Schrumpfen Mobilfunkmasten auf Handygrösse?

Alcatel-Lucent propagiert den Abschied von Basisstationen und Sendemasten.
 
Der Netzwerkausrüster Alacatel-Lucent will dem Problem der drohenden Überlastung von Mobilfunknetzwerken, beziehunsgweise den hohen Investitionskosten, um sie aufzurüsten, durch eine grundlegend neue Netzarchitektur zu Leibe rücken. CEO Ben Verwaayen meint dazu in einem Statement: "lightRadio wird das Ende von Basisstationen und Mobilfunkmasten wie wir sie heute kennen einläuten.”
 
Am Grunde des "lightRadio"-Konzeptes, das Alcatel-Lucent zusammen mit einigen Partnern aus der Industrie entwickelt und gestern vorgestellt hat, steht sozusagen die "Dekonstruktion" der Basisstationen und Antennen. Die Komponenten, die heute in den Basistationen der Funkmasten zusammengefasst sind, sollen verteilt und überall in den Netzwerkstandorten eines Carriers aufgestellt werden können.
 
Die Hardware soll dann, über eine gemeinsame Software verwaltet, in der Art eines Cloud-Computing-Systems auch über grössere Distanzen zusammenarbeiten. Dadurch würde man, wenn sich das Konzept bewährt, durch die Hinzufügung zusätzlicher Komponenten einem Netzwerk auch relativ einfach und elastisch zusätzliche Datenverarbeitungs- und Transportkapazität geben können. Für die Entwicklung der Cloud-ähnlichen Architektur für Netzcontroller und Gateways arbeitet Alcatel-Lucent unter anderem mit HP zusammen.
 
Antennenwürfel
Wesentlich augenfälliger wäre aber das von Alcatel-Lucent in Aussicht gestellte Schrumpfen der von den Basistationen unabhängigen Funkmasten. Diese sollen als Multi-Band und Multi-Standard-Funkstationen mit mehreren Frequenzen und Netzstandards (2G, 3G, LTE) arbeiten und sozusagen überall angebracht werden können, wo eine Energieversorgung und ein Breitbandanschluss verfügbar sind, beispielsweise an Hauswänden. Dies könnte es erlauben, die Funkabdeckung in Städten auf einfache Weise zu verdichten oder auch mit geringen Investitionen neue Gebiete zu erschliessen.
 
Die im Titel angetönte Handygrösse für die Antennen ist zwar (noch) etwas untertrieben, aber die gestern bereits gezeigte würfelförmige Grundeinheit (siehe Foto) einer der von Alcatel-Lucents Bell Labs entwickelten lightRadio-Antennen passt mit sechs Zentimetern Kantenlänge zumindest in eine Hand. Jeder einzelne dieser "lightRadio Cubes" umfasst eine neuartige Antennenweiche, ein Funkmodul, einen Verstärker und eine Passivkühlung. Ein Würfeltyp soll jeweils zwei benachbarte Frequenzbänder abdecken können (zum Beispiel zwischen 1,8 und 2,6 GHz), und weitere Frequenzbänder können mit zusätzlichen Würfeln oder angebauten Passivantennen unterstützt werden.
 
Insgesamt, verspricht Alacatel-Lucent, könnte die neue Architektur Mobilnetzbetreibern Einsparungen von bis zu 50 Prozent bei den Standort-, Energie-, Betriebs- und Wartungskosten ermöglichen. Ob das alles erfüllt wird, und wie viele Netzwerkbetreiber sich davon überzeigen lassen, muss sich allerdings noch zeigen. Die einzelnen Komponenten der lightRadio-Produktefamilie befinden sich noch in verschiedenen Entwicklungsstadien und sollen gestaffelt in den Jahren 2012, 2013 und 2014 auf den Markt kommen. Konkretes Interesse haben bisher unter anderem France Télécom/Orange, Verizon Wireless und China Mobile angemeldet. (Hans Jörg Maron)