Lohndiskriminierung: ICT-Branche besser als man denkt

Die Unterschiede zwischen den Löhnen von Frauen und Männern in der ICT-Branche sind wesentlich geringer als behauptet. Der Branchenverband SwissICT belegt diese Aussage mit genauen Zahlen aus der jährlichen Salärumfrage.
 
Unsere Story vom letzten Mittwoch hat schockiert: Auch in der ICT-Branche sind die Löhne von Frauen massiv tiefer als die von Männern. Die Geschichte beruhte auf der Untersuchung eines Jobportals, das sich auf freiwillige Lohnangaben seiner User stützt. Im Schnitt seien die Löhne von Frauen in der Informatik volle 16 Prozent tiefer als diejenigen von Männer. Sind "wir" also gar nicht so fortschrittlich wie gedacht?
 
Der Branchenverband SwissICT widerspricht vehement. Der Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern liegt bei den allermeisten Beschäftigen in der Branche bei unter fünf Prozent. "Die ICT-Branche dürfte in Bezug auf Lohndiskriminierung sogar ein Vorbild für andere Branchen sein", so Paul Brodmann (Foto Startseite). Brodmann ist Geschäftsführer beim Personalvermittler CBA Computer Brainware Advisors und Co-Autor der jährlichen Salärstudie von SwissICT.
 
Geringe Salärunterschiede bei der Mehrheit
Tatsächlich sieht die Lohndiskriminierung in der Schweizer IT-Branche weniger schlimm aus, wenn man sie genauer anschaut.
 
Die grosse Mehrheit der IT-Fachleute in der Schweiz gehört zu den vier Kompetenzstufen "Junior", "Professional", "Senior" und "Expert" (siehe Tabelle oben). Bei 58'000 der von SwissICT befragten 67'000 IT-Fachleuten - also bei der überwiegenden Mehrheit - sind die Lohnunterschiede tatsächlich gering: Bei BerufseinsteigerInnen betragen sie nur 1,6 Prozent, bei "Professionals" sind es 3,5 Prozent, bei "Seniors" erstaunlicherweise nur 3,2 und bei "Experts" nur 1,5 Prozent. Erfreulich, dass NeueinsteigerInnen heutzutage offenbar gleich bezahlt werden.
 
Lohnunterschiede, die auf Diskriminierung hinweisen, sieht man hingegen bei der Stufe "Senior Expert" und bei "Teamleitern". Allerdings hat SwissICT auch bei diesen zwei Kompetenzstufen wesentlich geringere Lohnunterschiede zwischen Frauen und Männern ermittelt, als die Jobplattform, die bei der Stufe "Führungskraft" einen Unterschied von 14 Prozent ermittelt hat.
 
Alles in Butter also?
Dass die Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen bei ICT-Berufen geringer ist als im gesamtschweizerischen Durchschnitt kann nicht erstaunen, gilt ICT doch als "moderne", US-amerikanisch geprägte und deshalb diskriminierungs-kritische Branche.
 
Dass der Anteil von Frauen in der ICT-Branche aber mit steigender Hierarchie-Stufe stark sinkt, sollte eben doch zu denken geben. Genauso wie die Tatsache, dass auch der Branchenverband selbst immer noch nicht erklärbare, also diskriminierende Lohnunterschiede feststellen muss. (Christoph Hugenschmidt)
 
(Übrigens: Besonders coole und (hoffentlich) diskriminierungsfreie Jobs gibt es auf unserer Jobplattform ictjobs.ch. Professionals können kostenlos ein sehr genaues Profil hinterlegen und werden dann über Jobs, die ihren Vorstellungen entsprechen, informiert.)