Schweizer Informatik-Gesellschaft: "Wir sind wieder da"

Vor 30 Jahren haben Carl August Zehnder, Kurt Bauknecht und Pierre-André Bobillier die Informatik in die Schweizer Hochschulen gebracht und die Schweizer Informatik-Gesellschaft (SI) gegründet. Seither hat sich viel verändert. Inside-it.ch hat sich mit SI-Präsident Bernhard Hämmerli (Foto) über die nach wie vor zersplitterte Verbandslandschaft, Bildungsförderung und die Startup-Szene unterhalten.
 
Herr Prof. Dr. Hämmerli, Sie sind unter anderem Professor für Informationssicherheit und Datennetzwerke an der Hochschule Luzern. Kann man die jungen Studierenden mit solchen Themen noch begeistern?
 
Ja, wir glauben, dass wir das können. Unsere Studierenden sind zufrieden und haben das Gefühl, dass sie etwas Sinnvolles lernen. Laut unseren Umfragen ist 70 bis 80 Prozent des vermittelten Wissens später brauchbar, was ein extrem hoher Wert ist – zumindest mehr als wir zu meinen Studienzeiten an der ETH Zürich hatten. Wobei zu erwähnen ist, dass die ETH eine ausgeprägte Forschungsausrichtung hat und nicht wie unsere Hochschule direkt und unmittelbar auf den Berufseinstieg vorbereitet.
Man muss auch sehen, dass es verschiedene Motive gibt, um zu studieren. Das Hauptmotiv ist in der Regel, dass man ein gutes Leben mit einem anständigen Lohn führen will und später einen Job haben möchte, der Spass macht. Generell würde ich sagen, dass die Freude an der Informatik gross ist. Wir bei der SI und an der Hochschule unternehmen viel, damit diese Freude geweckt wird, gerade auch bei Frauen. Die IT ist nach wie vor eine sehr männliche Domäne. Wenn sich Frauen in einem solchen Umfeld durchkämpfen müssen, gelten sie als Eisbrecher. Wir haben das Eisbrecherstadium noch nicht völlig verlassen, aber wir haben in Luzern immerhin in jeder Klasse eine oder zwei Frauen. Internationale Kollegen sagen mir, dass eine einzige Frau das ganze Klassenverhalten ändern kann. Eine oder keine ist also ein extrem grosser Unterschied.
 
Ihre Hochschule will demnächst ein eigenes Departement Informatik gründen. Es wäre das erste an einer Schweizer Fachhochschule. Der Standort ist aber noch offen.
 
Der Konkordatsrat der Hochschule Luzern wird wahrscheinlich bis Ende 2013 entscheiden, ob ein Departement Informatik realisiert wird und wo sein Standort sein wird.
 
Was halten Sie grundsätzlich von den Plänen?
 
Es wäre meiner Meinung nach eine gute Möglichkeit, Synergien zu schaffen und Kosten zu sparen, denn es würden ja zwei bestehende Departemente zusammengelegt und vergrössert. Ich glaube, durch ein eigenes Departement wäre der Bachelor in Informatik der Hochschule Luzern auch international noch konkurrenzfähiger. Selbst mit den Hochschulen in den USA müssen wir keinen Vergleich scheuen.
 
Die SI unterstützt nach eigenen Angaben alle Bemühungen, die zu mehr Informatikstudierenden führen, um "dem beinahe schon geschäftsverhindernden Informatikermangel in der Schweiz entgegenzuwirken", wie Sie 2009 bei Ihrem Amtsantritt sagten. Trotzdem entstand kurze Zeit später ICT-Berufsbildung Schweiz. Warum war das nötig?
 
Die Initiative des Dachverbands ICTswitzerland entstand in Abstimmung mit der SI, die ihrerseits Mitglied von ICTswitzerland ist. Es gibt einen guten Grund, warum der Dachverband die Federführung übernommen hat: Eine Branche wird als solche erst wahrgenommen, wenn sie auch die Ausbildung reguliert und mitgestaltet. Bei ICTswitzerland gibt es am meisten finanzielle Mittel dafür. Heute können wir sagen, dass die Initiative erfolgreich war und noch immer ist. Das Interesse an der Informatikausbildung steigt.
 
Trotzdem gibt es noch viel zu tun, denn der Bereich Ausbildung ist noch stark segregiert. Mit dem schweizerischen Verein für Informatik in der Ausbildung (SVIA) arbeiten wir bereits im Rahmen des 30-Jahre-Jubiläums eng zusammen, um Synergien zu nutzen. Es arbeiten aber noch immer zu viele Personen in unterschiedlichsten Gremien. Hier muss eine Konsolidierung stattfinden. Wir bei der SI unterstützen jede Bemühung, um die Berufsbildung und die Hochschulausbildung in Informatik zu fördern und die Koordination zu verbessern.
 
Schauen wir etwas zurück: 2009 scheiterte die geplante Fusion zwischen SI und SwissICT unter anderem am Widerstand der Westschweizer Mitglieder. Wie beurteilen sie die gescheiterte Fusion im Rückblick?
 
Eine Fusion bedingt immer, dass zwei Kulturen vereinbar sind. Das kennt man aus der Geschäftswelt. Zumindest ein Teil der SI hat die Kulturen der beiden Verbände als relativ schwierig vereinbar erachtet. Im Nachhinein betrachtet hatte dieses gescheiterte Vorhaben zur Folge, dass wir unser Profil geschärft haben. Wir sind ganz klar im tertiären Sektor tätig, also bei den Universitäten und Fachhochschulen, in der Forschung. Wir achten darauf, dass Abgänger mit unserer Hilfe ihre Karriere fördern können. Dies geschieht vor allem über unsere zahlreichen Fachgruppen. Ausserdem arbeiten wir mit vielen internationalen Gremien sehr eng zusammen, um gemeinsame Projekte zu realisieren...
 
War das nicht schon vorher so?
 
Jein. Damals fehlte etwas die Klarheit. Man hatte zwar den Fokus auf den tertiären Bereich, doch wenn man zum Beispiel die Bemühungen im Rahmen des Jahrs der Informatik 2008 anschaut, muss man sagen, dass die SI früher generell die Informatik förderte. Informatica08 war erfolgreich und eine Idee der SI, es war der Verdienst des damaligen SI-Präsidenten André Golliez. Heute haben wir unsere Ausgabenpolitik aber geändert, auch deshalb, weil wir den Grossteil der mit Informatica08 entstandenen Kosten letztlich selber tragen mussten. Wir investieren jetzt stärker in Fachgruppen. Mittlerweile sind es über zwanzig, und es kommen laufend welche hinzu. In diesen Fachgruppen beschäftigen wir uns zum Beispiel mit Themen wie Open Government Data, Cloud oder Green IT. Die Schärfung des Profils hat also durchaus stattgefunden.
 
Trotzdem scheint die Mitgliederzahl der SI geschrumpft zu sein. Waren es vor der Fusion 2200, sind es heute laut SI-Website 2000.
 
Das ist nicht ganz korrekt. Wir haben zwar damals ziemlich viele Mitglieder verloren, weil die beiden grössten Fachgruppen (JUGS und ISSS) den Verband verlassen und sich selbständig gemacht haben. Das war ein grosser Mitgliedereinbruch. Aber wir haben auch die Zählung der Mitglieder geändert: Früher wurde jedes Firmenmitglied dreifach gezählt, weil es auch drei Personen delegieren konnte. Heute zählen wir diese nur noch einfach. Ausserdem haben wir sehr viele "schlummernde" Mitglieder, also solche, die bei Fachgruppen mitmachen, jedoch noch nicht Mitglied geworden sind. Aktuell haben wir also wohl gleich viele oder mehr Mitglieder als damals.
 
Ist die SI ein Akademikerverein?
 
Eine Fokussierung der Tätigkeit bedeutet nicht, dass andere Gruppen ausgeschlossen werden. Wir schliessen niemanden aus, aber wir stehen ganz klar für professionelle Informatik und für Qualität. Jeder, der einen aktiven Beitrag leistet, ist bei uns willkommen, unabhängig vom Hochschulabschluss.
 
Wir sind keine Standesorganisation wie etwa der schweizerische Ingenieur- und Architektenverein SIA. Wir dürfen uns aber nichts vormachen: Im Nachwuchsbereich wird in der Regel ein Bachelor gemacht. Künftig wird unter den professionellen Informatikern wohl nur noch eine Minderheit keinen Bachelor haben. Schliesslich gibt es heute im Vergleich zu früher viele Ausbildungsmöglichkeiten im IT-Bereich. Früher war es noch so, dass die besten Leute von Firmen aus den Vorlesungen genommen wurden. Man versprach ihnen, dass sie in einem Unternehmen schneller Karriere machen können. Das war vor allem in den USA so. Heute wissen Studierende, dass ein guter Abschluss die besten Karrierechancen bietet.
 
Nach aussen ist die SI kaum wahrnehmbar. In der Mainstream-Presse kommen ab und zu SwissICT, Swico oder der Dachverband ICTswitzerland vor.
 
Das soll sich jetzt ändern. Nach der gescheiterten Fusion war man geschwächt, da mussten wir uns zuerst wieder zusammenraufen. Wir haben sehr viele Fachgruppen aufgebaut, aber auch mit Parlamentariern Motionen ausgelöst. Der innere Aufbau kam aber zuerst. Mit unserem 30-jährigen Jubiläum wollen wir so etwas wie einen Wendepunkt einläuten: Wir sind wieder da.
 
Wieso sollte ein Informatikstudent, eine Informatikstudentin SI-Mitglied werden oder bleiben?
 
Von den 170'000 professionellen Informatikern in der Schweiz sind lediglich knapp 10'000 in grossen Verbänden organisiert. Das ist etwas, das uns stört. Informatiker mit ihrer Wertschöpfung von 26 Milliarden Franken sind wichtig für die Schweizer Volkswirtschaft. Deshalb sollten sie sich in Verbänden zusammenschliessen.
 
Bleibt die Frage, in welchem Verband...
 
Genau. Wir bei der SI stehen für den fachlichen Austausch, für eine hohe Qualität und für die Nähe zu den Hochschulen. Wir sind offen, nehmen auch Themen auf, die uns vorgeschlagen werden. Unsere Karriereförderung wird sich künftig noch verbessern, da kommt noch mehr.
 
Die SI setzt sich auch für die Forschung ein. Man hat den Eindruck, dass in der Schweiz zwar im Informatikbereich viel geforscht wird, doch bei der Kommerzialisierung harzt es nach wie vor. Es gibt nur wenige Beispiele von IT-Firmen, die es bis ganz nach oben geschafft haben. Warum?
 
Der Schweizer Forschungsplatz funktioniert heute auf Weltspitzenniveau gut, wobei auch in der Informatik-Forschung noch einiges unternommen werden sollte. So wächst die Informatik in neue Bereiche. Ich denke da etwa an Smart Grids, Analytics, Social Media oder Smart Mobility. Diese neuen Themen verlangen neue und breitere Forschungsanstrengungen. Wir haben in der digitalen Agenda 2020 von Economiesuisse die Forderung gestellt, dass man frische und zusätzliche Mittel für solche Forschungsgebiete in einem Impulsprogramm zur Verfügung stellt: Wenn das Gebiet breiter wird, muss auch der Topf grösser werden.
 
Was den Bereich Firmengründungen betrifft: Es stimmt, dass es in der Schweiz eher schwierig ist, ein weltweit erfolgreiches neues IT-Unternehmen aufzubauen. Staatliche Förderung von Jungunternehmen hat zwar mehr Firmen ergeben, aber nicht relevant mehr Erfolge. Wir von der SI haben diese Situation analysiert und sind zum Schluss gekommen, dass "die Idee" nur 20 Prozent des Unternehmenserfolgs ausmacht. Die übrigen Prozente verteilen sich auf klassische Unternehmensbereiche. Man muss die Marktposition einschätzen und eine weltweite Logistik in vernünftiger Zeit aufbauen können und die Produktions- und Vertriebsprozesse im Griff haben.
 
Unsere Forderung ist, dass man vermehrt Smart Capital zur Verfügung stellt. Die jungen Leute sollen also nicht vom Staat oder von branchenfremden Finanzinstituten gefördert werden, sondern von erfahrenen Leuten, die sich mit Startups auskennen. Da gibt es bereits gute Beispiele. So haben Doodle-Gründer Myke Näf, Thomas Dübendorfer von Google, Wuala-Gründer Luzius Meisser und Eric Schmid von Elevate Partners das Investorennetzwerk Zeeder gegründet. Es fördert Web-Startups vor allem in der Frühphase. Das sind Leute, die von der Schweiz aus global denken. Heute reicht es nicht mehr, eine gute Technologie zu erfinden und diese der Schweizer Industrie anzubieten. Es wird für hiesige Jungunternehmer im IT-Bereich härter und es braucht mehr Phantasie. Rasch in europäische oder sogar globale Märkte einzusteigen, ist dabei zentral.
 
Abgesehen davon muss man auch sehen, dass wir in der Schweiz viele erfolgreiche IT-Firmen haben. Ein Beispiel: Wenn ich nach Wladiwostok oder San Francisco in ein Hotel gehe, verbinde ich mich im Wireless-Netz mit einen Swisscom-Hub. Das ist nicht selbstverständlich und stellt eine Erfolgsgeschichte dar. Ausserdem ist zu beachten, dass jeder erfolgreiche Schritt eines Startups in Richtung Weltunternehmen einen Fehler bei bestehenden Marktakteuren aufzeigt. Heutige Innovationsmodelle gehen davon aus, dass neue Firmen aufgebaut werden und bei einer bestimmten Grösse und einem bestimmten Potential an weltweite Konzerne verkauft werden: Microsoft wäre nicht Microsoft, wenn IBM die Wichtigkeit eines PC-Betriebssystems rechtzeitig erkannt hätte.
 
Insofern kann die Tatsache, dass nur wenig neugegründete Firmen Welterfolg haben, auch bedeuten, dass bestehende Unternehmen sowohl in Forschung und Entwicklung investieren als auch die Beobachtung von Startups ernst nehmen. So gesehen wirkt Innovation auf verschiedenste Weise, auch zum Nutzen der Schweizer Wirtschaft.
 
(Interview: Maurizio Minetti)
 
Hinweis: Am 25. Juni findet an der Fachhochschule Westschweiz in Fribourg die Jubiläumsfeier der SI statt. Es treten unter anderem Prof. Abraham Bernstein und Myke Näf auf. Weitere Informationen gibt es hier.