Das elektronische Patientendossier krankt an Mängeln

Probleme bei der Technik und der Zertifizierung machen dem EPD zu schaffen. Mit viel Optimismus wird gleichwohl am Einführungszeitplan festgehalten.
 
Soeben hat der Bundesrat eine Anfrage vom letzten Dezember zum Stand der Umsetzung des elektronischen Patientendossiers (EPD) beantwortet. Damals wollte SP-Nationalrätin Yvonne Feri nicht nur wissen, wie weit dessen Realisierung ist, sondern auch ob künftig alle medizinischen Dienstleister zur Teilnahme am EPD gesetzlich verpflichtet werden. Ausserdem fragte Feri, wie die Bevölkerung informiert und sensibilisiert wird, "damit sie den Nutzen und Profit sehen, ihre persönlichen Daten für das EPD freizugeben".
 
Interessant ist, dass der Bundesrat glaubt, die EPD-Einführungsagenda einhalten zu können. Demnach werden ab 2020 die Spitäler und ab 2022 Pflegeheime technisch in der Lage sein, Dokumente im EPD zu lesen. Der Optimismus erstaunt deshalb, weil der Bundesrat selbst eingesteht, dass es "bei den technischen Detailspezifikationen der Integrationsprofile, auf denen die technische Umsetzung des EPD basiert, noch konzeptionelle Mängel gibt". Die sind am "Projectathon" im letzten September aufgedeckt worden.
 
Von inside-it.ch auf die Mängel angesprochen, sagt Adrian Schmid, Leiter der Kompetenz- und Koordinationsstelle von Bund und Kantonen "eHealth Suisse", dass von den 22 Integrationsprofilen 13 testreif seien. Bei den übrigen neun bestehe allerdings noch Nachholbedarf. Komplex sei zum Beispiel die Anforderung, dass die Patienten jederzeit die Protokolldaten über die Zugriffe auf ihre Dossiers einsehen können. Hier müsse eine neue Lösung von Grund auf neu entwickelt werden, so Schmid. Gleichwohl zeigt er sich überzeugt, dass 2020 auch gemäss kürzlich aktualisierten Einführungsplan als EPD-Starttermin zu halten sein wird.
 
Schmid verweist darauf, dass die Entwicklungsarbeiten bereits laufen und Fehler ausgemerzt werden könnten. Nächste Tests sollen schon am IHE-Connectathon Mitte April in Den Haag und dann am zweiten Schweizer EPD-Projectathon im September möglich sein. Allenfalls werde hierzulande Anfang 2019 abermals ein Projectathon durchgeführt.
 
Kommunikationsprobleme?
Pikant ist jedoch, dass beim EPD engagierte Player wie die E-Health-Sparte von Swisscom die vom Bundesrat genannten Mängel noch nicht im Detail kennen, wie Pressesprecher Armin Schädeli auf Anfrage erklärt. Schmid hebt hingegen hervor, die neue Ausgangslage sei bereits im letzten Dezember aktiv kommuniziert und inzwischen mit detaillierten Dokumenten ergänzt worden.
 
Ein ähnliches Problem zeichnet sich auch bei den Stammgemeinschaften ab. So erklärt Schmid im Namen des Bundes und der Kantone, dass die von den Stammgemeinschaften benötigen Zertifizierungen noch in diesem Jahr beginnen werden. Allerdings weist auf Anfrage von inside-it.ch Walter Stüdeli, Geschäftsführer der Interessengemeinschaft eHealth, darauf hin, dass erst Mitte 2019 die Verordnung publiziert wird, in der die technischen Inhalte dieses Qualifizierungsprozesses überhaupt definiert sein werden. Im Jahr 2018 könne einzig die organisatorische Zertifizierung beginnen. Fraglich ist, ob der Zeitplan so zu halten ist. Unklar ist laut Stüdeli zudem, wie die Zertifizierungen finanziert werden sollen. Die Kosten fielen dem Vernehmen nach viel höher aus als ursprünglich angenommen.
 
Traffic fürs EPD
Kommt hinzu, dass der Bundesrat zur Frage der Verpflichtung aller Gesundheitsfachpersonen wie etwa Hausärzte, ein elektronisches Patientendossier anzubieten, sich derzeit noch nicht äussert. Erfolgen soll eine Stellungnahme "im Frühling 2018 im Rahmen der vertieften Diskussion über die verschiedenen Massnahmen, die von der Expertengruppe im Bericht 'Kostendämpfungsmassnahmen zur Entlastung der obligatorischen Krankenpflegeversicherung' vorgeschlagen wurden".
 
Das Problem hier: Allein mit den Spitälern und Heimen ist die für das EPD kritische Masse an Patienten nicht zu erreichen. Das sagen jedenfalls Branchenkenner. Laut ihnen sind zwingend Massnahmen zu ergreifen, um insbesondere die Hausärzte als wichtigste direkte Schnittstelle zum Patienten an Bord zu holen. Jedenfalls zeigt auch das soeben vorgelegte Swiss E-Health Barometer, dass in Sachen EPD nach wie vor fast die Hälfte der Praxisärzte dem EPD ablehnend oder skeptisch gegenüberstehen.
 
Fokus auf Anbieter statt auf Patienten
Fragt man in der Branche, was anders gemacht werden kann, wird zum Beispiel auf Österreich verwiesen. Dort existiert die hiesige Wahlfreiheit nicht. Vielmehr stülpt man das EPD-Pendant namens elektronische Gesundheitsakte (ELGA) allen über. So müssen dann diejenigen österreichischen Patienten, die ELGA nicht nutzen wollen, schriftlich Widerspruch gegen die Nutzung ihrer Daten anmelden.
 
Insgesamt scheint der Patient hierzulande noch wenig im Blick zu sein. Der EPD-Fokus ist sehr an den Spitälern, Heimen und Technikanbietern orientiert. So ist laut Bundesrat zwar eine "angemessene Information und Begleitung der Einführung des EPD mit diversen Kommunikationsmassnahmen" wichtig. Nur sind solche für die Patienten derzeit noch nicht an der Reihe. Denn eine offensive Kommunikation gegenüber der Bevölkerung ist gemäss EPD-Planung erst sinnvoll, wenn es für sie auch ein Angebot gibt.

So hält der Bundesrat fest, dass man entlang der Umsetzungsphasen kommunizieren werde. Das heisst, "Kommunikationsaktivitäten an die Adresse der Bürgerinnen und Bürger sind erst dann vorgesehen, wenn das EPD organisatorisch und technisch etabliert und in weiten Teilen der Schweiz auch angeboten werden kann". Demnach ist abzuwarten, bis die "konzeptionellen Mängel" beseitigt sind und Stammgemeinschaften zertifiziert werden können.

eHealth-Suisse-Leiter Schmid bleibt zuversichtlich. Das EPD wird "wie geplant im Frühjahr 2020 in allen Regionen der Schweiz verfügbar sein", liess eHealth Suisse denn auch zuletzt verlauten. Man verfolge die "Arbeiten am Aufbau des EPD eng, damit bei allfälligen Verzögerungen rasch reagiert werden kann".

Das könnte etwa dann der Fall sein, wenn zwar Spitäler und Heime das EPD nutzen, doch die Hausärzte und Patienten nicht mitmachen. (Volker Richert)