Warum es (fast) keine Frauen in der Schweizer Informatik hat

Wer ist schuld: Die Sozialisierung im Kindergarten? Der vorherrschende Chauvinismus in der Informatik? Die falschem Weichenstellungen im Gymi? Oder doch das Fehlen von frauengerechten Arbeitszeitmodellen und Kinderkrippen?
 
Die Schweizer Software-Industrie kann sich zur Zeit nicht über eine schlechte Auftragslage beklagen. Das Geschäft für Hersteller und Integratoren von komplexer Software brummt, doch der Mangel an qualifiziertem Nachwuchs ist kurzfristig mühsam aber langfristig regelrecht bedrohlich. Denn engagierte und gut ausgebildete EntwicklerInnen sind der "Rohstoff", aus dem gute Software entsteht - fehlen sie, so wird die Software-Industrie zwangsläufig abwandern (müssen).
 
Im Gegensatz zu aufstrebenden Informatik-Standorten in Osteuropa wird in der Schweiz fast die Hälfte des Potentials glatt verschenkt. Denn der Anteil von Frauen in der Schweizer Informatik ist verschwindend gering und von den Informatik-StudentInnen an der ETH sind heute nur etwa 13 Prozent Frauen.
 
Es geht: Frauen in der Mehrheit
Mit dem Thema "Frauen in der IT" beschäftigte sich vergangenen Donnerstag am "Netcetera Eve" ein hochkarätig besetztes Podium (Foto) vor einem ebenso spannenden Publikum: Für einmal waren sowohl auf dem Podium wie auch bei den Zuhörenden Fachfrauen in der Überzahl. Unter der Leitung von Martin Spieler (Handelszeitung) diskutierten Andrej Vckovski (Netcetera), Kathy Riklin (NR CVP, Bildungspolitikerin), Regine Bolter (Studiengangsleiterin Informatik FH Voralberg), Prof. Kathrin Altwegg-von Burg (Dozentin Physik, Uni BE), Gabriela Keller (Informatik-Ingenieurin, Ergon) und Sarah Andris (ehemals Avaloq, heute Andris Consulting). Hier einige interessante Aspekte aus der Diskussion.
 
1. Der Kindergarten ist schuld
"Das Problem beginnt bei der Geburt. Mädchen bekommen rosa Kleidchen und Puppen geschenkt, Knaben Autos. Im Kindergarten geht es weiter," sagt Professorin Altwegg-von Burg. Sie hat ihre Mädchen überhaupt nicht nach diesem Muster erzogen, trotzdem sind sie spätestens im Kindergarten durch den Druck der Gleichaltrigen - sowohl Mädchen wie Knaben - von technischem Spielzeug ferngehalten worden.
 
Das Problem setzt sich in der Primarschule fort. "Viele Primarschullehrerinnen haben einen schlechten Zugang zu Technologie. Lange Zeit war der Gebrauch von E-Mail geradezu ein Tabu. Und wer sogar stolz darauf ist, nicht rechnen zu können, wird sich schwerlich an das Verständnis von komplexen System heranwagen," sagte Bildungspolitikerin und Geologin Kathy Riklin.
 
Dass das Interesse an technischen Dingen, an der Frage "wie funktioniert es" (Vckovski), nicht geschlechtsspezifisch, also "naturbedingt" sein kann, zeigen die Beispiele Ost- und Südeuropa. In der Niederlassung von Netcetera in Mazedonien, sind gut ein Viertel der EntwicklerInnen Frauen, in Italien wird Mathematik vor allem von Frauen gelehrt.
 
2. "Wir brauchen eine Technik-Soap!"
Mädchen werden also in der Schweiz wie auch in Österreich, wie Regine Bolter darlegte, regelrecht davon abgeschreckt, technische Fragen auch nur verstehen zu wollen. Eine Image-Frage? "Es gibt TV-Serien über Spitäler und solche über Anwältinnen. Diese Berufe sind heute unter Mädchen, anders als früher, eine erstrebenswerte Option. Wir brauchen eine Technik-Soap," so Sarah Andris' Zusammenfassung der Tatsache, dass technische Berufe im deutschsprachigen Raum anders als in Osteuropa ein niedriges Prestige haben.
 
Zum Image-Problem, kommen gravierende Fehler in der Ausgestaltung des Schweizer Bildungswegs dazu. Ausgerechnet in den wildesten Phasen der Pubertät müssen sich Mädchen und Knaben heute zwischen einer Natur- oder geisteswissenschaftlichen Laufbahn entscheiden, kritisiert Astrophysikerin Altwegg-von Burg. Ein Entscheid, der später fast nicht mehr zu korrigieren ist, obwohl die meisten SchülerInnen ihre Wahl nicht nach Neigung und Eignung treffen, sondern sich an den wortführenden "Gspönli" orientieren.
 
Dazu kommt, dass an den (Mittel)Schulen zwar viel Informatik-Anwendung aber wenig -Wissen gelehrt wird.
 
Zum schlechten Image der technischen Berufe gehört auch die Vorstellung vom überarbeiteten, autistischen Programmierer (oder Physiker), der Tag und Nacht in seinem Kämmerchen sitzt. "Frauen wissen nicht, wie gross der Anteil von Dienstleistung und Kommunikation an der Entwicklung von IT-Lösungen heute ist. Dieses Vorurteil wäre zu beerdigen," hält Gaby Keller fest. Ausserdem ist der Typ des einsamen "Hackers" in Wissenschaft und Technik nicht mehr gefragt. "Es gibt schon noch Physiker, die im stillen Kämmerlein vor sich hin werkeln, aber das sind nicht die erfolgreichen," sagt Altwegg-von Burg kurz und bündig.
 
3. ICT: eine chauvinistische Branche?
Keine Einigkeit zwischen dem sehr aktiv teilnehmenden Publikum und dem Podium gab es in der Frage, ob in der Männer-dominierten Informatik-Branche nicht auch eine gehörende Portion Chauvinismus gegenüber Frauen herrscht. "Männer streiten anders. Man braucht ein stärkeres Fell und muss eine gewisse Portion Sexismus akzeptieren," meint beispielsweise Sarah Andris. Und aus dem Publikum wird deutlich darauf hingewiesen, dass das öffentliche Bild der spannenden technologischen Berufe rein männlich besetzt ist.
 
Dem widersprechen Vckovski und Keller, beide in den Geschäftsleitungen von Informatikfirmen. "Informatik eignet sich extrem gut für Teilzeitmodelle, so dass sich auch Familie und Beruf gut unter einen Hut bringen lassen," sagt Vckovski. "Doch Teilzeitmodelle funktionieren nur, wenn es auch Aufträge gibt, die nicht unter einem extremen Termindruck stehen. Warum sollte die öffentliche Hand, die in der Schweiz 30 % der IT-Leistungen einkaufen, nicht Firmen mit einem hohen Anteil an Frauen- und Teilzeitarbeit bevorzugen?"
 
Die Realität sieht anders aus, wird aus dem Publikum festgestellt. Wer in technischen Berufen einen Teilzeitjob sucht, hat grösste Mühe. Und warum sind es immer die Frauen, die Kinder betreuen und deshalb Teilzeit arbeiten müssen?
 
Und was wäre wenn?
Und was wäre nun, wenn der Frauenanteil in den Informatik-Berufen steigen würde? "Der Lohn würde sinken," ist die trockene Antwort der Berner Physik-Professorin. Doch man (und frau) ist sich auch beim anschliessenden Apéro einig, dass ein höherer Anteil von Frauen der ICT-Industrie gut tun würde. Würde. Denn auch wenn Frauen die Technik-feindliche Sozialisierung und ungute Männerbündelei in der Branche überwinden, so sind ihre Karrierechancen eben doch noch ungleich. Nur in den wenigsten Firmen ist das Bild des Tag und Nacht schuftenden Programmierers Vergangenheit und noch fast immer wird die "hundertprozentige Verfügbarkeit" als Voraussetzung für einen richtig guten Lohn angesehen.
 
Dazu kommt die Sache mit dem Kinderhaben. Sowohl in Osteuropa, wo technische Berufe für Frauen selbstverständlich sind, wie auch in Schweden, wo der Anteil der Frauen an den Informatik-Lehrgängen der Unis bei 38 Prozent liegt, ist es selbstverständlich, dass auch kleine Kinder ausser Haus betreut werden. Da hören wir doch in der Schweiz ganz andere Töne… (Christoph Hugenschmidt)
 
(Interessenbindung: Sowohl der Veranstalter Netcetera wie auch Ergon sind unsere "Technologie-Partner" und als solche wichtige Kunden unseres Verlags. Unsere coole Software-Plattform wurde übrigens zu einem rechten Teil von einer Frau programmiert.)
 
Die Podiumsdiskussion kann auch als Webcast angesehen werden.