Argo AI: VW und Ford geben Softwarefirma für Roboterautos auf

27. Oktober 2022 um 09:59
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Ein VW-Bus mit Argo-Steuerung auf den Strassen von München. Foto: Argo AI.

Nach 3 Jahren und Milliarden-Investitionen ist Schluss für Argo AI. Für autonome Fahrsysteme ist dies ein herber Rückschlag.

Mit grossen Ambitionen bündelten Volkswagen und Ford 2019 ihre Kräfte, um bei der Entwicklung selbstfahrender Autos voranzukommen. Die beiden Partner hielten bisher jeweils 40% an Argo und hatten sich gemeinsam auf eine breit angelegte Entwicklung der Technik geeinigt. Nun – nur 3 Jahre nach dem Start – ziehen die beiden Autohersteller dem Startup Argo AI schon wieder den Stecker.
Volkswagen werde nicht weiter in Argo investieren, teilten die Wolfsburger überraschend mit. Der US-Autobauer Ford steigt direkt aus dem Geschäft aus und schreibt dafür 2,7 Milliarden Dollar ab, wie er nach US-Börsenschluss mitteilte. Diese Belastung führte im 3. Quartal zu einem Nettoverlust von 827 Millionen Dollar.
Es ist der neuste Rückschlag für autonomen Fahrzeuge. Die Entwicklung der Technik ist kostspielig und gilt auch als riskant, denn die Erfolgsaussichten inklusive möglicher zukünftiger Gewinne sind unklar. Mit dem Ausstieg von Ford dürfte Argo als Firma Geschichte sein. Laut US-Medienberichten wurden die Beschäftigten bereits darüber informiert, dass das in Pittsburgh ansässige Unternehmen mit seinen rund 2000 Beschäftigten geschlossen wird. Volkswagen will Mitarbeitenden Angebote zu einem Wechsel machen.

Das Aus ist ein Rückschlag für das autonome Fahren

Die letzte Mitteilung von Lyft warb mit der Skalierbarkeit der Software und damit, dass in diversen Städten in den USA und Deutschland täglich Argo-Autos unterwegs seien. Erst kürzlich war das Unternehmen eine Partnerschaft für Robotertaxis mit dem Fahrtenvermittler Lyft eingegangen. Argo AI wurde noch 2021 mit über 7 Milliarden Dollar bewertet. Das Aus des Unternehmens muss auch als herber Rückschlag für die Technologie des autonomen Fahrens verstanden werden.
Argo glaubte noch 2017, als Ford einstieg, dass man bereits 2021 eine Technologie für autonome Fahrzeuge im grossen Stil auf den Markt bringen könnte. Diese Hoffnung hat sich Zerschlagen: Das rein autonome Fahren (Level 4 ADAS) sei bis heute weit davon entfernt, profitabel betrieben werden zu können, heisst es im neusten Geschäftsbericht von Ford. Man habe sich deshalb entschieden, das Startup fallen zu lassen und sich intern auf die Assistenzsysteme (Level 2 und 3) zu fokussieren. Argo sei es vorab nicht gelungen, neue Investoren für ihre Unterfangen zu finden.
"Wir sind optimistisch, was die Zukunft von L4-ADAS angeht, aber rentable, vollständig autonome Fahrzeuge in grossem Massstab sind noch weit entfernt, und wir werden diese Technologie nicht unbedingt selbst entwickeln müssen", heisst es von Ford-CEO Jim Farley im Geschäftsbericht. Es ist ein hartes Urteil für die Branche. Die gravierenden Probleme der Machine-Learning-Modell, die neben regulatorischen Auflagen das autonome Fahren ausbremsen, hat das Schweizer Informatiker Marcel Waldvogel kürzlich für 'Dnip' aufgezeigt.

VW kassiert den nächsten Software-Dämpfer

VW hält aber an seinen Plänen fest. Der Konzern will für seine bisher mit Argo geplanten Robotertaxis, die nach wie vor über die Mobilitätstochter Moia in Hamburg 2025 an den Start gehen sollen, nun in Kürze einen neuen Partner präsentieren. Einen Namen nennt das Unternehmen aber noch nicht.
"Gerade bei der Entwicklung von Zukunftstechnologien zählen Fokus und Geschwindigkeit", sagte Volkswagen-Konzernchef Oliver Blume. "Unser Ziel ist es, unseren Kundinnen und Kunden die leistungsfähigsten Funktionen zum frühestmöglichen Zeitpunkt anzubieten und unsere Entwicklung möglichst kosteneffizient aufzustellen."
Volkswagen war 2019 mit einem Investment von über 2,6 Milliarden Dollar in die damalige Ford-Tochter eingestiegen. Die Beteiligung war als Teil einer umfassenderen Allianz mit grossen Ambitionen beschlossen worden. Zusätzlich zu einer Milliarde Dollar an Finanzmitteln hatte VW auch die eigene Tochter AID eingebracht. Bis 2022 sollte VW dem amerikanischen Hersteller zudem weitere Anteile in Höhe von rund 500 Millionen Dollar abkaufen, so zumindest der Plan damals.
VW muss mit dem Ende des gemeinsamen Projekts mit Ford einen weiteren empfindlichen Dämpfer bei seinen Software-Ambitionen verkraften. Der Konzern musste zuletzt bei seiner mit Milliarden ausgestatteten konzerneigenen Software-Tochter Cariad Probleme beheben, so gab es Verzögerungen bei neuen Softwaregenerationen, die auch verspätete Starts neuer Automodelle zur Folge haben.

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