Swisscom-Finnova: "Keine Dusche ohne Wasser"

Später als angenommen ist Swisscom nun doch bei Finnova eingestiegen. Die Partnerschaft mit Avaloq soll davon nicht tangiert sein. Finnova-Partner äussern sich vorsichtig optimistisch.
 
Paukenschlag kurz vor Ostern: Swisscom steigt mit einer Beteiligung von 9 Prozent beim Lenzburger Hersteller von Bankensoftware Finnova ein. Gleichzeitig übernimmt der deutsche Software-Hersteller und Systemintegrator msg systems die Mehrheit der Aktien. msg stieg 2006 bei Finnova ein. Während der Anteil des Finnova-Managements unverändert bleibt, haben die Kantonalbanken aus Schwyz und Schaffhausen ihre Beteiligungen reduziert. Insgesamt sind nach wie vor sieben Kundenbanken an Finnova beteiligt.
 
Weiterhin offene Partnerstruktur
Insbesondere die Beteiligung von Swisscom ist pikant, weil der ehemalige Telekom-Monopolist gleichzeitig Partner des Finnova-Konkurrenten Avaloq ist und auf der anderen Seite Finnova Partnerschaften mit Swisscom-Konkurrenten wie HP, Sobaco, Inventx oder Finanz-Logistik unterhält. Bei Finnova heisst es auf Anfrage, dass alle bestehenden Partnerschaften weiterlaufen sollen. Die Beteiligung von Swisscom sei ein logischer Schritt, nachdem sich Finnova und Swisscom in den letzten Jahren immer stärker angenähert hätten. Mittlerweile betreibt Swisscom für über 70 Kundenbanken die Finnova-Software und Swisscoms Verarbeitungscenter für Business Process Outsourcing (BPO) basiert auf Finnova.
 
Marcel Walker, Leiter des Geschäftsbereichs Banking bei Swisscom, lässt sich in einer Mitteilung wie folgt zitieren: "Als strategischer Partner von Finnova können wir die Industrialisierung der Finanzbranche in der Schweiz weiter vorantreiben und stärken ihre Innovationskraft. Die Beteiligung reflektiert die ohnehin enge Zusammenarbeit. Sowohl Finnova als auch Swisscom werden aber weiterhin an einer offenen Partnerstrategie festhalten."
 
Die Ende 2014 beschlossene Partnerschaft zwischen Finnova und HP soll gemäss Finnova weitergeführt werden. Swisscom-Konkurrent HP wollte sich heute nicht zum Einstieg von Swisscom bei Finnova äussern.
 
Mögliche Chance für Finnova-Partner
Die bestehenden Finnova-Partner müssen nun dennoch davon ausgehen, dass Swisscom einen Informationsvorsprung geniesst. Gregor Stücheli, Chef des Finnova- und Avaloq-Partners Inventx, sieht allerdings keine grossen Gefahren am Horizont: "Ich gehe davon aus, dass Swisscom professionell genug ist, im Application Management den Wettbewerb so zu belassen, wie er aktuell ist." Für Stücheli ist die Beteiligung von Swisscom an Finnova ein logischer Schritt, weil Swisscom viel Geld in BPO auf Basis von Finnova investiere und nicht riskieren könne, dass Finnova zum Beispiel von einem ausländischen Anbieter übernommen werde. Inventx selbst bietet kein BPO an.
 
Für Peter Haist, Chef des Finnova-Dienstleisters Sobaco, kommt dieser Schritt überraschend: "Wir mussten immer damit rechnen, aber ich glaubte bisher nicht daran." Seiner Meinung nach könnte dieser Schulterschluss dazu führen, dass die eine oder andere Bank nicht Teil dieses Konstrukts sein will und das Swisscom-Finnova-Boot verlässt. "Das könnte eine Chance für uns sein", sagt Haist. Sollte Swisscom die Mehrheit von Finnova übernehmen, wäre das für Sobaco "keine einfache Situation", sagt Haist. Während Finnova und Swisscom die Industrialisierung des Bankings in den Vordergrund stellen, setzt Haist mit Sobaco auf Individualität. Positiv ist für ihn aber, dass Swisscom und Finnova von einer nach wie vor offenen Partnerstruktur reden.
 
Auch Finanz-Logistik-Chef Christian Gentsch sieht sein Unternehmen nun als eine "wertvolle Alternative". Alle Finnova-Partner, mit denen inside-it.ch sprach, betonten, dass sie an einer starken Finnova interessiert seien.
 
Eine Frage der Zeit bis zum Kauf der Mehrheit?
Doch was bedeutet dieser Schritt für die hiesige Banking-IT-Szene? Insider sehen in der Beteiligung von Swisscom an Finnova den ersten Schritt zu einer noch klareren Zweiteilung des Marktes: Auf der einen Seite Avaloq und B-Source und auf der anderen Seite Swisscom und Finnova. "Es dürfte bloss eine Frage der Zeit sein, bis Swisscom die Mehrheit von Finnova übernimmt", meint ein Kenner der Branche. Ein anderer Insider versteht die Logik dieses Schrittes hingegen nicht: "Man kann nicht duschen, ohne nass zu werden. Wenn Swisscom Einfluss nehmen will, müsste sie die Mehrheit übernehmen." Bei Swisscom heisst es dazu, dass eine Mehrheitsbeteiligung "zum jetzigen Zeitpunkt" kein Thema sei. Swisscom betont denn auch, dass man weiterhin Avaloq-Partner bleibe und auf keinen Fall eine Zweiteilung des Marktes im Sinn habe.
 
Banken, die ihre Avaloq-Software von Swisscom betreiben lassen, dürften dennoch von diesem Schritt verunsichert sein. Fühlen sie sich von Swisscom künftig zu wenig ernst genommen, dürfte ein Wechsel zu B-Source eine Option sein. Pascal Foehn, Marketingchef von Avaloq, sagt zu inside-it.ch: "Wir haben die heutigen News mit Interesse zur Kenntnis genommen und scheuen die Konkurrenz im Schweizer Markt auch in Zukunft nicht." (mim)

Unser Kommentar:

Swisscom wälzte schon vor einigen Jahren unter der Führung von Eros Fregonas Pläne für eine Übernahme von Finnova. Nun hat es endlich geklappt, wenn auch erst über eine Minderheitsbeteiligung. Die Situation im Banking-IT-Umfeld hat sich aber mittlerweile geändert. Die meisten Schweizer Banken haben ihre Software-Plattformen modernisiert. Was jetzt zählt, ist die Auslagerung von Geschäftsprozessen (BPO) und die Internationalisierung.
 
Mit etwas Verspätung hat Swisscom den BPO-Zug mit dem Kauf von Entris noch erwischt. Finnova hingegen hat es im Gegensatz zu Avaloq nicht geschafft, international Fuss zu fassen. Während Avaloq weltweit von Erfolg zu Erfolg eilt, musste Finnova zuletzt zwei gewichtige Abgänge in der Geschäftsleitung hinnehmen. Von der ursprünglichen Führung bleibt nur noch CEO Charlie Matter übrig.
 
Entsprechend befand sich Finnova in einer Position der Schwäche. Dem Softwarehersteller blieb sozusagen nichts anderes übrig, als sich einem möglichen Internationalisierungs-Helfer (msg) sowie dem stärksten Partner (Swisscom) an die Brust zu werfen. In der Medienmitteilung preist Finnova die Entwicklungskapazitäten von msg an und erwähnt die Internationalisierung mit keinem Wort. msg-Chef Hans Zehetmaier, der das Verwaltungsratspräsidium von Finnova übernommen hat, spricht in Bezug auf Finnova von einer "selektiven Internationalisierungsstrategie in spezifischen Märkten". Sehr überzeugend klingt das nicht. (Maurizio Minetti)