finden, zwischen dem Tagesgeschäft und neuen Projekten.
Sehen Sie langsam eine Entspannung in der Lieferkette? Die Unsicherheit ist nach wie vor da. Hersteller können uns noch keine verlässlichen Stückzahlen zusichern.
Wie gross war denn Ihr Backlog zur schlimmsten Zeit, in Franken? Alleine im Solutionsbereich hatten wir einen Backlog von 15 bis 20 Millionen Franken, das ist rund ein Drittel mehr als vor der Pandemie. Mit einer ähnlichen Grössenordnung kämpften wir im Retailbereich.
In einem Stelleninserat suchen Sie eine Leitung für die Geschäftseinheit ICT Solutions. Wie ist da der Stand und ist das die letzte Stelle ihrer Geschäftsleitung? Die Position ist nach wie vor offen. Diese Woche finden die ersten Interviews statt und normalerweise dauert es noch ein paar Wochen, bis wir Vollzug melden können. Abgesehen davon ist die Geschäftsleitung komplett und gut aufgestellt.
Die neue Person wird sich auch um den Online-Service-Marktplatz kümmern müssen. Keine leichte Aufgabe, die Nachfrage dürfte noch nicht besonders hoch sein. Der Marktplatz ist primär durch das Microsoft-Angebot frequentiert. Aber es stimmt, wir sind weit hinter den Erwartungen, die wir vor 2 Jahren formuliert haben. Es fehlt insbesondere an Bekanntheit und dementsprechend an Traffic. Bis sich so ein Angebot im Channel etabliert, dauert es seine Zeit.
Der Unterschied zwischen kleinen und grossen Partnern dürfte frappant sein. Ja, die grossen Systemintegratoren sind fit und aktiv auch auf solchen Marktplätzen. Aber bei der breiten Masse ist das Volumen, das über Onlineplattformen abgewickelt wird, noch überschaubar.
Haben Sie die Ziele nach unten korrigiert? Wir stehen auf der Bremse und forcieren das Onboarding neuer Service-Anbieter nicht mehr. Wir wollen zuerst die Prozesse vereinfachen, die sind immer noch viel zu kompliziert. Aber auch das ist einfacher gesagt als getan.
Wenn Sie sagen, das Volumen sei überschaubar, dann will doch einfach kaum einer auf einem entsprechenden Marktplatz präsent sein.
Das heutige Angebot vieler Service-Provider umfasst oft keine Gesamtlösungen, sondern Einzellösungen. Solche fragmentierten Angebote zusammenzubauen, ist enorm aufwändig.
Viele wollen Hard- und Software ausliefern und sind gar nicht bereit, überhaupt mit Angeboten wie Everything-as-a-Service auf dem Markt präsent zu sein. Ich kann nicht für alle reden. Wir bei Alltron jedenfalls wollen in der Schweiz zu den ersten gehören, die solche Angebote machen und wollen das Feld nicht den internationalen Grössen überlassen. Ich gebe zu, dass wir in diesem Bereich nicht der Innovator sind. Aber wenn eine signifikante Nachfrage da ist, werden wir parat sein.
Wie holen Sie diese Kompetenzen ins Haus? Recruiting oder anorganisches Wachstum? Wir haben in den letzten 2 Jahren ein Team von sechs Spezialistinnen und Spezialisten aufgebaut. Aber wir sind auch offen für anorganisches Wachstum und haben als Gruppe entsprechende Möglichkeiten, wie zuletzt die Übernahme von Schoch-Vögtli zeigte.
Verglichen mit anderen sind Sie insbesondere in der Westschweiz noch etwas schmalbrüstig aufgestellt, oder? Im dritten Quartal möchten wir für unsere Kunden und Mitarbeitenden in der Romandie ein Zeichen setzen: Wir ziehen in ein modernes neues Gebäude in Bussigny und wollen das Team ausbauen. Mein Kollege Eric Kessler verantwortet den Vertrieb in der Westschweiz und er hat viel vor.
Welche Ziele haben Sie ihm für seine Reise in den Westen mitgegeben? Wir wollen in der Romandie bis 2025 denselben Marktanteil wie in der Deutschschweiz. Wenn das gelingt, wäre das ein substantielles Wachstum und dementsprechend wollen wir investieren.
In Zukäufe? Nein, in erster Linie in den Aufbau der Organisation und in den Ausbau unserer Kompetenzen, was wir hier in Mägenwil schon sehr gut gemacht haben. Das betrifft Technik, Sales, Consulting aber auch das Content Marketing.
Wie autonom ist denn Bussigny von Mägenwil? Das Ziel soll schon sein, eine möglichst hohe Autonomie zu schaffen. Dazu braucht es aber noch zusätzliche Ressourcen in der Westschweiz. Heute ist man in der Romandie noch zu stark von Mägenwil abhängig.
Sind die Ziele in der Deutschschweiz genauso ambitioniert oder sind Sie hier zufrieden mit dem, was Sie haben? Wir wollen schneller wachsen als der Markt. Um dieses Ziel zu erreichen, sind wir gut aufgestellt, speziell punkto Grösse des Händlernetzes und Breite des Sortiments.
Blicken wir ein bisschen über den Tellerrand: Was sind die Herausforderungen für die Disti-Branche allgemein in den kommenden Jahren? Dieselben wie für viele anderen Branchen auch: Nach wie vor das grosse Ungleichgewicht zwischen Verfügbarkeit und Nachfrage. Ich fürchte, dass sich das weiter verschärfen wird in den nächsten 12 bis 18 Monaten. Dasselbe gilt für den Fachkräftemangel, Recruiting wird problematisch bleiben.
Wie sehen Sie die fortschreitende Konsolidierung in der Branche? Werden kleine Player verschwinden und sich alles auf wenige Grosse konzentrieren? Konsolidierung findet statt, das ist so. Nachfolgeregelung wird bei kleineren Distis der Haupttreiber bleiben für den Entscheid, ob man sich verkauft oder nicht. Aber in den letzten 10 Jahren sind auch neue Spezialisten entstanden, deshalb erwarte ich keine starke Konsolidierung.

Inside Channels Forum:

Was tun, wenn Innovation fehlt? Was tun, wenn Ihre Mitarbeitenden nicht mehr ins Büro zurückkommen? Was tun, wenn die Nachfolgeregelung harzt? Diese und weitere Fragen beantworten unsere Speakerin und Speaker von T-Systems, HP und Bossinfo am 25. Mai 2022 im Kino Kosmos in Zürich.
Kostenlose Tickets gibt es ab sofort über unsere Sponsoren Cisco, Dell, Ingram Micro und Tech Data. Melden Sie sich bei Interesse bei:
  • Dell und Ingram Micro (E-Mail)
  • Tech Data, Gabi Nötzli (E-Mail)
  • Cisco, Nadine Amrein (E-Mail)
Tickets können natürlich auch in unserem Webshop bezogen werden.

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