Ko-what-So-what - Eine Geschichte verpasster Chancen

Kolumnist Beat Welte glaubt, dass die Schweiz bei der Nutzung von Geodaten in den letzten 20 Jahren sträflich viel versäumt hat.
 
Vor ein paar Tagen durfte die KOGIS ihren zwanzigsten Geburtstag feiern. Und wenn Sie jetzt fragen: Ko – what?, dann ist das zwar bedauerlich, aber der Normalfall: Auch gut informierte Zeitgenossen haben im Allgemeinen noch nie von der "Koordination, Geo-Information und Services KOGIS" (ja, es heisst wirklich so!) gehört, einer Bundesstelle, die dem Bundesamt für Landestopografie swisstopo angehört. KOGIS koordiniert die Aktivitäten der Bundesverwaltung im Bereich Geoinformation (GI) und Geoinformationssysteme (GIS), und so unsexy wie ihr Name, ist auch ihr öffentlicher Auftritt.
 
So what? Werden Sie sich jetzt fragen. Schliesslich gibt es Dutzende Bundesstellen, die wirkungslos vor sich hindämmern und der Durchschnittsbürger ist heute ja eigentlich schon froh, wenn gerade kein neuer IT-Beschaffungsskandal auffliegt. Bei KOGIS ist das aber ein bisschen anders, denn diese Stelle ist wichtig. Im Februar 1998 vom Bundesrat gegen den Widerstand des damaligen Direktors der Landestopographie eingeführt, bedeutete die Gründung der Bundesstelle einen riesigen Satz nach vorne. Zu einer Zeit, als niemand von der digitalen Schweiz oder Smart Cities sprach, wurde nämlich mit systematischem Erfassen und Aufbereiten von Geodaten die Grundlage für genau dies gelegt – und die Schweiz müsste eigentlich heute das smarteste Land der Welt sein.
 
Heute weiss man zwei Dinge. Erstens: die Schweiz ist ganz und gar nicht führend. Und zweitens: Geodaten sind noch wichtiger, als man damals angenommen hat. Spätestens nach dem Spiegel-Bestseller 'Die Macht der Geographie' oder dem rasanten Aufstieg von Singapur zu einer der smartesten Städte der Welt auf der Basis einer ausgeklügelten Geodaten-Infrastruktur ist man heute sensibilisiert. Und man spürt langsam, was man verpasst hat. In sympathischer Deutlichkeit sprach Andreas Meyer, als SBB-Chef einer der ganz wichtigen Stakeholder, das Problem an: Der Schweiz fehle es an einer grossen Vision beim Thema Smart City. Viele junge Schweizer zögen es heute vor, in Singapur zu arbeiten. Kunststück, möchte man da sagen.
 
In der Zwischenzeit sonnt sich KOGIS im Erfolg ihres Geodaten-Portals. Das ist zwar nett, macht die Schweiz aber nicht entscheidend smarter. "Nach 20 Jahren wurden gerade mal meine damaligen Ideen zum Allernotwendigsten umgesetzt", sagt Martin Huber, der Mann, der dem Bundesrat im Dezember 1997 die Institutionalisierung der GIS-Koordination vorschlug und die Organisationsstruktur und das Pflichtenheft von KOGIS erstellte. Gefragt wäre aber viel mehr: Eine umfassende Vision und die Nutzung der Geodaten auf der Basis eines intelligenten Umsetzungsplans für eine smarte Schweiz. Dieser müsste natürlich weit über die luftige Ideensammlung der Strategie Digitale Schweiz hinausgehen, deren Exponent Martin Huber seine Ideen zu einem "Smart Country" ohne grosse Resonanz vorgetragen hat.
 
Die in Skandal-Bewältigung erstarrten Bundesämter sind heute weniger denn je willens und in der Lage, grosse Würfe zu tätigen – ausser, die Politik gibt Visionen vor und setzt Druck zur Umsetzung auf. Doch auch da sucht man Visionen vergebens – Postautos, "No Billag", Scharmützel mit der EU und vieles mehr scheint sehr viel wichtiger als die digitale Zukunft unseres Landes – obwohl man natürlich dauernd davon spricht, denn schliesslich macht sich das ja gut. Die Leute mit handfesten Visionen suchen derweil anderweitig Beschäftigung: Huber beispielsweise ist heute Geschäftsführer bei seinem Unternehmen Condesys Consulting und sein grösstes und höchst erfolgreiches Smart-Country-Projekt (Link öffnet PDF) ist, wenig erstaunlich – in Liechtenstein. Der Prophet gilt bekanntlich nichts im eigenen Land. (Beat Welte)
 
Beat Welte war über 25 Jahre in führenden Positionen bei verschiedenen grossen und kleinen IT-Unternehmen tätig. Er arbeitet heute selbständig als Strategie- und Kommunikationsberater – und ist kritischer Beobachter der IT-Branche. Für 'inside-it.ch' und 'inside-channels.ch' kommentiert er monatlich Marktveränderungen, bedeutsame Trends und Ankündigungen.