Verband ICT-Berufsbildung Schweiz schlägt Alarm

Ändert sich nichts am Status quo, fehlen bis im Jahr 2017 schweizweit 32'000 ICT-Fachkräfte. Gefordert werden nun konkrete Gegenmassnahmen von Politik, Wirtschaft und Verwaltung.
 
Schon seit Jahren wird in der Schweiz ein ICT-Fachkräftemangel beklagt. Mehrere Initiativen wurden ergriffen, um vor allem junge Leute wieder vermehrt für den Informatik-Beruf zu begeistern. Die Macher des "Jahrs der Informatik" informatica08 machten auf dieses Problem aufmerksam, und im Sommer 2009 gab es eine erste, eher unverbindliche Allianz von Schweizer IT-Anwender-Firmen und IT-Anbietern, die sich das Ziel vorgaben, spätestens 2015 über genügend qualifizierte IT-Berufsleute für die Industrie und die Verwaltung in der Schweiz zu verfügen. Anfang dieses Jahres wurde dann der dem IT-Dachverband ICTswitzerland unterstellte Verband "ICT-Berufsbildung Schweiz" aus der Taufe gehoben.
 
"Ohne Informatik läuft nix!"
Heute gaben die Verantwortlichen, unter ihnen einige der bekanntesten IT-Manager des Landes, in Zürich über den aktuellen Stand der Dinge Auskunft. Mittlerweile hat sich neben der Grossbank Credit Suisse, welche die zum Verband gehörende Stiftung IT-Berufsbildung Schweiz mit 10 Millionen Franken finanziert, auch Swisscom engagiert: Der Ex-Monopolist unterstützt die Stiftung mit einer Million Franken. Eine Broschüre ("Ohne Informatik läuft nix!") wird ab sofort verteilt und auf der neu aufgeschalteten (und von Berner IT-Lernenden entwickelten) Homepage von ICT-Berufsbildung Schweiz gibt es ausführliche Informationen für Firmen und Privatpersonen.
 
Wie schon bekannt, finanziert das Bundesamt für Berufsbildung und Technologie (BBT) einzelne Projekte des ICT-Berufsbildungsverbands. So etwa auch zwei Studien, die heute vorgestellt wurden. Sie sollen den Beweis erbringen, dass der ICT-Fachkräftemangel den Wirtschaftsstandort Schweiz gefährdet. Ohne Gegenmassnahmen fehlen bis ins Jahr 2017 32'000 ICT-Fachkräfte in der Schweiz, lautet die Prognose. Weil die Informations- und Kommunikationstechnologie in der Schweiz mit einem BIP-Anteil von 5 Prozent (25 Milliarden Franken) von entscheidender Bedeutung ist, müsse nun endlich etwas getan werden, lautete der Tenor. Verlust von Wertschöpfungspotential und Know-how wäre sonst die Folge.
 
Ziel der neuen nationalen Organisation der Arbeit (OdA) ICT-Berufsbildung Schweiz ist es nun, bis 2017 die Anzahl der Absolventen der Berufsbildung zu verdoppeln. Alfred Breu, Vizepräsident von ICT-Berufsbildung Schweiz, sagte heute, sein Traum – sowie das Hauptziel von ICT-Berufsbildung Schweiz – sei es, dass Firmen den Anteil der Lernenden der Grundbildung pro 100 ICT-Beschäftigte von aktuell 3,7 Prozent bis 2017 auf den Landesdurchschnitt aller Branchen von 5,4 Prozent anheben – das wäre eine Steigerung um 3000 Ausbildungsplätze. Als zweites Ziel sollen die ICT-Abschlüsse der Höheren Berufsbildung (2009: 1037 Personen) verdoppelt werden. Hierfür sollen Mittel zur Förderung der ICT-Bildung auf Hochschulstufe bereitgestellt werden.
 
Stellen bleiben unbesetzt
Am Beispiel von CS und Swisscom zeigt sich, wie akut der Mangel an ICT-Arbeitskräften ist. CS-Informatikchef Karl Landert sagte heute, die CS habe dieses Jahr 309 IT-Stellen geschaffen, weitere 100 Stellen habe man aber nicht besetzen können. Urs Schaeppi, Leiter Grossunternehmen bei Swisscom, sprach ebenfalls von zirka 110 Stellen im IT-Bereich, die zurzeit nicht besetzt werden können. Wohlgemerkt: Swisscom bildet gesamthaft um die 400 Lehrlinge sowie etwa 200 Praktikanten aus und die CS hat die Zahl der IT-Lehrstellen im Vergleich zu früher auf 100 verdoppelt. Die Firmen sind sich also durchaus bewusst, dass sie nicht eine grössere Zahl von IT-Fachkräften verlangen können, ohne entsprechende Ausbildungsplätze zu schaffen.
 
Es sind denn auch vor allem Firmen ausserhalb der IT-Branche, die einen hohen Bedarf an IT-Fachleuten haben. Wie die im Auftrag von ICT-Berufsbildung Schweiz erstellte Studie zum quantitativen Bildungsbedarf in der ICT zeigt, sind nur ein Drittel aller ICT-Beschäftigten in klassischen ICT-Unternehmen zu finden. Rund zwei Drittel sind in anderen Branchen, etwa im Detailhandel, im Transportwesen, in der Verwaltung oder im Finanzsektor tätig. Die Grossbank CS ist mit weltweit über 17'000 und in der Schweiz 6000 internen und externen IT-Mitarbeitenden einer der grössten Schweizer IT-Arbeitgeber.
 
Solche Zahlen überraschen sogar gewisse Informatik-Lehrmeister, denn IT ist meistens nicht sichtbar, wird nicht wahrgenommen. Dies, obwohl in der Schweiz 170'700 Personen in diesem Sektor arbeiten. Informatik ist aber überall vorhanden; beim Betätigen der Kaffeemaschine, beim Lösen der Fahrkarte. Allein diese Erkenntnis bringt aber noch keine Jugendlichen dazu, Informatik zu lernen. Wichtiger dürfte das kontinuierliche Aufpolieren des ramponierten Images der IT sein: Es kommt nicht von ungefähr, dass man bei Informatik an Stellenstreichungen und Auslagerungen nach Indien denkt. Das Platzen der Dotcom-Blase hallt ebenfalls noch nach. Aufgabe der Unternehmen, die nun nach IT-Fachkräften schreien, ist es deshalb, attraktive und zukunftsträchtige Arbeitsbedingungen zu schaffen. (Maurizio Minetti)