Der Google-Big-Bang bei Ringier

Ringier hat vor einer Woche in der Schweiz im "Big-Bang"-Verfahren Google Apps für Kommunikation eingeführt. Der Projektverantwortliche Christian Glanzmann zu ersten Erfahrungen und Hintergründen.
 
Das Verlagshaus Ringier hat am Montag der letzten Woche in der Schweiz für rund 2500 Angestellte an 20 Standorten auf einen Schlag, also im sogenannten "Big Bang"-Verfahren, Google Apps ausgerollt. Die Google-Services werden seither für Mail, Kalender und Adressverwaltung benützt.
 
Nun, Ringier gibt es noch, 'Blick' und Co. sind auch in der letzten Woche pünktlich erschienen und grosse Probleme hat man von aussen nicht mitgekriegt. Und der Projektverantwortliche Christian Glanzmann (kleines Foto Frontseite), Head of Business Solutions IT bei Ringier, ist, wie er vorgestern Abend zu inside-it.ch sagte, "extrem erleichtert". Zu "98 Prozent" sei alles sehr gut gelaufen. Und es gebe nichts, was Anlass dazu geben würde, an einen Rollback zu denken.
 
Der Stressfaktor allerdings, so Glanzmann, war trotzdem sehr hoch, weil der Rollout sozusagen "ohne Netz und doppelten Boden" erfolgt sei. Dies insbesondere weil man wenig im Voraus testen und daher auch kaum einschätzen konnte, was Ringier erwartete.
 
Ringier setzte für die Umstellung der User unter anderem in den ersten beiden Tagen 70 "Walking Teachers" ein, die den Anwendern bei "Low-Level-Problemen" wie "Wo finde ich jetzt das?" oder "Was muss ich machen, um..." halfen. Obwohl die Umstellung aus Sicht der Ringier-IT sehr gut abgelaufen ist, waren die Walking Teachers, so Glanzmann, "ganz gut ausgelastet".
 
Die grössten Probleme gebe es allerdings, wie schon im Vorfeld vermutet, im Bereich der Umstellung von eingespielten Exchange-basierten Workflows. Die Exchange-Umgebung wurde laut Glanzmann gerade bei Ringier in der Schweiz auch viel stärker ausgereizt als in anderen Länderniederlassungen des Verlags. Da müsse einiges neu gebaut werden, weil es bei Google Apps anders gehandhabt wird. Zudem gebe es teilweise erst jetzt im laufenden Betrieb bemerkbare technische Limiten, die ein anderes Vorgehen notwendig machen.
 
Kein Abschied von Microsoft
inside-it.ch hatte schon drei Tage vor dem Rollout Gelegenheit, sich mit dem damals noch leicht nervöseren Christian Glanzmann zu den Hintergründen zu unterhalten. Google Apps werden bei Ringier wie erwähnt vorerst prioritär für E-Mail, Kalender und Adresswesen eingesetzt. Andere Google-Tools wie die Docs können, müssen aber von den Angestellten nicht genützt werden. Der Google-Rollout bedeute also, wie Glanzmann betont, keineswegs einen "Abschied von Microsoft." SharePoint soll vorläufig noch weiter gebraucht werden, und auch Office bleibt auf den Systemen. Der Exchange-Server allerdings soll, wenn alles klappt, "bald" abgestellt werden. Dies ist auch notwendig, um eines der Ziele der Umstellung, die finanziellen Einsparungen, realisieren zu können.
 
Ringier verfolgt aber über die Finanzen hinaus deutlich weitergehende Ziele. Im Rahmen seiner "3M"-Strategie für alle Verlagsprodukte (Multimedia, Multichannel, Multiplattform) möchte Ringier verstärkt zu einer "assetlosen" IT übergehen, die es erlaubt, neue Projekte flexibel, schnell und "ohne Ballast" durchzuführen. Eine IT auch, die laut Glanzmann keine "traditionellen Operators" mehr erfordert. Auch bei Ringier laufen allerdings gegenwärtig noch diverse Dinge weiterhin im eigenen Rechenzentrum, so das Redaktionssystem von Woodwing, das Bildarchiv, sowie SAP und das CRM-System.
 
Angst vor Änderungen versus Reiz des Neuen
Ein weiteres Ziel der Einführung der Google Apps ist für Ringier die Förderung der Anwendung von "Consumer-IT" , also von Tools, welche die Angestellten von zu Hause kennen, auch am Arbeitsplatz. Zudem sollen die User selbst mehr Verantwortung übernehmen und auch übernehmen können, beispielsweise dabei, welche Tools sie nutzen und wie sie die Zusammenarbeit in Arbeitsgruppen organisieren. In diesem Zusammenhang wurden übrigens auch das "Google Lab", in dem experimentelle Zusatztools angeboten werden und das man zuerst hatte schliessen wollen, nun doch für die Ringier-Angestellten geöffnet, auch wenn seine Nutzung nicht aktiv gefördert wird.
 
Natürlich gibt es unter den Usern bei Ringier auch Ressentiments und Verunsicherung nach dem Motto "Schon wieder etwas neues", räumt Glanzmann ein. Neben den Walking Teachers, welche bei den ersten Bedienungsproblemen geholfen haben, so glaubt er, werden aber längerfristig die Vielfalt der neuen Möglichkeiten und die neue Selbsbestimmung helfen, auch kritische User umzustimmen. Diese Vorteile sollten doch eigentlich jeden überzeugen, so meint er, der "halbwegs dynamisch unterwegs" sei.
 
Warum eigentlich Google?
Der Entschluss, "in die Cloud" zu wechseln, stand bei Ringier am Anfang. Nun bieten aber auch andere, etabliertere Unternehmen als Google mittlerweile komplette Online-Suiten für Mail, Messaging und Office-Funktionen an. Laut Glanzmann wurde bei Ringier schlussendlich zwischen Google und Microsoft gewählt. Microsoft biete, so Glanzmann, ein perfekt integriertes und abgestimmtes Umfeld, vor allem auch bei den Kalenderfunktionen, die bei Google noch etwas holpriger laufen, an.
 
Von Google erhalte man dagegen eher einen "Werkzeugkasten", den man selbst ausprobieren könne – und Ringier glaube, dass seine Zukunft in dieser Art von Innovation liege. Die einfacher gehaltenen Tools würden es ausserdem eher erlauben, Verantwortung in die Hände der Enduser zu legen. Weitere Entscheidungskriterien waren die grosse Entwicklergemeinde und damit die Vielzahl der erhältlichen Zusatztools, das mitinbegriffene Langzeitarchiv (die Mails werden zehn Jahre lang bei der Google-Tochter Postini gespeichert) sowie last but not least die erhofften tieferen Gesamtkosten.
 
Google garantiert übrigens keinen bestimmten Speicherort für die Daten, verbürgt gegenüber Ringier aber die Einhaltung der Eidgenössischen Datenschutz- und der Safe-Harbour-Bestimmungen. (Hans Jörg Maron)
 
(Foto: Ringier)