Widmer-Schlumpf schiesst Insieme ab

Das skandalumwitterte Informatikprojekt Insieme der Eidgenössischen Steuerverwaltung wird abgebrochen.
 
Selten waren die Wellen höher und IT so häufig in den Medien. Das 150 Millionen Franken schwere IT-Projekt Insieme hat zu Köpferollen und schweren Vorwürfen gegen die Steuerverwaltung geführt. Nun hat Eveline Widmer-Schlumpf, Vorsteherin des Eidgenössischen Finanzdepartements (EFD), dem Treiben ein Ende gesetzt: Gestern hat sie die Finanzdelegation der Eidgenössischen Räte darüber informiert, dass das Projekt abgebrochen werden soll.
 
"Aufgrund der vorliegenden Erkenntnisse und Fakten wird eine Weiterführung des Projekts Insieme heute als zu risikobehaftet beurteilt, weshalb sich ein Projektabbruch aufdrängt", so die offizielle Erklärung des Bundes. Hauptgrund für den Abbruch des Grossprojektes ist, dass die Projektleitung, die erst seit Ende 2011 am Ruder ist, nicht mit Sicherheit sagen konnte, ob die gesprochenen Mittel bis Ende 2015 genügen werden. Zudem werden die beschaffungsrechtlichen Probleme, also die freihändigen Vergaben, genannt. Selbst die Wartungs- und Betriebskosten der Zukunft kann man nicht abschätzen, so das Finanzdepartement, weil während dem Projekt Methodik- und Softwarebasis zu oft gewechselt worden sind.
 
Die ursprüngliche Planung aus dem Jahr 2008 sah vor, dass das Insieme IT-Gesamtsystem in mehreren Etappen bis Anfang 2013 realisiert werden sollte. Wesentliche Teile des Initialvorhabens mussten jedoch Ende 2011 aus dem Projektumfang gestrichen werden. Damit mussten bis anhin aufgelaufene Arbeiten abgeschrieben und die Planung auf die Ablösung der zwei Kernsysteme MOLIS (Mehrwertsteuer) und STOLIS (Direkte Bundesteuer, Verrechnungssteuer und Stempelabgabe) beschränkt werden. Zwar ist mittlerweile das Gesamtkonzept für Insieme erstellt, doch sind, was die Ablösung der Kernsysteme betrifft, nur erst 10 Prozent der notwendigen Programmierarbeiten vollendet.
 
Untote leben länger
Mit dem heutigen Entscheid von Widmer-Schlumpf erhält ein eigentlich schon lange totes System eine weitere Gnadenfrist. Denn die beiden Lösungen MOLIS und STOLIS stammen aus den achtziger Jahren (!) und laufen auf dem Mainframe-Betriebssystem BS2000 von Siemens. Siemens ist allerdings aus dem Computergeschäft schon lange ausgestiegen und schon nur die Wartung der Server und der beiden Systeme MOLIS und STOLIS dürfte nicht nur teuer, sondern auch immer schwieriger zu gewährleisten sein, da die meisten Spezialisten das Pensionsalter schon seit längerem überschritten haben.
 
Die Steuerverwaltung wird also möglichst rasch ein neues Projekt zum Ersatz von MOLIS und STOLIS in Angriff nehmen müssen. (hc/lvb)