Solothurner Open-Source-Strategie in der Kritik

Nicht alle kantonalen Angestellten des Kantons Solothurn sind mit der Open-Source-Umgebung zufrieden. Nun hat sich die kantonale Finanzkontrolle eingeschaltet.
 
Der Kanton Solothurn gilt seit einigen Jahren als Open-Source-Pionier in der Schweiz. Seit Bekanntwerden der ausschreibungslosen Auftragsvergabe des Bundes an Microsoft vor einigen Tagen gibt es eine lebhafte öffentliche Diskussion darüber, ob Open-Source-Software (OSS) geeignet ist für Verwaltungen. In diesem Rahmen hat die 'Neue Zürcher Zeitung' vor wenigen Tagen über das positive Beispiel Solothurn berichtet. Das 'Solothurner Tagblatt' berichtet nun heute ebenfalls über den Kanton Solothurn – allerdings im negativen Sinne.
 
Ersparnisse von 1 Million pro Jahr
In der 'NZZ' war zu lesen, dass der Kanton Solothurn dank Open Source die jährlichen IT-Ausgaben um 10 Prozent senken kann – Zusatzkosten wie Umschulungen sind dabei berücksichtigt. Kurt Bader, als Chef des Solothurner Amts für Informatik und Organisation (AIO) oberster IT-Leiter des Kantons, beziffert die jährlichen Ersparnisse des Kantons auf über eine Million Franken. Er betont aber, auch im Gespräch mit inside-it.ch, dass dies zum Teil nur ein hypothetischer Vergleich ist, da man nicht wissen könne, wie teuer beispielsweise eine Vista-Einführung gewesen wäre.
 
Was die Beliebtheit von Open Source in Solothurn betrifft, so muss auch Bader einräumen, dass die Widerstände der User zum Teil erheblich sind. Er betont aber, dass auch ein Wechsel auf Vista Umschulungen voraussetzen würde. Seit Ende 2008 seien alle Angestellten im Umgang mit den verschiedenen Open-Source-Lösungen (Debian, OpenOffice) geschult. Gemäss Bader sind mittlerweile alle Geräte umgerüstet, es arbeiten aber erst 1300 Personen mit OSS. Bis 2010 sollen sämtliche 2000 Verwaltungsangestellten mit OSS arbeiten. Wie Bader zu inside-it.ch sagt, ist die technische Infrastruktur bereit. Die verbliebenen Dienststellen müssten nun selber entscheiden, wann sie umstellen wollen.
 
Website prangert Probleme an
Das 'Solothurner Tagblatt' interpretiert dies als eine zweijährige Verspätung, was Bader aber verneint. Im 'Solothurner Tagblatt' heisst es, die Umstellung werde etwa für das Amt für Umwelt (AfU) zur echten Herausforderung, weil es mit rund 30 verschiedenen Computeranwendungen arbeitet, die nicht für Linux konzipiert seien. Um die Umstellung von Windows NT auf Linux zu bewältigen, habe man vor einem halben Jahr eine auf drei Jahre befristete 50-Prozent-Stelle geschaffen, die nun Zusatzkosten von insgesamt zirka 150'000 Franken verursache. Bader betont im Gespräch allerdings, dass diese Stelle so oder so hätte geschaffen werden müssen – auch bei einem Verzicht auf OSS.
 
Zu der vor einigen Monaten von verärgerten kantonalen Mitarbeitenden aufgeschalteten Website http://linuxwindows.npage.ch wollte sich Bader nicht direkt äussern, da es sich um anonyme Beiträge handle. Man müsse bedenken, dass für viele Probleme (etwa Mails, die im Spam-Ordner verschwinden) pauschal die OSS-Umgebung beschuldigt werde, was natürlich Quatsch sei.
 
Gemäss 'Solothurner Tagblatt' hat sich nun die kantonale Finanzkontrolle eingeschaltet. "Wir haben das Linux-Projekt für 2009 erstmals in unser Revisionsprogramm aufgenommen", wird deren Chef Peter Hard zitiert. Das Kontrollorgan wolle wissen, welche Einsparungen bis jetzt erreicht wurden, welche Mehrkosten entstanden sind, wo die Umstellung geklappt hat und wo nicht. "Wir haben die Kritik natürlich mitbekommen und wollen mit der Revision dazu beitragen, dass Klarheit herrscht", so Hard. Der Bericht der Finanzkontrolle erscheine im Herbst. (Maurizio Minetti)