Blockchain rückt näher ans Schweizer Business… oder umgekehrt

Aus diesen Bereichen stammen die Studienteilnehmer. Grafik: IBM
Die Projektbudgets von Firmen verlagern sich Richtung Blockchain, so eine IBM-Studie.
 
Flaute oder Auftrieb? Dies fragt eine heute von IBM Schweiz präsentierte Studie zur Adaption von Blockchain in der Schweiz rhetorisch im Titel. Denn die Kernaussage der Umfrage ist klar: Die Technologie gewinnt an Relevanz für Schweizer Unternehmen. Über die Hälfte der befragten 70 Firmen arbeitet bereits an Blockchain-Projekten und rund 40 Prozent rechnen damit, dass die Technologie ihr Geschäft im Zeitraum von 2017 bis 2019 signifikant beeinflussen wird. In der letztjährigen Studie gab erst ein Drittel der Befragten an, dass man an konkreten Projekten arbeite und auch mit Blick in die Zukunft gab man sich verhaltener. Nur noch weniger als fünf Prozent zeigten sich uninteressiert an der Technologie. "Die Schweiz ist gut aufgestellt", sagte Urs Karrer, Leiter Digital Consulting bei IBM Schweiz, während der Präsentation im Schweizer IBM-Hauptsitz.
 
Das Resultat ist nicht sehr erstaunlich, wenn man die Diskussionen und Aktivitäten rund um Blockchain hierzulande beobachtet. Aber die IBM-Studie besagt auch, dass das Interesse immer mehr mit Value Proposition und dem Business-Modell zu tun hat. Zusammengenommen nannten 72 Prozent diese als Beweggründe für Anstrengungen Richtung Blockchain, während noch 28 Prozent die Erforschung der Technologie und ihres Potentials als Motivation nannten – sieben Prozent weniger als noch das Jahr davor.
 
Dies zeigt sich auch in der Einschätzung der Vorteile der Blockchain: Die Business-Operationen effizienter zu gestalten nannten immer noch 20 Prozent als hauptsächlichen Vorzug, aber das Argument wurde von zehn Prozent der Studienteilnehmer weniger genannt als im Vorjahr. Demgegenüber konnten Business-Argumente wie die Entwicklung besserer Produkte und Services und die Etablierung stärkerer Kundenbeziehungen zulegen. Sie kommen neu auf 21 beziehungsweise 18 Prozent der Nennungen. Und sogar Marketing- und Sales-Aspekte machten immerhin neun Prozent geltend, nachdem es in der letzten Blockchain-Studie noch zwei Prozent gewesen sind.
 
Mehr Geld für Blockchain-Projekte
Entsprechend gehen auch die Budgets nach oben: Für 2017 sagten noch satte 88 Prozent, dass sie weniger als ein Prozent der Projekt-Budgets in Blockchain investieren. Für 2018 bis 2020 sind dies noch etwas mehr als die Hälfte der Befragten. Neun Prozent wollen dann fünf Prozent oder mehr in die Technologie stecken, zwei Prozent gar mehr als einen Fünftel ihres Projekt-Budgets. Ein grosser Brocken von 38 Prozent sieht zwischen einem und fünf Prozent ihres Projekt-Geldes dort gut angelegt.
 
Wie kommt die reale Welt in die Blockchain?
Die grössten Herausforderungen für die Anwendung von Blockchain bleiben eine undefinierte Value Proposition, regulatorische Bedenken sowie der Mangel an Fachkräften. Auffällig ist, dass regulatorische Unsicherheiten und Bedenken zugenommen haben. "Die Leute machen sich Sorgen, in etwas zu investieren, was der Regulator dann abklemmen könnte", erläuterte Christian
Soviel Geld aus den Projektbudgets der Firmen fliesst in Blockchain-Projekte. Grafik: IBM
Keller, IBM-Schweiz-Chef. Zudem kommt hier wohl zum Tragen, dass die stark regulierten Bereiche Versicherungen, Banken, Government und Health Care über die Hälfte der Befragten stellten.
 
Eine Herausforderung, die sich erst in Zukunft Geltung verschaffen könnte: Wie kriegt man physische Assets mit der Blockchain verlinkt? 84 Prozent der Befragten hatten noch gar nicht darüber nachgedacht oder gaben keine Auskunft. Die Frage ist wichtig, dass sie in der Studie prominent dargestellt wurde, hat aber natürlich auch mit IBM selbst zu tun. Andreas Kind, Manager "Industry Platforms and Blockchain" bei IBM Research, präsentierte mit Crypto Anchors Lösungsansätze für "Anker in die physische Welt": So nannte er maschinenlesbare Zusatzstoffe für Medikamente, millimeterkleine Computer und Tracking-Lösungen als Beispiele, die IBM entwickelt hat.
 
Der gemeinsame Fischteich
Als grösste aktuelle Hindernisse für den Einsatz von Blockchain nannten die Befragten wie schon letztes Jahr, dass das Management andere Prioritäten gesetzt habe, die Teams noch unerfahren seien und man zu wenig interne Ressourcen zur Verfügung habe. Immer mehr würden aber auch einsehen, dass für den strategischen Einsatz von Blockchain Kooperationen und Allianzen wichtig seien, so Karrer.
 
Dem Ökosystem hat dann IBM auch einen der drei Schwerpunkte der Studie gewidmet: Fast 70 Prozent sagten, dass sie bei Gelegenheit oder aktiv mit den Partnern der Wertschöpfungskette in Austausch stehen, rund 13 Prozent gaben gar an, hier führend zu sein. Coopetition nannte Keller hier als Stichwort. Frei übersetzt: Mit den anderen Fischen schwimmen und sie bei Gelegenheit fressen. IBM ist hier ziemlich umtriebig und präsentiert heute am Presseanlass in Zürich auch die Blockchain-basierte Trade-Finance-Plattform Batavia, in deren Konsortium neben IBM Grossbanken zu finden sind.
 
Welche technologische Plattform zum Einsatz kommen soll, haben fast 60 Prozent noch nicht entschieden. 19 Prozent der Studienteilnehmer sehen vor, Hyperledger Frameworks zu nutzen. Diese werden von einer Open-Source-Initiative entwickelt, der auch IBM angehört. "Es geht in Richtung Hyperledger, das beginnt sich abzuzeichnen", kommentierte Karrer.
 
"Blockchain ist und bleibt ein strategisches Thema", erklärte Keller. Am Rand des heutigen Anlasses sagte der Schweiz-Chef zu inside-it.ch: IBM habe schon früher neue Technologien als erste ausgerollt, aber andere hätten das grosse Business gemacht. Das passiere dieses Mal nicht.
 
Die zweite Blockchain-Studie von IBM Schweiz
Für die zweite Schweizer Blockchain-Studie von IBM hat der Konzern in der zweiten Jahreshälfte 2017 rund 70 Entscheidungsträger vom C-Level bis zu Projektleitern befragt. Diese stammen von Unternehmen mit Sitz oder Niederlassung in der Schweiz. Neben Finanz- und öffentlichem Sektor ist der Distributionssektor sehr stark vertreten. Über 90 Prozent der Unternehmen haben mehr als 500 Angestellte, fast die Hälfte sogar 10'000 oder mehr. (Thomas Schwendener)