Von Hensch zu Mensch: Vierte Gewalt im Gegenwind

Kolumnist Jean-Marc Hensch wagt sich auf vermintes Gelände: Er schreibt über Journalisten. Wenn das mal gut kommt.
 
Die Abstimmung über das Radio- und Fernsehgesetz (RTVG) vom nächsten Wochenende ist nur Ausgangspunkt meiner Kolumne und nicht Hauptthema. Denn erstens haben die meisten meiner Leserinnen und Leser (seriös wie sie sind) bereits brieflich oder elektronisch abgestimmt. Und zweitens nervt es gewaltig, wenn man über etwas abstimmen muss, von dem eigentlich nichts in der Vorlage steht ("Service public"). Und drittens sind abgeschnittene Finger nur bedingt appetitlich.
 
Meine Thema ist aber auch etwas brutal: Es geht um Gewalt, genau genommen um die Vierte Gewalt. Die Medien sehen sich heutzutage einem eklatanten Vertrauensverlust ausgesetzt. Der Begriff der Lügenpresse ist wieder salonfähig geworden. Dass sich die Massenmedien in die Defensive gedrängt fühlen, daran hat die ICT-Wirtschaft grossen Anteil. Sie hat nämlich mit innovativen Produkten ermöglicht, dass die Publikationen von Nachrichten und Meinungen nicht mehr einem exklusiven Kreis von Redaktoren und Journalisten vorbehalten ist, sondern dass jeder die Chance hat, von ihm unbekannten Dritten als Nachrichtenlieferant wahrgenommen zu werden.
 
Dem Selbstbewusstsein der Journalisten entsprach es lange, und entspricht es oft immer noch, dass sie die Vierte Gewalt im Staat seien, was Sonderrechte begründe und ihnen eine einzigartige Aufsichtspflicht über Staat, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft verleihe. Oft sind sie erstmals verblüfft, wenn man sie damit konfrontiert, dass die Vierte Gewalt in unserer Verfassung gar nicht vorkommt. Was dort vorkommt, sind die Meinungs-, Medien- und Informationsfreiheit, welche für eine freiheitliche und demokratische Grundordnung tatsächlich fundamental sind. Wenn schon Vierte Gewalt, dann sind das nicht Personen, sondern ein regulatorisches Setting.
 
Heute ist das Meinungsmonopol der "richtigen" Medien weitgehend gebrochen. Einerseits können sie sich nicht mehr geografisch abschotten und sind jederzeit einem weltweiten Konkurrenzvergleich ausgesetzt. Andererseits kann jedermann via Blogs (Wer innert sich noch an 2006?: "Weblogs als Klowände des Internets") oder noch informeller über soziale Medien nicht nur seine Meinung kundtun; auch Breaking News – ureigene Domäne der Massenmedien – kommen öfters auch von "Nicht-Journalisten", sei es weil sie näher dran sind, sei es, weil sie mit der Staatsmacht nicht unter einer Decke stecken.
 
Die Autorität und der Einfluss einer Person fusst somit nicht mehr auf seiner Anstellung oder seiner Ausbildung, sondern einzig und allein auf seiner Fähigkeit, Relevantes zu finden, abzuwägen, zusammenzufassen, argumentativ aufzubereiten und zielgruppengerecht zu formulieren. Und – seien wir ehrlich – viele dieser Autoritäten sind nach wie vor Journalisten und werden es auch in Zukunft sein.
 
Im Gespräch mit Firmenvertretern stelle ich fest: Oft sind sie von Medien enttäuscht oder über sie empört, weil sie diese als eine Art Regierung, als Polizisten und gar Richter sehen. Es wird erwartet, dass Journalisten alles wissen, alles herausfinden, neutral sowie objektiv sind und uns immer gerecht werden. Dieser Anspruch ist jedoch unerfüllbar, was dann zu den oben angesprochenen teilweise extremen Reaktionen aus dem Publikum führt. Dabei sind Journalisten auch nur Menschen, oft mit Berufsstolz, oft auch mit Eigeninteressen und einer politischen Agenda. Und das ist nicht schlimm: Denn im heute "demokratisierten" Medienumfeld ist die Macht der Medien nicht mehr unbeschränkt.
 
Aber Sie möchten jetzt doch noch wissen, was ich in Sachen RTVG gestimmt habe? Es war ein Nein, kein beherztes, aber dafür mit einer klaren Botschaft an einen sich immer breiter machenden Medienkoloss.
 
Jean-Marc Hensch (56) vertritt als Geschäftsführer von Swico die Interessen der Anbieterfirmen aus den Bereichen Hardware, Software, ICT-Dienstleistungen und Unterhaltungselektronik. Er äussert als Kolumnist für inside-it.ch und inside-channels.ch seine persönliche Meinung.