Weltes Welt: Elon Musk und die Maschinen­stürmer

Kolumnist Beat Welte hält Elon Musks Aussagen zur Automatisierung bei Tesla für "absolut gequirlten Quatsch."
 
Eine der wichtigsten Fähigkeiten von CEOs ist es, offensichtliche Fehl- oder Schwachleistungen im Unternehmen zu erklären. Und zwar am Besten so, dass die chronisch defätistische Journaille ihren Beissreflex verliert und dem armen "Underperformer" zumindest Respekt zollt für seine verantwortungsvolle und gesellschaftlich hochreflektierte Haltung bei der Erklärung des Defizits. Hier entwickeln CEOs die allergrösste Kreativität – und kommen erstaunlich oft damit durch.
 
Den Vogel abgeschossen hat diese Woche Elon Musk. Der Tesla-Chef hat viele Defizite zu erklären: Das Unternehmen verbrennt rund eine halbe Million Dollar pro Stunde (!), und die "red flags" bei der Analyse der Bilanz des Unternehmens leuchten so rot wie Tomatenpüree. Auch die Verzögerungen bei der Produktion des Tesla Modells 3 halten hartnäckig an, so dass der oberste Tesla-Lenker – wenn er nicht gerade damit beschäftigt ist, ein strauchelndes Ökostrom-Unternehmen von seinen Cousins zu kaufen oder einen gigantischen Party-Ballon ins All zu schiessen – nicht umhin kann, sich bisweilen auch in die Niederungen der Auto-Produktion zu begeben. Und dabei kommt Musk diese Woche zum überraschenden Schluss: "Wir haben übertrieben viel automatisiert", und Menschen seien unterschätzt worden.
 
Nun ist das natürlich – siehe die Einleitung – eine absolut geniale Erklärung (oder solllen wir es sagen, wie es ist: Ausrede). Genial, weil die Automatisierung momentan breit diskutiert wird, und zwar sowohl von deutschen Betroffenheits-Medien, die uns schon durch Roboter gepflegt sehen (natürlich mit der klassenkämpferischen Spitze, dass vor allem das Prekariat betroffen sein werde) bis hin zu jenen Maschinenstürmern moderner Provenienz, die uns vorjammern, dass uns durch die Digitalisierung und Automatisierung massenhaft Arbeitsplätze verloren gehen. Obwohl aller-, aller-, allerspätestens nach der Einführung des Bankomaten und der parallel dazu boomenden Beschäftigungslage in der Bankenwelt und vielen, vielen, vielen Fehlalarmen von Technologiegegnern seit Einführung der Dampfmaschine klar geworden sein sollte, dass uns die Arbeit nicht ausgehen wird.
 
Aber es kommt halt gut an, wenn sich selbst ein Hardcore-Technofreak wie Musk kritisch zur Automatisierung äussert und sich anbiedernd-sympathisch auf die Menschen besinnt (wie wenn die mit der Automatisierung nichts zu tun gehabt hätten…). Und ganz nebenbei hat man auch noch die Produktionsprobleme erklärt, die natürlich neben dieser philosophisch-existenzialistischen Dimension absolut ins Abseits geraten, denn wer wollte schon kleinlich auf Produktionszahlen herumreiten, wenn es ums Fundamentale geht.

Nur dass die Ausrede natürlich absolut gequirlter Quatsch und ziemlich peinlich ist. Seit ziemlich genau 100 Jahren – dem legendären Modell T von Ford – standardisiert und automatisiert die Automobilbranche höchst erfolgreich, und wenn über Automatisierung geklagt wird, dann höchstens deshalb, weil man zuwenig automatisert hat, was die Kosten in die Höhe treibt. Nur wissen die grossen Autobauer – im Gegensatz zur Software-Schmiede Tesla – was sinnvolle Automatisierung im Autobau und präzises Forecasting ist.

Abzuwarten ist, ob Musk die Produktionsprobleme in den Griff kriegt. Wie unser aller Boulevard-Blatt Blick vermeldet, schläft der Tesla-Chef mittlerweile selbst in der Fabrik, und das muss ja dann (Achtung, Ironie!) ganz sicher nützen. Noch dieses Jahr, so schätze ich, werden wir sehen, ob der bereits legendäre 1.-April-Scherz des obersten Tesla-Lenkers nicht plötzlich ganz, ganz ernst wird. (Beat Welte)
 
Beat Welte war über 25 Jahre in führenden Positionen bei verschiedenen grossen und kleinen IT-Unternehmen tätig. Er arbeitet heute selbständig als Strategie- und Kommunikationsberater – und ist kritischer Beobachter der IT-Branche. Für 'inside-it.ch' und 'inside-channels.ch' kommentiert er monatlich Marktveränderungen und äussert dabei als Kolumnist seine persönliche Meinung.