SAP-Anwender kritisieren Lizenzen für die Systemvernetzung

Wie weit sind die DSAG-Mitglieder im Digitalisierungsprozess. Ergebnisse der DSAG-Befragung unter rund 500 Mitgliedern im Sommer 2017. Quelle: DSAG
In Bremen diskutierten 4500 Besucher des DSAG-Jahreskongresses wie ERP-Software den Weg in die Digitalisierung ebnet. In der Kritik stehen dabei die Lizenzen für die Vernetzung der Systeme mehrerer Anbieter.
 
"Zwischen den Welten – ERP und digitale Plattformen" lautet das Motto des Jahreskongresses der SAP-Anwendervereinigung DSAG. Im Rahmen der Digitalisierung fragen sich Unternehmen, wie sie in ihr ERP-System in hybride Architektur überführen können, wie es einige Geschäftsmodelle verlangen. "SAP-Anwendern ist noch nicht klar, ob SAP auf diese Fragen und die damit verbundenen Herausforderungen bereits die richtigen Antworten und Strategien hat", beschreibt der Vorstandsvorsitzende der DSAG Marco Lenck die Stimmung auf Seiten der Mitglieder. "Die Unternehmen befinden sich buchstäblich am Absprung zwischen den Welten und benötigen Antworten, wie sich SAP und ihre Partner aufstellen."
 
In seiner Keynote wirft Lenck die Frage auf, ob SAP den Anwendungsunternehmen für die neue, hybride Welt die richtige Strategie und ein entsprechendes Produktportfolio bietet. Aus DSAG-Sicht sei klar, dass ein stabiler ERP-Kern nötig ist, den Unternehmen einfacher und schneller als bisher aktualisieren können. Dieser Kern müsse variabel genug sein, um kurzfristig Erweiterungen zu ermöglichen. Darüber hinaus seien flexible Prozesse und Plattformen gefragt, die sich ohne Upgrade-Zyklen einfach anpassen und schnell ändern liessen.
 
Das Internet der Dinge wirft Lizenzprobleme auf
"Die Spielregeln für das Internet of Things sind aus unserer Sicht noch nicht ausreichend definiert", formuliert DSAG-Geschäftsführer Mario Günter das Problem aus Sicht der SAP-Anwendervertreter. "Die Unklarheit beginnt beim Pricing für existierende und denkbare Szenarien, dem es an der nötigen Transparenz mangelt, und geht weiter zur Problematik der indirekten Nutzung."
 
Indirekte Nutzung liegt aus SAP-Sicht beispielsweise dann vor, wenn das Modul eines Drittanbieters auf Daten aus einem SAP-System zugreift und diese verändert. Dafür sollen unter Umständen Lizenzgebühren fällig werden. "Die Möglichkeiten, mit einem SAP-System zu kommunizieren, waren zwar noch nie so vielfältig, aber was bringen Schnittstellen, wenn Unternehmen aus Lizenzgründen zögern, sie zu nutzen", beklagt Ralf Peters, DSAG-Vorstand Technologie. "SAP muss eine End-to-End-Betrachtung ermöglichen. Dabei darf es keine Rolle spielen, ob die Systeme On-Premise oder in einer Hybrid-Cloud laufen. Zudem müssen Kunden flexibel zwischen den Zugriffstechnologien wechseln können."
 
Aus der Schweiz kommen rund 100 Teilnehmer des Jahreskongresses der Anwendervertreter. "In den Schweizer Gremien wird das Thema digitale Transformation intensiv diskutiert", erklärt Christian Zumbach, DSAG-Vorstand Schweiz. "Die Schweizer Unternehmen sind zwar sehr innovativ, haben aber in der Praxis konkrete Fragen an SAP und erwarten zudem Hilfestellungen." Der Nutzen der Digitalisierung lasse sich am besten mit konkreten Szenarien und Erfolgsbeispielen belegen.
 
Kunden verweigern Gebühren für das Lesen eigener Daten durch Drittsysteme
"Ohne ein transparentes Preismodell verunsichert SAP die Unternehmen und verzögert möglicherweise deren Einstieg in die Digitalisierung", warnt PAC-Analyst Frank Niemann. Ins gleiche Horn stösst
SAP-Chef Bernd Leukert am Jahreskongresses der SAP-Anwendervereinigung DSAG auf der Bühne. Bild: DSAG
Andreas Oczko, DSAG-Vorstand für Operations und Support, mit seinen Forderungen: "Neben der Interoperabilität der Systeme erwarten wir von SAP, dass Anwender die eigenen Daten von Non-SAP-Systemen aus kostenlos lesen können." Die Walldorfer sollten mit ihren Kunden zudem kurzfristig eine verbindliche, einvernehmliche und wirtschaftlich sinnvolle Vereinbarung abschliessen, welche die indirekte Nutzung von SAP-Systemen in der Vergangenheit abdeckt.
 
"SAP sollte zeitnah ein praktikables zukunftssicheres Modell definieren, das sich am wirtschaftlichen Rahmen des jeweiligen Geschäfts orientiert. Ein Beispiel hierfür wäre ein Pay-per-Use-Pricing für bestimmte Szenarien." Nicht akzeptabel sei das Beispiel des SAP-Anwenderunternehmens Diageo, das ein britisches Unternehmen im Mai zur Zahlung von bis zu 55 Millionen Pfund für die indirekte Nutzung von SAP-Daten aus einem Salesforce-System verurteilt hat.
 
Ein weiteres mögliches Lizenzproblem sieht Oczko in Cloud-Anwendungen wie Ariba, SuccessFactors und Concur: "Wir gehen davon aus, dass die Weiterentwicklung von Zusatzprodukten um den digitalen Kern herum vornehmlich in der Cloud erfolgt. Die Kunden haben aber bereits Lizenzen für ihre Geschäftprozessanwendungen erworben. Nun setzen wir uns dafür ein, dass es so nicht zu Doppellizenzierungen kommt." Nötig sei ein vertikales Lizenzmodell, dass einen Prozess lediglich einmal bepreist, unabhängig davon, ob er On-Premise oder in der Cloud läuft.
 
SAP Data Hub orchestriert Datenströme
Wie Unternehmen sich beim Sprung in die digitale Welt Wettbewerbsvorteile erarbeiten, skizziert SAP-Chef Bernd Leukert in seiner Keynote: Wir wollen unseren Kunden zeigen, wie sie diese Stufe mit wenigen Schritten erklimmen." Voraussetzung dafür seien Veränderungen in der Denkweise und der Technologie. Am Beispiel der neu vorgestellten Big-Data-Plattform SAP Data Hub zeigt Leukert auf, wie Unternehmen unstrukturierte Daten aus heterogenen Quellen in Echtzeit analysiert. SAP Data Hub verknüpft die In-Memory-Datenbank SAP HANA mit der Big-Data-Plattform SAP Vora, dem Analysewerkzeug Spark und dem Streaming-Tool Kafka. "Die Lösung ermöglicht es, Datenströme zu orchestrieren und dabei On-Premise-Systeme und Cloud-Module einzubinden", so Leukert. Die Fähigkeit zur Verarbeitung von Massendaten habe SAP Data Hub bei einem indischen Mobilfunkprovider unter Beweis gestellt, der damit für 400 Millionen Kunden individuelle Nutzungsanalysen erstellte. Dabei seien pro Tag 30 Terabyte Daten angefallen.
 
Neue Lizenzmetriken sollen Unsicherheiten beseitigen
Einen weiteren Hebel für die Digitalisierung stelle SAP Leonardo dar, das Leukert als "digitales Innovationssystem" bezeichnet. Es handelt sich dabei um eine Plattform, die Anwendungen und Microservices für das Internet der Dinge, maschinelles Lernen, Blockchain sowie Analytik und Big-Data-Analysen bereitstellt. Um damit einen lauffähigen Prototyp zu erstellen, stehen zwei Varianten mit zeitlich limitierten Festpreisangeboten zur Verfügung: die Leonardo Express Edition mit vorpaketierten Inhalten, und die Leonardo Industry Accelerators, die branchenbezogene Anwendungsfälle abbildet. Geht der Prototyp in den realen Betrieb über, ist eine Lizenzvereinbarung fällig. "Wir sind bereit, bei den Lizenzen neue Wege zu gehen, die auch Pay as you go umfassen", verspricht Leukert. "Um die Unsicherheit auf Seiten der Kunden zu beseitigen, erarbeiten wir im Gespräch mit der DSAG neue Metriken, die wir vermutlich zum Jahresende vorstellen werden." (Jürgen Frisch)