Wie viel Potenzial hat Apple Pay?

Der neue Bezahldienst von Apple bringt den erhofften Schub für das kontaktlose Bezahlen. Künftig wird mit dem iPhone - oder der Apple-Uhr - statt mit der Kreditkarte bezahlt. In der Schweiz könnte es Apple Pay aber schwer haben.
 
Der Apple-Konzern hat gestern in Cupertino nicht nur zwei neue, grössere iPhones und mit Apple Watch seine erste Datenuhr vorgestellt, sondern auch das Zahlungssystem Apple Pay. Dass Apple einen eigenen Bezahldienst lancieren würde, sickerte erst kürzlich durch. Es kursierten schon seit langem entsprechende Gerüchte und Annahmen, denn Apple hat dank dem Ökosystem rund um iTunes und App Store beste Voraussetzungen, um im Payment-Geschäft eine gewichtige Rolle zu spielen.
 
Apple Pay kann vorerst ab Oktober an 220'000 Bezahlstationen in den USA verwendet werden. Partner für den Bezahldienst sind unter anderen die US-Ladenketten Staples, Subway, McDonald's, Macy's, Whole Foods, Disney, Nike und Toys"R"Us. Voraussetzung für die Nutzung ist eines der beiden neuen iPhones mit NFC-Chips - oder die Apple Watch. Bezahlt wird per Fingerabdruck via Touch-ID. Die Zahlungsinformationen sind verschlüsselt auf dem Secure Element Chip M8 des iPhones gespeichert und Apple kann nach eigenen Angaben nicht sehen, wer was wo kauft. Apple verspricht, dass Händler die hinterlegten Kreditkartendaten nicht einsehen können. An Bord sind die grossen Kreditkartenfirmen American Express, Mastercard und Visa. Unklar bleibt, wie Apple damit Geld verdienen will, auf der Hand liegt eine Beteiligung an Transaktionsgebühren.
 
Zwar ist es richtig, dass vergleichbare Dienste für Android auf Basis von NFC schon seit 2011 verfügbar sind, doch sie haben sich bisher nicht durchgesetzt. Und nur schon die Tatsache, dass Apple mit 800 Millionen iTunes-Accounts viele mögliche Nutzer bereits "in der Tasche" hat, zeigt das Potenzial von Apple Pay. Gleichzeitig werden zweifellos auch alle Android-Hersteller von einem NFC-Schub profitieren.
 
Schub für NFC in der Schweiz
Dass Apple nun doch auf NFC setzt, begrüssen viele Akteure im Payment-Business, so zum Beispiel SIX. Mediensprecher Jürg Schneider sagt zu inside-it.ch: "Der grosse Run blieb bisher aus, wir erhoffen uns durch Apple Pay einen Schub." Migros und Coop haben ihre Kassen in den letzten Monaten mit NFC-fähigen Terminals ausgerüstet, weitere Geschäften folgen laufend.
 
Professor Andreas Dietrich, Leiter Competence Center Financial Service an der Hochschule Luzern, sieht Apple Pay als ein wichtiges Signal für den Mobile-Payment-Markt, vor allem deshalb, weil Apple nun auf NFC setze. "NFC könnte sich dadurch als Standard durchsetzen." Die Situation mit verschiedenen Technologien wie QR Codes hemmte aus seiner Sicht eine rasche Ausbreitung des mobilen Bezahlen.
 
Marc P. Bernegger, Experte in Sachen Finance 2.0, glaubt, dass Apple es gelingen wird, eine kritische Masse zu erreichen. "Ich hätte persönlich gedacht, dass ein solches System früher auf den Markt kommen würde, doch Apple ist bekannt dafür, erst etwas zu lancieren, wenn es ausgereift ist." Apple biete ein Ökosystem, das in dieser Form kein anderer Hersteller zur Verfügung habe. Der Schweizer Markt sei aber speziell, weil die Banken den Kreditkartenmarkt abgeschirmt hätten, gibt Bernegger zu bedenken. In anderen Ländern seien diese Strukturen bereits aufgebrochen worden. Doch der Payment-Markt bewege sich weg von nationalen, geschlossenen Systemen hin zu internationalen Diensten.
 
Schweizer vertrauen den Banken
Thomas Lang, Geschäftsführer des E-Commerce-Beraters Carpathia, sieht in Apple Pay die logische Weiterentwicklung des Apple-Systems. "Apple hatte schon alles bis auf den letzten physischen Millimeter - den Zugang zum stationären Handel." Nun könne der iPhone-Hersteller auch Zahlungen in Geschäften abwickeln. Dieses Präsenzgeschäft sei trotz Online-Boom nicht zu unterschätzen, so Lang. Er gibt sich überzeugt, dass sich Systeme wie jenes von Apple durchsetzen werden. "Wenn ein User sowieso schon seine Kreditkarte hinterlegt hat, ist der Schritt zur Benutzung des neuen Dienstes schnell getan", sagt Lang. Für Lang steht und fällt die Sache mit den Kommissionen, welche die Händler bezahlen müssten. Auf jeden Fall sei Apple Pay aber ein Angriff auf traditionelle Zahlungsanbieter wie Banken und Kreditkarten-Institute, die sich nur zaghaft dem Thema Mobile Payment angenommen hätten.
 
Künftig könnte Apple Pay oder ein anderer vergleichbarer Dienst gänzlich ohne Kreditkartenfirmen oder Banken auskommen. Marc Bernegger sagt: "Wie bei iTunes wollen am Anfang alle am Ökosystem von Apple teilhaben, aber irgendwann könnte man sich fragen: braucht es die Intermediäre überhaupt noch?"
 
Einige Schweizer Banken haben in den letzten Monaten viel in mobile Banking-Lösungen investiert. Einer der Vorreiter ist PostFinance. Mediensprecher Marc Andrey räumt ein: "Alle Bezahlsysteme, die Banken oder Nicht-Banken lancieren, sind Konkurrenz für PostFinance im Zahlungsverkehr. Wir haben heute eine neue Wettbewerbssituation mit neuen Akteuren im Zahlungsverkehr." Betreffend Apple Pay gelte dasselbe. Bei PostFinance scheint man aber nicht so recht an einen Erfolg von Apple Pay in der Schweiz zu glauben: "Wir gehen nicht davon aus, dass der Schweizer Markt für Apple und sein Bezahlsystem Priorität geniesst", so Andrey.
 
Möglicherweise wird es Apple tatsächlich schwer haben. Die Hochschule Luzern hat zum Thema Mobile Payment eine Studie bei mehr als 400 Schweizern durchgeführt. Dabei ist unter anderem rausgekommen, dass die Umfrageteilnehmer mit Abstand am liebsten eine Lösung ihrer Bank hätten und die meisten potenziellen Kunden gegenüber einer Lösung eines Technologie-Unternehmens eher skeptisch eingestellt sind. Professor Andreas Dietrich meint deshalb: "Es wird interessant zu beobachten sein, ob diese Skepsis wirklich weicht, wenn das Gerät und die Möglichkeit dann konkret bestehen." Insgesamt werden seiner Meinung nach vor allem Sicherheit, Datenschutz und auch die relative Geschwindigkeit entscheidend dafür sein, ob und wie sich diese Lösung durchsetzen wird. (Maurizio Minetti)