Software: Die unsichtbare Schweizer Industrie

Warum weiss kaum einer, dass in der Schweiz viel mehr Leute Software herstellen als zum Beispiel Schokolade? Und was kann man gegen diese gefährliche Unwissenheit tun? Exponenten der Software-Industrie im Gespräch mit inside-it.ch.
 
Unschweizerisch: Mit der Lancierung des europäischen Java-Entwicklerkongresses Jazoon nehmen die Initiatoren Netcetera, cr Kommunikation und Sun, sowie der Sponsor Elca ein beträchtliches Risiko auf sich. Warum tun sie das? Daniel Gorostidi von Elca sowie Andrej Vckovski (Netcetera) und Markus Kaufmann (cr Kommunikation) unterhielten sich mit inside-it.ch über die Zukunft der Software-Industrie in der Schweiz und ihre Motive dafür, ausgerechnet in Zürich einen Software-Anlass mit europaweiter Ausstrahlung zu lancieren.
 
Jedes Schaf, jede Kuh ist hierzulande bestens statistisch erfasst, doch bei der Frage, wie viele Leute Software herstellen, herrscht Ratlosigkeit. Andrej Vckovski schätzt die Zahl unter Berücksichtigung der Entwickler innerhalb der Finanzindustrie auf 30'000 bis 55'000 – zum Vergleich: gerade mal etwas über 4000 Leute sind hierzulande in der Schokoladeherstellung tätig.
 
Die Industrie ist jung, die Grenzen sind unklar. Vckovski: "Ist ein IP-Telefonie-Anbieter eine Softwarefirma oder nicht?" "Als Ascom noch gross war, sagte man mir, sie hätten 60 IT-Leute. Natürlich war diese Zahl viel zu niedrig, denn viele Leute bei Ascom bauten Software", ergänzt Gorostidi. Ein weiteres Beispiel ist Phonak. Wie gross ist der Anteil der Software am Preis der Hörgeräte - und: wie viele Leute in den 'Life Sciences' der technischen Hochschulen entwickeln Software?
 
Einig ist man sich schliesslich, dass die Grenzen zwischen Industrie und Dienstleistung, zwischen Software-Anwendung, -Implementation und -Entwicklung zunehmend verschwimmen. "Ein SAP-Programmierer hat früher Code geschrieben, heute klickt er auf einer grafischen Oberfläche herum. Trotzdem kann daraus Software entstehen. Wir gehen davon aus, dass es in der Schweiz wesentlich mehr Software-Entwickler gibt, als man allgemein annimmt", sagt Vckovski.
 
"Nicht als Industrie anerkannt"
Doch was man nicht kennt und nicht sieht, kann man schlecht kommunizieren. Gorostidi: "Unser Geschäft wird nicht als Industrie wahrgenommen. Man sieht die Maschinen, man sieht auch das Wissen, doch was man nicht sieht, sind die Software-Systeme dahinter." Eine Folge davon ist, dass die junge Software-Industrie trotz ihres grossen Potentials in der Politik fast nicht vertreten ist.
 
"Das ist aber auch unser eigener Fehler", betont Gorostidi. "Wir haben Dutzende von Organisationen, aber wir haben uns nicht genug angestrengt, die Industrie zu organisieren. Wir haben uns nur auf den Markt konzentriert." "Da kommt Jazoon ins Spiel. Ein Ziel des Kongresses ist auch, die Industrie sichtbarer zu machen. Wir werden Spezialisten aus der ganzen Welt zusammenbringen und zeigen, dass wir in der Schweiz durchaus relevant sind." ergänzt Vckosvski.
 
Der Traum vom Massenprodukt
Dass die Herstellung von Computerprogrammen in der Schweiz fast heimlich passiert, hat wohl auch damit zu tun, dass hier keine Massenprodukte wie "Photoshop" hergestellt werden. Sind wir einfach schlechte Vermarkter? Die Schweizer Software-Szene sei einfach zu klein, um weltweit grosse Erfolge zeigen zu können, glaubt Gorostidi. Zudem seien Schweizer Programme zu spezifisch und zu technisch und die Hauptkunden aus der Finanzindustrie zu verschwiegen.
 
"Es gibt viel Schweizer Software da draussen, zum Beispiel in den Hörgeräten, in Mobiltelefonen oder in Logitech-Geräten, aber die Leute wissen es nicht", doppelt Vckovski nach. Doch typische Schweizer Software sitzt meistens im Hintergrund von Systemen und ist darum für das allgemeine Publikum nicht sichtbar, analysiert Markus Kaufmann. Der Grund: Die Hürden für massenmarkttaugliche Software aus der Schweiz sind extrem hoch. Es gibt keinen grossen Heimmarkt, Wagniskapital ist schwierig zu finden. Deshalb, so Vckovski, konzentriert sich die Schweizer Industrie auf Software, die in Geräten eingebaut wird (embedded) und auf sehr grosse Lösungen: "Es ist einfacher, 50 Kunden anzusprechen als 50 Millionen. Trotzdem habe ich immer davon geträumt, eine coole Software für den Massenmarkt zu entwickeln."
 
Zwischen massenhaft kopierten Programmen für Endanwender und Einzelanfertigungen gibt es aber noch ein Zwischending: Standardsoftware für Unternehmen, die zwar nicht einige Millionen, aber einige hundert bis tausend Male verkauft werden kann. Gerade für den KMU-Bereich wird in der Schweiz auch viel Standardsoftware hergestellt – das Paradebeispiel sind ERP-Lösungen. Auch Elca und Netcetera versuchen sich auf diesem Gebiet. Gorostidi: "Wir versuchen mit 'SecuTix' die Erträge aus Software zu multiplizieren. SecuTix ist ein Self-Service-System. Wer immer Tickets verkaufen will, kann sich einloggen, bezahlen und mit dem Ticket-Verkauf starten."
 
Auch Netcetera hat mit dem Event-Management-System "Eveni" eine Standardsoftware auf Lager. Vckovski zu den Erfahrungen mit "Eveni": "Wir haben den Aufwand für Marketing unglaublich unterschätzt. Die Lösung funktioniert und es gibt ein Potential von vielleicht 50'000 Kunden. Aber sie müssen unsere Software erst mal kennen..." Gorostidi bestätigt diese Erfahrungen. "Ich träume davon, kleinen Firmen die Infrastruktur zu liefern, die sie brauchen. Sei es Ticketing, sei es etwas anderes. Wir sind gute Infrastruktur-Bauer. Aber es ist ungeheuer schwierig, einer bestimmten Industrie genau die Dienstleistungen zu geben, die sie braucht. Wir haben gedacht, Billete zu liefern sei einfach. Ist es aber überhaupt nicht. Wir versuchen nun, ein Massenmarkt-taugliches Marketing aufzuziehen und wollen lernen, wie man kleine Firmen bedient."
 
Der Trend geht eindeutig hin zu Service-Modellen, wo (Software)-Infrastruktur nach Bedarf gemietet werden kann. Dies öffnet auch für die Schweizer Softwareindustrie Chancen, ist Vckovski überzeugt. Man brauche nicht soviel Leute in Kundennähe und könne mit Partnerschaften arbeiten. "Es ist schwierig, aber Software-as-a-Service zu verkaufen ist leichter, als weltweit Lizenzen zu vertreiben," sagt Gorostidi. "Wir sind mit dem Ticketingsystem nun in fünf Ländern."
 
Und warum nun Jazoon?
cr Kommunikation, Netcetera, Sun und Elca wagen mit der Lancierung der europäischen Entwicklerkonferenz Jazoon einiges. Warum tun sie dies? Und warum ausgerechnet im teuren Zürich? "Natürlich ist es riskant", antwortet Vckovski. "Doch Risiken gehören zu unserem Geschäft. Die IT-Industrie in der Schweiz und in Europa muss sich besser organisieren und sie braucht vor allem mehr Weiterbildung und mehr Austausch. "Unsere Leute sollten mindestens vier bis fünf Tage pro Jahre rausgehen und neue Ideen kennenlernen können. Und wir können nicht jedes Jahr siebzig Mitarbeiter an die JavaOne in die USA senden. Noch schwieriger ist das für kleine Firmen und für Entwickler in Osteuropa. Zudem ist Jazoon für uns als Netcetera eine Gelegenheit, auf dem Arbeitsmarkt präsenter zu sein und zu zeigen, dass Zürich ein interessanter Arbeitsplatz sein kann. Schliesslich wollen nicht alle bei Google arbeiten."
 
"Für uns ist die Jazoon eine gute Initiative. Wir wollen das unterstützen. Es gibt uns die Gelegenheit über die Schweiz zu reden. Es ist gut, wenn immer mehr IT-Spezialisten aus der ganzen Welt in die Schweiz kommen. Ausserdem können wir so Elca unter den Spezialisten in der Deutschschweiz bekannter machen", meint Gorostidi. Jazoon werde Elca auch gegenüber den Kunden bekannter machen und den Namen verankern.

Die Jazoon sei auf gutem Weg, ist Markus Kaufmann überzeugt: "Das Programm ist ausgezeichnet – besser als wir zu hoffen wagten. Nun geht es darum, die Konferenz in der ganzen Community bekannt zu machen." (Gespräch und Artikel: Christoph Hugenschmidt)
 
(Interessenbindung: Wir sind Medienpartner der Jazoon.)