.NET als Open Source: Das sagen Schweizer Software-Gurus

Microsofts Ankündigung, das Framework .NET als Open Source zu veröffentlichen, gibt zu reden. Schritt in die richtige Richtung oder Mogelpackung?
 
Ob die Hölle zugefroren sei, fragten sich gestern Abend einige, als Microsoft ankündigte, den Quellcode seines .NET-Entwicklerframeworks als Open Source Software zu veröffentlichen. Zwar hat Microsoft schon vor einigen Monaten entsprechende Schritte unternommen, und die Plattform war schon bisher "shared source". Trotzdem ist es für Microsoft ein Meilenstein, wenn nun der Quellcode einsehbar ist - auch wenn es aktuell nicht der komplette ist. Es handelt sich nämlich nur um den Kern des Frameworks inklusive Runtime und Just-in-Time-Compiler. Die für die Applikationsentwicklung wichtigen Client-Frameworks sind vorerst nicht inbegriffen. Trotzdem dürfte es künftig möglich sein, dass man Client-Applikationen für Windows mit den Microsoft-Frameworks schreibt und diese dann auf dem portierten .NET-Kern auf anderen Plattformen laufen lässt. Das könnte für Firmen, die sowohl in der Java- als auch in der .NET-Welt zuhause sind, attraktiv sein.
 
Schritt nicht überschätzen
Doch was steckt tatsächlich dahinter? Ist es tatsächlich nur ein Marketing-Manöver von Microsoft, wie einige denken? Viele Chef-Entwickler, mit denen wir sprachen, geben sich vorsichtig optimistisch. Stefan Odendahl, Chief Architect bei Netcetera, wertet die Veröffentlichung von .NET als Open Source zwar als "ein weiteres Zeichen dafür, dass sich Microsoft weiter wandelt, weg vom Grosskonzern-Groove." Doch dann sagt er: "Man darf den Schritt nicht überschätzen." Open Source heisse noch nicht, dass jeder daran mitarbeiten dürfe. Microsoft sei derzeit nicht daran interessiert, fremde Änderungen zu übernehmen, da Microsofts Anforderungen an .NET viel weitreichender seien als die einer Community. "Microsoft muss die Kompatibilität mit alten Windows-Versionen und anderen .NET-Bibliotheken sicherstellen. Der Aufbau einer aktiven Community rund um .NET wird so natürlich gebremst", gibt der Netcetera-Mann zu bedenken.
 
Die verwendete MIT-Lizenz erlaube es, .NET zu kopieren, zu verändern und zu verbreiten. Da Microsoft Änderungen aber nicht zurückintegrieren möchte, könne das nur auf Kopien von .NET passieren. "Im schlimmsten Fall könnte es also mehrere Versionen von .NET geben, die nicht mehr zueinander kompatibel sind", so Odendahl: "Ich denke aber nicht, dass es so weit kommt."
 
Eine grosse Auswirkung dürfte der Schritt auf das Mono-Projekt haben, einen .NET-Nachbau für Mac, Linux und Windows. "Mono kann nun Teile seines Nachbaus durch die Originale aus .NET ersetzen und wird dadurch kompatibler und stabiler", erklärt Odendahl. Zusammen mit der Ankündigung Microsofts, den Kern von .NET nächstes Jahr auch für Mac und Linux zu veröffentlichen, könne das heissen, dass die Verwendung von .NET ausserhalb der Windows-Welt zunehmen werde. "Multi-Plattform-Applikationen können in Zukunft besser als bisher mit .NET gebaut werden. .NET zieht in diesem Bereich also mit Java gleichauf. Derzeit aber noch mit Einschränkungen, denn der UI-Framework-Teil von .NET läuft weiterhin nur unter Windows. Desktop-Applikationen können somit weiterhin nur mühsam mit .NET/Mono als Multi-Plattform-Applikationen gebaut werden. Hier hat die Java-Welt noch einen Vorsprung."
 
Für Firmen wie Netcetera, die massgeschneiderte Software entwickeln, gebe es dank Microsofts Entscheid nun mehr Varianten, wie man eine Lösung bauen könne. "Das gibt uns Flexibilität, kann aber auch eine Verzettelung bedeuten, wenn man in allen Technologien fit sein muss", so Odendahl zu inside-it.ch.
 
Impact ist kaum sehr gross
Ergon Informatik ist ein weiterer Hersteller von Individualsoftware aus Zürich. Chief Technology Officer Erich Oswald hält fest: "Wir erhalten primär eine Möglichkeit, in .NET geschriebene Server-Applikationen (ohne Web-Applikationen) auch auf anderen Plattform zu betreiben. Ich bezweifle, dass deren Zahl sehr gross ist." Bisher seien in C# vor allem Desktop-Applikationen für Windows und Web-Applikationen geschrieben worden, und zwar Oswalds Meinung nach "ziemlich sicher unter Verwendung all der Frameworks, die gerade eben nicht öffentlich sind". Das heisst, all diese vielen Applikationen lassen sich nicht einfach neu auch auf Linux betreiben.
 
Positiv ist, sagt der Ergon-CTO, dass sich damit für die .NET-Runtime geschriebener Code auf allen Plattformen statt nur auf Windows ausführen lasse. "Man kann dies als Konkurrenz zu Java und zur JVM sehen, aber einen Grund, deswegen gleich umzusteigen, sehe ich nicht." Der Entscheid für eine Plattform hänge mehr von den Libraries und der Infrastruktur als von der Programmiersprache ab. "Ich sehe nicht, dass mir die offengelegten Teile von .NET da viel bieten", so Oswald pragmatisch.
 
Im direkten Vergleich schneide C# als Sprache gegenüber Java wohl etwas besser ab. "Wenn ich aber hauptsächlich von Java als Sprache weg will, interessieren mich Scala, Kotlin oder Ceylon möglicherweise ebenso stark oder noch stärker als C#. Wenn ich wirklich komplett von der JVM weg will, habe ich neben dem vergleichbaren .NET zum Beispiel auch schlanke Lösungen wie node.js zur Auswahl" sagt Oswald. Für ihn ist die Ankündigung ein interessanter Schachzug von Microsoft, "aber der Impact ist momentan kaum sehr gross. Wenn sie es voll durchziehen und auch die wirklich wichtigen Teile öffnen, sieht die Sache vielleicht wieder anders aus."
 
Schritt in die richtige Richtung
Unter zertifizierten Microsoft-Partnern tönt es freilich positiver. Erich Laube, Division Head im Bereich Softwareentwicklung und Architektur bei Elca, sagt: "Als Schweizer Microsoft-Partner begrüsst Elca die Entscheidung, den .NET-Quellcode zu öffnen. Es ist eine spannende Entwicklung und eine gute Möglichkeit, bei einem gereiften Produkt zentrale Themen wie Transparenz, Qualität und Sicherheit mithilfe einer offenen Community noch weiter zu steigern und zu verbessern." Die Strategie "Open Source plus starker Partner" ist seiner Meinung nach "eine ausgezeichnete Konstellation." Das Open-Sourcing von .NET erweitere die Einsatzmöglichkeiten bei Firmen, die gezielt auf Open Source setzen und so auch "von den bei .NET sehr gut entwickelten Bereichen profitieren können", sagt Laube zu inside-it.ch. Zum Beispiel im Bereich Smart Clients oder bei asynchronen Abstraktionen im Standard. "Auf beiden Plattformen haben wir eine umfangreiche Expertise und der Entscheid für eine Plattform wird für uns vom jeweiligen Kundenbedürfnis bestimmt werden."
 
Das Positive herausstreichen möchte auch Tom Sprenger, Chief Technology Officer beim Softwarehersteller AdNovum. "Der Schritt entspricht dem Zeitgeist heutiger erfolgreicher Plattformen. Aus Sicht einer Software-Entwicklungsfirma ist dies ein Schritt in die richtige Richtung." Sprenger listet die Gründe auf: zum einen werde damit .NET als Plattform, auf der Anwendungen und Lösungen gebaut werden, transparent und einsehbar. Dies helfe, hochwertige Software zu erstellen. Zum anderen würden in Open-Source-Plattformen Bugs von der Community typischerweise schneller gefunden.
 
Allerdings entstünden mit dieser Öffnung auch neue Herausforderungen, sagt der AdNovum-CTO. "Zentrale Bedeutung kommt dabei der Handhabung des Community-Prozesses zu. Das heisst: wie wird die Weiterentwicklung von .NET durch die Open Source Community kontrolliert und gesteuert. Ein Thema, das bei Java über das 'Java Community Process'-Programm gesteuert wird." Ob .NET in Zukunft eine Bedrohung für Java sein werde, hänge unter anderem von der ebenfalls von Microsoft angekündigten Multiplattformunterstützung (neben Windows auch OS X und Linux) ab. "Was mit Sicherheit gesagt werden kann, ist, dass mit dem Schritt zu Open Source die Position von .NET auf Windows weiter gefestigt wird", sagt Sprenger. Ob sich die Plattform auf den neuen Betriebssystemen und als wirkliche Alternative zu Java etablieren werde, hänge sehr stark von der Qualität und Vollständigkeit der Multiplattformunterstützung ab. Sprenger: "Warten wir ab, was da kommt!" (Maurizio Minetti)
 
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