Wohin geht die Reise des Schweizer Finanzsektors?

Bild: Präsentation Oliver T. Bussmann
An der Swiss Digital Finance Conference 2017 wurde über künstliche Intelligenz, Blockchain und Regulierung diskutiert.
 
Rund 130 Personen aus dem ICT-, Fintech-, und Bankingbereich fanden sich gestern auf dem Campus Zug-Rotkreuz der Hochschule Luzern (HSLU) ein, um an der fünften Swiss Digital Finance Conference teilzunehmen. Es sollte über die Frage diskutiert werden, wie der Bankenplatz Schweiz angesichts digitaler Veränderungen und regulatorischer Reaktionen seine wichtige Rolle behalten kann.
 
Die Eröffnungsrede hielt Georges Grivas, Konferenzleiter und IT-Professor an der HSLU. Er gab den Rahmen vor in dem sich die elf über den Tag verteilten Referate bewegen sollten und bot einen Überblick über die Trends und Entwicklungen bei Banken. Mobile-Lösungen, Künstliche Intelligenz und Big Data, Virtual- und Augmented-Reality sowie Blockchain nannte er als wichtige disruptive Technologien. "Blockchain wird eine so wichtige Bedeutung haben, wie das Internet vor 20 Jahren", sagte der Wissenschaftler vor dem gut gefüllten Alan-Turin-Saal.
 
Das Problem der digitalen Prozesse liege weniger in den Herausforderungen der Technik, als im kulturellen Wandel. Heute noch würden Fintechs eine marginale Rolle spielen und hätten 2016 in der Schweiz bloss 50 Millionen Franken Investitionskapital auf sich gezogen. Das seien nur 0,3 Prozent des globalen Volumens und ein Rückschritt gegenüber 2015. Er folgerte: "Wenn wir die Fintechs ernst nehmen, sollten wir hier auch mehr investieren" und gab damit den Tenor für die gesamte Konferenz vor.
 
Keynote: Banken bereitet euch gut vor!
Auf Grivas folgte Keynotespeaker Oliver T. Bussmann. Der ehemalige CIO der UBS gilt als Experte für globale Transformations- und Innovationsprojekte in der Finanzbranche und wurde kürzlich von 'Fintech News' zu einem der Schweizer Top-Fintech-Influencer gekürt. Er hielt fest, dass der Strukturwandel unvermeidbar sei und wollte die Frage beantworten wie Banken sicherstellen können, dass sie den entscheidenden Moment der Entwicklung nicht verpassen.
 
Neben der Benennung der Hauptwandlungstreiber gab er auch einen Ausblick auf den Strukturwandel der Banken: Fintechs würden künftig ihre Dienste als Plattform zur Verfügung stellen – auch als Whitelabel-Produkte – und viele Banken würden gar keine eigene IT-Infrastruktur mehr betreiben. Letztere würden dabei zu einem Bestandteil einer grösseren Wertschöpfungskette, ausserdem seien alle Kernbereiche von der technologischen Entwicklung betroffen. Schon heute seien verschiedene Lösungen im Einsatz, die von Finanzinstituten genutzt würden: Plattformen für automatisierte Darlehen, Chatbots auf der Grundlage künstlicher Intelligenz, AI-basierte Produkte-Beratung, Blockchain-Lösungen im Zahlungsverkehr sowie Roboadvisor.
 
Man müsse sich als Finanzdienstleister gut überlegen, wo man heute stehe und sein Businessmodell entsprechend überdenken. Wichtig sei es, die Entwicklungen am Markt gut zu beobachten und eine entsprechende Agenda zu erstellen: Von der Idee über die Initiative hin zu den konkreten Projekten. Zudem sollten sich die klassischen Finanzinstitute für Startups öffnen, empfahl Bussmann den Bankern im Saal.
 
In den folgenden Stunden präsentierten Player aus der Fintech- und der Bankenwelt ihre Überlegungen rund um den Themenkomplex Digital Finance. Das Programm war ziemlich bunt und die Referate bewegten sich zwischen Produktepräsentation und allgemeinen Analysen. Behandelt wurden unter adnerem die Digitale Transformation allgemeinen sowie Mobile Payment, Digitale Währung, Roboadvisor und Blockchain ausserdem soziale und kulturelle Folgen des Wandels.
 
Podium: So wenig Regulierung wie nötig
Martin Godel, stellvertretender Leiter der Standortförderung und Leiter KMU-Politik des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco), leitete in seinem Referat zum Schlusspodium über. Die Regulierung von Fintechs ist derzeit in der Vernehmlassung. Man sei zur Zeit betreffs Regulation wohl auf dem letzten Rang, aber die neuen Regularien könnten "The Big Jump Ahead" sein, erklärte der Seco-Mann.
 
Die laufende Vernehmlassung gliedert sich in drei Teile: 1. Wer heute Geld länger als sieben Tage auf sogenannten Abwicklungs-Konti liegen hat, braucht eine Banklizenz. Dies betrifft zum Beispiel auch Crowdfunding-Plattformen. Künftig soll die Frist auf 60 Tage erhöht werden. 2. Wer Geld von mehr als 20 Personen einsammelt, braucht ebenfalls eine Banklizenz. In Zukunft soll das für Summen unter einer Million nicht mehr nötig sein. 3. Es soll eine Banklizenz light eingeführt werden, die tiefere regulatorische Anforderungen mit sich bringt. Man versuche so wenig wie möglich zu regulieren, fasste Godel den Modus Operandi seiner Behörde zusammen.
 
"Wir haben den 100-Meter-Sprint verloren, aber den Marathon gewinnen wir", sagte Marcel Stalder, CEO von EY Schweiz, auf dem anschliessenden Podium bezüglich Regulation. Man zeigte sich allgemein relativ zuversichtlich, was die künftige Entwicklung von gesetzgeberischer Seite betrifft: Er müsse der Finma ein Kränzchen winden, sie hätte sich gut ausgebildete Leute mit entsprechendem Know-How zugelegt, lobte Luka Müller, Partner von MME Legal, die Regulierungsbehörden. "Ich bin positiv gestimmt, wie schnell der politische Prozess gelaufen ist", ergänzte Urs Haeusler, CEO von DealMarket und Vorstand des Verbandes Swiss Finance Startups. Das Fintech-Modell sei der richtige Ansatz. Der Schuh drücke aber noch bei der Geschwindigkeit im Parlament, so Haeusler.
 
Kurt Mäder, Group COO der Liechtensteinischen Landesbank, sah Nachholbedarf insbesondere in den Bereichen Cloud und elektronische Identifikation. Dies bestätigte Secco-Mann Godel und erklärte: Wenn er einen grossen hinderlichen Faktor nennen müsste, wäre es die E-ID. Er sei aber zuversichtlich, dass das Problem 2019 oder 2020 gelöst sei. "Wir sind noch nicht mal in den 30ern des Bankings", sagte er betreffs Regulierung der digitalen Entwicklungen. Aber man habe gut dazugelernt. Man könne hier bestimmt an Speed gewinnen und in einigen Jahren gut dastehen, prognostizierte Urs Haeusler und formulierte einen Wunsch, der für die ganze Branche stehen dürfte: "Soviel Regulierung wie nötig, so wenig wie möglich" (Thomas Schwendener)
 
Interessenbindung: Inside-it.ch ist Medienpartner der Swiss Digital Finance Conference 2017.