Zuckerberg-Hearing: Die Take-Aways für die ICT-Branche

Silicon Valley kann weiterhin ruhig schlafen dank Zuckerbergs Auftritt. Nebenbei lernte man ein winziges bisschen in Sachen Big Data und KI.
 
Angekündigt war, dass Mark Zuckerberg vor dem US-Kongress "grilliert" würde. Aus Tech-Branchensicht wurde der Facebook-Boss aber bloss auf Niedrigtemperatur gegart.
 
Über 40 Senatoren befragten ihn vor der Weltöffentlichkeit (im Watergate-Skandal hatten sich bloss sieben Senatoren für ein Hearing gemeldet). Und ein bisschen kam Zuckerberg auch ins Schwitzen, aber bloss wegen der Krawatte.
 
Das lag daran, dass die 84-jährige Senatorin Dianne Feinstein zu den wenigen konkreten Fragestellern gehörte. Ihre nur wenig jüngeren Kollegen konnten oder wollten nicht genau herausfinden, was Facebook tut, tun kann und was nicht.
 
Dies erlaubte Zuckerberg oft, entweder nichtssagende Antworten zu liefern, oder gar nichts zu sagen. Sehr breit gestellte Fragen beantwortete er mit "generell kann ich sagen...", auf extrem eng gestellte Fragen nach einzelnen Facebook-Pages sagte er wenig überraschend, "das weiss ich nicht".
 
Einige konkrete Beispiele: Wieviele unsachgemässe Datenübertragungen an Dritte wie Cambridge Analytica gab es? "Mein Team wird es Ihnen sagen." Wie viele Fake Accounts wurden gelöscht? "Mein Team wird es für Sie herausfinden."
 
In technischer Hinsicht blieben viele Antworten offen, viele Fragen wurden schon gar nicht gestellt.
 
Kann Facebook die Surf-Aktivität eines Users nach dessen Ausloggen verfolgen? "Es wäre wahrscheinlich besser, wenn mein Team dies herausfindet." Irgendwie verwies "Zuck" vage auf Cookies, aber nachgehakt wurde nicht.
 
Erfasst Facebook auch Daten von Nutzern durch Device-übergreifendes Tracking? "Ich möchte, dass dies mein Team mit Ihrem Team klärt."
 
Für Big-Data-Anwender wie Privacy-Verfechter wäre auch spannend gewesen, ob Facebook tatsächlich 96 verschiedene Datenkategorien über User speichern kann. "Was meinen Sie genau mit dem Begriff 'Kategorien'?", fragte der Informatiker Zuckerberg sichtlich irritiert. Dies aber konnte die Fragestellerin dann auch nicht hinreichend präzisieren.
 
Die Faktenprüfer der 'New York Times' erwischten Zuckerberg auch bei faktischen Ausweichmanövern in unterschiedlichen Aspekten.

Was taugt KI gegen Aufstachelung zum Rassenhass?
Aus Tech-Branchensicht ist interessant, wie Facebook für Selbstregulierung anstelle von Gesetzen argumentiert. Man werde neue Fake Accounts verhindern, mit viel Cutting-Edge-Technologie und vielen Mitarbeitern, versprach Zuckerberg allgemein. Wie muss man sich dies in der Praxis feststellen? Durch Anbindung von Handelsregistern, Fraud-Detection-Engines oder was auch immer? Kann Facebook beispielsweise eine regierungsnahe russische Firma mit einer legalen juristischen Hülle im US-Staat Delaware entdecken, fragte ein Senator. "Nein", so Zuckerberg.
 
Auch wurde klar, dass Facebook aktuell diverse technische wie personelle Limiten hat, wenn es um Fake News, Fake Accounts, Terroraufrufe und Hassreden geht. User könnten anstössige Inhalte melden, sagte Zuckerberg. Zudem werde man Ende 2018 20'000 Mitarbeiter zählen, die sich rein um Security und "Content-Prüfung" kümmern. Als drittes Argument für Selbstregulierung nannte er KI als Problemlöser.
 
Doch aktuell ist laut Zuckerberg die Facebook-KI weit davon entfernt ist, gerade "Hate Speech" zu identifizieren. Sie kann weder mit all den Sprachen rund um den Globus umgehen, noch hat sie das notwendige kulturelle Urteilsvermögen.
 
Zuckerberg fiel nicht einmal eine allgemein gültige Definition für "Hassrede" (Hate Speech) ein. Das mag an mangelhaften Sprachtalenten liegen. Aber mangels Nachfrage blieb offen, wie gut die KI-Leute von Facebook überhaupt sind und woran sie arbeiten. Allgemein gilt laut US-Fachmedien, dass die besten Spezialisten nicht bei Facebook arbeiten, sondern bei anderen und dass vermutlich Google die Benchmarks setzt.
 
"Im Unterschied dazu haben wir zum Aufspüren von Terroristen-Propaganda schon sehr erfolgreich KI-Tools deployt", lobte Zuckerberg seine Leute. Was heisst "sehr erfolgreich" genau? Und was leistet KI in diesem Kontext? Was ist zu erwarten in absehbarer Zukunft? Kein Senator wollte es wissen. 2017 noch beschuldigte ein Bericht der britischen Regierung (PDF) Social-Media-Firmen, sie würden terroristische Inhalte, Aufstachelung zum Rassenhass etcetera nicht einmal dann entfernen, wenn sie dazu aufgefordert würden. Dies griff denn auch die 'New York Times' wieder auf.
 
Aus Tech-Sicht gab es einige bemerkenswerte Aussagen zum Facebook-Businessmodell. Der Milliardenkonzern ist heute rein werbefinanziert, aber Zuckerberg könnte sich eine werbefreie Bezahlversion vorstellen. "Es wird immer eine kostenlose Version geben", sagte der 33-jährige Gründer, der sein Werk als Instrument der Weltverbesserung verstanden haben will, das sich auch ein afrikanischer Bauer leisten kann.
 
Wie die Einnahmen aber weiterhin sprudeln sollen – Facebook verdiente laut 'NZZ' allein mit jedem amerikanischen User 82 Dollar – liess Zuckerberg offen. Bezüglich Nutzerdaten-Sammlung, -haltung und Privatsphäre sei eine Regulierung durchaus diskussionswürdig, falls es "die richtige Regulierung" sei. Aber sind die neuen EU-Regulierungen "richtig" oder geschäfts- oder innovationsschädigend? Die Frage wurde nicht wirklich gestellt.
 
In Sachen Werbung, so wurde klar, soll eine Auflistung von Ads kommen, welche via eine Facebook-Page gebucht wurden und welche Anspruchsgruppe damit erreicht werden soll.
 
Ebenfalls ein Randthema blieb das Eigentum an Daten. Zuckerberg betonte mehrfach, der User bleibe immer "Besitzer" seiner Daten auf Facebook. Im Laufe des Hearings schafften es die Senatoren herauszuarbeiten, dass "Besitz" hochladen und löschen meint, während Facebook eine Nutzungslizenz für alle möglichen Daten hat. Und so ging mindestens einem Senator auf, dass der Deal zwischen dem User und dem Konzern – Hundefotos eines Schulfreundes loben als Abgeltung der Nutzungslizenzen – vielleicht nicht der bestmögliche Deal ist, den ein Konsument erzielen könnte.
 
Keine vertiefte Auseinandersetzung fand in den fünf Stunden zum ebenso interessanten Thema "Monopole" statt.
 
Das Fazit des ersten Hearings: Wenn nicht ein weiterer Datenvorfall, ein Hack oder sonst ein Mega-Gau auftritt, können Zuckerberg, der Rest des Silicon Valleys und alle Userdaten-basierten Startups ruhig weitermachen. Aus USA drohen nach heutigem Stand kaum gravierende Regulierungen der Businessmodelle und keine Behinderungen von Tech-Innovationen.
 
Die Wall Street honorierte Zuckerbergs Auftritt entsprechend grosszügig: Er verdiente während des Hearings mit Entschuldigungen und vagen Auskünften drei Milliarden Dollar durch gestiegene Aktienkurse. Bei geschätzt 200 Fragen macht dies für jede Antwort jeweils 15 Millionen Dollar Profit. Das ist Disruption in einer neuen Dimension. (Marcel Gamma)