Jetzt kommt der Open-Source-Arbeitsplatz "als Service"

Der Microsoft-Gold-Partner Leuchter Informatik gründet eine neue Firma, die einen kompletten, virtualisierten PC-Arbeitsplatz auf Basis von Open-Source-Software lanciert. Der "Open Work Place" erinnert stark an Swisscoms "One Workplace".
 
Einige bekannte Gesichter aus der Schweizer Open-Source-Szene waren gestern im Luzerner Verkehrshaus zugegen. Grund war die Lancierung des "Open Work Place", eines virtualisierten Arbeitsplatzes auf Basis von Open-Source-Software. Gemäss Daniel Jäggli (Foto), CEO des im vergangenen März gegründeten gleichnamigen Unternehmens, ist ein solcher Arbeitsplatz rund 30 Prozent günstiger als ein klassischer, selbst betriebener PC-Arbeitsplatz. Jäggli ist zugleich Chef des Microsoft-Gold-Partners Leuchter Informatik. Die Open Work Place AG gehört 21 Aktionären, wovon 14 Leuchter-Mitarbeitende sind.
 
Der "Open Work Place" läuft komplett virtualisiert auf HP-Hardware in einem Rechenzentrum von Leuchter in Luzern und beinhaltet unter anderem die Open-Source-Lösungen Ubuntu, OpenOffice, Zimbra OpenProj, Gimp und Scribus. User können unabhängig vom Endgerät (das bei Bedarf bei Leuchter gekauft werden kann) darauf zugreifen, vorerst nur über einen VPN-Client. Später soll es auch einen Web-Client geben. Diverse Hochschulen arbeiten an der Entwicklung eines solchen, sowie unter anderem an der "Verschweizerung" von Open-Source-Geschäftssoftware, die später ebenfalls Teil des Pakets werden sollen. Heute werden die bei den Kunden bestehenden ERP- und CRM-Lösungen über ein virtualisiertes Windows laufen gelassen.
 
Da war doch was
Die Idee eines kompletten PC-Arbeitsplatzes "on demand" oder "als Service" ist an sich nicht neu. Bisherige Bemühungen verschiedener Unternehmen scheinen aber von wenig Erfolg gekrönt. Die Teilnehmer der gestrigen Veranstaltung waren sich jedenfalls sicher, dass es so ein Angebot – vor allem auf Basis von Open-Source-Software – bisher in der Schweiz noch nie gab. Tatsächlich lancierte Swisscom bereits vor knapp drei Jahren den "One Workplace", der nicht nur ähnlich heisst, sondern auch sozusagen als Inspirationsquelle für den "Open Work Place" diente, wie gestern am Rande der Veranstaltung zu erfahren war. Leuchter war vor drei Jahren offizieller Partner von Swisscoms "One Workplace".
 
Es gibt – abgesehen von gewissen Details – zwei Hauptunterschiede: Swisscom setzt auf Microsoft-Software, der "Open Work Place" hingegen komplett auf quelloffene Software. Swisscom hat vor allem Firmen mit zwischen rund 30 bis 250 Arbeitsplätzen im Visier, während das gestern lancierte Angebot eher für kleine Firmen konzipiert ist. Der typische Zielkunde sei ein KMU mit fünf bis 50 Arbeitsplätzen, hiess es gestern. Der Pilotkunde, die Textilwerke AG in Root, hat ein Dutzend Arbeitsplätze.
 
Die Preise der beiden Angebote zu vergleichen ist schwierig, da beide Varianten andere Grund-Services und diverse Zusatz-Leistungen beinhalten. Der Basisdient des "Open Work Place" kostet 400 Franken je Monat und Unternehmen. Hinzu kommen 120 Franken pro Monat und User. Damit bekommt man sämtliche Office-Werkzeuge, 30GB Speicherplatz pro User, Datensicherung sowie Support. Nicht dabei sind Zusatzservices wie etwa Intranet oder ERP, CRM und Telefonie. Setup und Migration kosten 5000 Franken pro Unternehmen, 250 Franken pro Benutzer. Swisscoms "One Workplace" kostet mindestens 2640 Franken pro Jahr und Arbeitsplatz.
 
Beratung ist das A und O
Vielleicht war es vor drei Jahren zu früh, um einen PC-Arbeitsplatz "als Service" zu lancieren. Seit Anfang 2008 ist Cloud Computing in aller Munde und es scheint nicht mehr abwegig, komplette Arbeitsplätze mit allem drum und dran zu mieten und nur für jene Leistungen zu bezahlen, die man auch wirklich braucht.
 
Entscheidend im Fall des "Open Work Place" wird sein, ob die Macher in der Lage sein werden, die Kunden umfassend und vor allem schnell zu beraten und sie zu betreuen. Für ein Unternehmen, das aus dem Microsoft-Umfeld kommt, wohl keine einfache Aufgabe. Immerhin: Jäggli sagte bereits gestern, der grösste Fehler, den man machen könne, sei, die Kunden alleine zu lassen. (Maurizio Minetti)