GEVER-Deal: Fabasoft kündet Beschwerde an

Der bisherige Platzhirsch im Schweizer GEVER-Markt, Fabasoft, will gerichtlich gegen die Vergabe des GEVER-Grossprojekts an Konkurrenten vorgehen. Bund will künftige GEVER-Lösungen für über 250 Millionen Franken bei Elca und Atos beschaffen.
 
Die Überraschung war gross am Dienstagabend, als der Bund bekannt gab, dass nicht etwa Fabasoft, sondern die beiden IT-Dienstleister Atos und Elca mit den Produkten ActaNova und iGeko die über 250 Millionen Franken schwere Ausschreibung für eine neue GEVER-Lösung in der Bundesverwaltung gewonnen haben. Fabasoft ist seit Jahren als Standard für GEVER beim Bund gesetzt - jedoch nicht unumstritten. So gibt es in Bundesbern sowohl Befürworter als auch Kritiker der Software aus Österreich.
 
"Sehr viel teurer"
Für Fabasoft ist der Bund der grösste Kunde hierzulande. Vorerst bleibt aber noch alles beim Alten, denn die Einführung der beiden neuen Lösungen ist erst für 2018 geplant. Ausserdem gibt es noch die Möglichkeit einer Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht - und diese will Fabasoft wahrnehmen. "Fabasoft wird nach eingeholter Beratung eine solche Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht einbringen", heisst es in einer Stellungnahme aus Linz.
 
Leopold Bauernfeind, Mitglied des Vorstandes von Fabasoft, schreibt in einer Stellungnahme gegenüber inside-it.ch: "Wir werden diesen Entscheid anfechten. Der GEVER-Entscheid der Bundeskanzlei würde bedeuten: 12'000 Anwenderinnen und Anwender werden umlernen müssen, wenn unsere eGov-Suite ersetzt wird. Diese ist nach einer jahrelangen Aufbauarbeit in der Bundeskanzlei und allen sieben Departementen in unterschiedlichem Ausrollungsgrad installiert."
 
Fabasoft habe in den letzten Jahren von den Anwendern der eGov-Suite "sehr gutes Feedback" erhalten, so Bauernfeind. Im Kern gehe es dabei um Folgendes: Die Ausschreibung verlangte, dass auch Kosten auszuweisen seien, die anfielen, wenn man ein bereits installiertes und erprobtes Produkt neu einführen müsste. Entsprechend habe Fabasoft eine Offerte eingereicht, die auf den realen Erfahrungen beruhte. Das Verfahren an sich, realistisch widergegebene Kosten, die nicht anfallen werden, mit Schätz-Kosten zu vergleichen, die anfallen werden, beurteilt Fabasoft als "nicht zielführend". Das Ergebnis sei für die Steuerzahler "in jedem Falle sehr viel teurer."
 
Unabhängig vom endgültigen Ausgang des Verfahrens – das Fabasoft nicht weiter kommentieren wird – werde man "die sehr zufriedenen Schweizer Kunden" weiterhin vor Ort in Bern in gewohnter Qualität betreuen und unterstützen, schreibt Fabasoft.
 
Ob und welche Auswirkungen der vorerst verlorene Deal auf das Schweizer Geschäft von Fabasoft haben werde, hänge zunächst vom Ausgang dieses Vergabe-Nachprüfungsverfahrens ab. Ausserdem betont Fabasoft, dass die Finanzierung des Projekts noch nicht definitiv sei. Tatsächlich muss die Bundeskanzlei noch dem Bundesrat nach der Sommerpause einen Botschaftsentwurf für den Verpflichtungskredit unterbreiten.
 
Gewinner freuen sich vorerst
Vorläufig freuen sich Atos und Elca über den gewonnenen Auftrag. Bei Atos will man aufgrund der laufenden Beschwerdefrist keine Stellungnahme abgeben. Die Schweizer Niederlassung des französischen IT-Dienstleisters ging erst kürzlich eine Partnerschaft mit dem ActaNova-Hersteller Rubicon ein. Wie Fabasoft hat auch Rubicon seinen Hauptsitz in Österreich und eine Dependance in Bern. Das Wiener Unternehmen gibt auf seiner Website einige namhafte Schweizer Kunden wie etwa die SBB an. Diverse Kantone sowie einige Städte und Gemeinden setzen die Produkte von Rubicon ein. Gemäss dem auf Simap veröffentlichten Zuschlag beträgt das Volumen für Atos knapp 100 Millionen Franken ohne Mehrwertsteuer.
 
Den grösseren Brocken an Land ziehen konnte Elca. Der auf Individualsoftware spezialisierte und ursprünglich vor allem in der Westschweiz tätige IT-Dienstleister kommt auf einen Betrag von 154 Millionen Franken ohne Mehrwertsteuer. Elca hatte erst Ende April die Partnerschaft mit dem iGeko-Hersteller ABF aus Cham bekannt gegeben. iGeko wird derzeit in vier Departementen eingesetzt. Ziel sei es, gemeinsam Geschäfte im öffentlichen Sektor und speziell im GEVER-Umfeld auszubauen. Die iGeko-Lösung soll gemeinsam weiterentwickelt und durch verstärkte Marketing- und Vertriebsaktivitäten am Markt positioniert werden. iGeko entspreche der GEVER-Verordnung des Bundes und erfülle die Anforderungen im Hinblick auf die Fähigkeit zum Datenaustausch, Schnittstellen zum Bundesarchiv und einer hohen Verfügbarkeit und Skalierbarkeit auch bei hohen Benutzerzahlen, heisst es in einem Statement. (Maurizio Minetti)
 
(Interessenbindung: ELCA ist Werbekunde unseres Verlags.)