Cyber-Chef des Schweizer Nachrichtendienstes gibt erstes Interview

Zum ersten Mal überhaupt gab der Chef der Cyberabteilung des Schweizer Nachrichtendienstes (NDB) ein Interview. Im 'Tages-Anzeiger' äusserte sich der anonym bleibende Mann, offenbar knapp über 40 und "zuvorkommend", über Hintergründe von Cyberattacken und die Arbeit seiner Abteilung.
 
Vorneweg: Über operatives schweigt der Chef. Also nichts Konkretes zum Hacken von ausländischen Hackern, nichts zu allfälligen Gegenangriffen, wie es das kürzlich vom Volk angenommene Nachrichtendienstgesetz (NDG) ab 1.9.2017 erlauben wird. Nur so viel: "Wir würden zunächst alle möglichen Alternativen prüfen, bevor wir die Erlaubnis beantragen, in ein Computersystem oder -netzwerk im Ausland einzudringen, um dort den Zugang zu Informationen zu stören, zu verhindern oder zu verlangsamen, wie es das Gesetz vorsieht. Dafür wäre die Zustimmung des Gesamtbundesrats erforderlich."
 
Der Fokus des NDB liege dabei auf den Kampf gegen Spionage, Terrorismus und Proliferation, also der Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen. Dabei nennt er Zahlen zur Bedrohungslage: "Wir rechnen beim NDB mit insgesamt zehn bis zwölf Fällen pro Jahr, in denen besondere Beschaffungsmassnahmen eingesetzt werden. Gleichzeitig stellen wir jeden Monat mehrere Fälle von Cyberangriffen in den Bereichen Spionage, Proliferation und Terrorismus fest."
 
In Sachen Staatstrojaner sagt er Überraschendes: "Wir haben die Ressourcen, solche Software selber zu entwickeln". Er schloss dabei trotzdem nicht aus, sich Staatstrojaner auf dem Markt zu beschaffen. Dies hänge von den Bedürfnissen ab.
 
Zu einer der heikelsten Fragen - wer auf dem Markt in Frage komme - sagt der oberste Cyber-Geheimdienstler nichts. Er lässt unbeantwortet, ob Schweizer oder auch ausländische Anbieter wie das italienische Hacking Team zum Zuge kommen könnten, zu deren Kunden der Kanton Zürich zählt.
 
Heikel ist dies deshalb, weil es zwar Schweizer Firmen gibt, welchen man die Programmierung eines Staatstrojaners zutraut, aber GovWare ist das heikelste, was man bauen kann. Es ist also unklar, ob diese Firmen einen solchen Auftrag auch tatsächlich übernehmen würden. Manche könnten durch ethische Fragen abgeschreckt werden, manche dürften sich davor fürchten, wie das Hacking Team aufzufliegen.
 
Für Stellensuchende hat das Interview ebenfalls Informationen zu bieten: der NDB plant die Schaffung von insgesamt 15,5 neue Stellen. Diese werden regulär ausgeschrieben. "Bevor wir einen Bewerber einstellen, muss er die höchste Sicherheitsprüfung durchlaufen, die es für Bundesangestellte gibt."
 
Wie gross seine Cyberabteilung ist, gab der Chef aus taktischen Gründen nicht bekannt. (mag)