Die Sorgen der indischen IT-Riesen

Steigende Löhne, Büromieten wie in Singapur und anhaltender "Brain Drain".
 
Die unsichere wirtschafliche Lage bringt viele Grossunternehmen in Europa und den USA dazu, die Daumenschrauben anzusetzen und von ihren IT-Lieferanten tiefere Preise zu verlangen. Dies spüren nicht nur regionale IT-Dienstleister, auch die indischen IT-Riesen spüren den Preisdruck. Verschärft wird dieser unter anderem durch die zunehmende Konkurrenz aus anderen, aufkommenden Offshore-Ländern wie Mexiko oder den Philippinen.
 
In Indien gilt gegenwärtig Infosys als das Sorgenkind unter den IT-Riesen. Der zweitgrösste indische Softwarehersteller hat in drei der vier letzten Quartale seine Umsatzziele verpasst. Zudem kursieren Gerüchte, dass Infosys seine Prognosen wohl auch für das nächste Quartal werde senken müssen. Kritiker werfen Infosys unter anderem vor, weniger "flexible" Preispläne anzubieten als die Konkurrenz.
 
Eine Reaktion auf den Druck aus den westlichen Industrieländern ist die Suche nach neuen Märkten, wie die 'Times of India' berichtet. HCL beispielsweise richtet seinen Blick verstärkt nach Osten und wittert seine Chancen in Ländern wie China, Japan oder Korea, wo die indische IT-Industrie noch wenig vertreten ist.
 
Innerindisches Offshoring
Eine weitere Reaktion der indischen IT-Anbieter auf den Preisdruck ist eine Art "Offshoring" im eigenen Land. Die grössten IT-Ballungszentren in Indien sind Bangalore sowie Mumbai und Delhi. In diesen Städten steigen die Löhne jährlich im Schnitt um rund 10 Prozent, und die Preise für Büroplatz haben mittlerweile laut 'Wall Street Journal' das Niveau von Finanzzerntren wie Singapur oder Sidney erreicht. IT-Dienstleister investieren daher vermehrt auch in Standorte anderen, kleineren Städten. Tata Consultancy Services (TCS) will beispielsweise laut 'Wall Street Journal' 100 Millionen Dollar in der Stadt Indore investieren. Infosys plant Investitionen in Nagpur sowie ebenfalls in Indore. Wipro möchte ein Softwarezentrum in Vishakhapatnam eröffnen.
 
Laut dem Finanzchef von TCS ist die Expansion in solche Städte ein "wichtiger Margenhebel". Dort locken um rund 30 Prozent tiefere Löhne und Büromieten. Standorte in der indischen "IT-Provinz" haben allerdings auch grosse Nachteile. Es ist schwieriger, vor Ort Fachkräfte zu rekrutieren. Die Verkehrsinfrastrukturen sind schlechter, und mancherorts gibt es hinderliche Gesetze wie Nachtarbeitsverbote für Frauen.
 
Einstiegslöhne stagnieren, Kampf um Spitzentalente
Weiterhin wird die überwiegende Mehrheit der indischen Informatikstudenten noch während ihres Studiums von zukünftigen Arbeitgebern angeheuert. Traditionell findet das grosse Buhlen um die IT-Frischlinge im Dezember statt. Die Einstiegslöhne der Mehrheit der Abgänger scheinen aber gegenwärtig nicht mehr stark zu steigen. Laut 'Times of India' bewegt sich der Schnitt der tieferen Angebote in diesem Dezember bei 700'000 bis 800'000 Rupien (etwa 11'700 bis 13'400 Franken) was ungefähr im Rahmen der letzten beiden Jahre liegt.
 
Die Löhne für die begehrtesten Talente schiessen dagegen laut der indischen Zeitschrift steil in die Höhe. Diese Angebote kommen allerdings aus dem Ausland und betreffen nur eine Handvoll Studis. Die höchsten Einsteigerlöhne boten in diesem Jahr Microsoft und Google mit bis zu 8 Millionen Rupien. Diese neu rekrutierten indischen Spitzentalente werden in Zukunft in Redmond oder Mountain View in den USA arbeiten. (Hans Jörg Maron)