Von Hensch zu Mensch: Törf's äs bitzeli meh sii?

Kolumnist Jean-Marc Hensch bringen die immer neuen Forderungen nach Regulierung des B2C-Handels auf die Palme.
 
In unserem Land wird frischfröhlich drauflosreguliert, weshalb die Compliance-Industrie auch die florierendste (wenn auch nicht die produktivste) Branche sein dürfte. Gerade im Handelsbereich sehen wir uns dieses Jahr mit einer besonderen Zahl an politischen Forderungen konfrontiert: Widerrufsrecht im E-Commerce, vorgezogene Reparaturabgabe, Ersatzteilgarantie auf ewig, Mindestlebensdauer für Waren, Produktegarantie über fünf Jahre (und ich habe sicher noch einige vergessen bzw. verdrängt…).
 
All diesen Forderungen liegt eine Auffassung zugrunde, die sich in vier Punkten zusammenfassen lässt:
 
Der Kunde ist unwissend, dumm und schwach: Oder anders ausgedrückt, er ist der bösen Industrie hilflos ausgesetzt, hat keine Ahnung, was er kauft und was es wirklich kostet. In Tat und Wahrheit war der Konsument - dank den Fortschritten in der ICT sprich Internet - noch nie so gut informiert und vernetzt. Wenn ihm etwas nicht gefällt, weiss er sich auch zu wehren - bis hin zum gepflegten Shitstorm, der unbotmässige Hersteller in die Knie zwingen kann.
 
Der Staat weiss besser, was für den Kunden gut ist: Leider verhält sich der Konsument oft nicht so, wie es das Handbuch des Gutmenschen vorschreibt. Er akzeptiert eine eingeschweisste Batterie, wenn das Handy dafür leichter und schmaler ist. Oder nimmt für einen tieferen Preis auch eine geringere Lebensdauer seiner Bohrmaschine in Kauf. Oder möchte partout nicht vom Auto aufs Velo umsatteln. Daher muss ihm der Staat vorschreiben, was er kaufen soll.
 
Die Schweiz ist eine Insel: Wenn die Produkte teurer werden, ist das nicht schlimm. Es trifft ja alle Hersteller gleich, und der Kunde merkt's ja sicher auch nicht (siehe Punkt 1!). Dass der Handel immer internationaler wird, die Märkte immer globaler, dass Konsumenten Mittel und Wege haben, der Bevormundung auszuweichen, wird dabei übersehen. Die Gelackmeierten sind die Anbieter, welche in der Schweiz Waren anbieten, Servicedienstleistungen erbringen, Angestellte beschäftigen und Steuern zahlen.
 
Kosten gibt es keine: Nur wer keine Ahnung von Betriebswirtschaft hat, geht davon aus, all diese Mehrkosten würden von den Herstellern oder vom Handel getragen, wie immer wieder gern behauptet wird. Dies kann zwar in Einzelfällen kurzfristig aus Marktgründen zutreffen, aber auf Dauer kann niemand seine Marge verschenken - sonst scheidet er aus dem Markt. Am Schluss zahlt in einer Volkswirtschaft immer nur einer: Der Endkonsument. Dies wird ihm von der Politik jedoch wohlweislich nie gesagt. (Manchmal zahlt er auch doppelt, weil er über seine Steuern auch noch einen aufwändigen Kontrollapparat finanzieren muss.)
 
Mich beelendet, wie wenig Widerstand die Wirtschaft diesen Forderungen entgegen bringt. Das führt dann dazu, dass solche überzogenen Regulierungswünsche, da unwidersprochen, von den Medien und der Politik als sinnvoll und unterstützenswert betrachtet werden. Dass zum Beispiel heute sogar Parlamentskommissionen E-Commerce dem Haustürverkauf gleich setzen, hat nicht nur damit zu tun, dass sie nicht wissen, wie E-Commerce funktioniert, sondern auch damit, dass sie ihn als minderwertige Verkaufsform betrachten. Dies ist ein Alarmzeichen und die Wirtschaft daher dringend aufgerufen, Gegensteuer zu geben.
 
Zum Schluss noch eine Frage: Warum schreien diejenigen am lautesten nach kostentreibenden Regulierungen, welche gleichzeitig das sogenannte Hochpreisland Schweiz anprangern? (Jean-Marc Hensch)
 
Jean-Marc Hensch (54) vertritt als Geschäftsführer des Swico die Interessen der Anbieterfirmen aus den Bereichen Hardware, Software, ICT-Dienstleistungen und Unterhaltungselektronik. Er äussert als Kolumnist für inside-it.ch und inside-channels.ch seine persönliche Meinung.