Migrations-Albtraum einer Bank in GB

Raiffeisen-Probleme sind Peanuts. Das zeigt der Software-Migrations-GAU der Bank TSB.
 
Die britische Bank TSB wollte über das vergangene Wochenende ihr bestehendes System auf das Kernbankensystem "Proteo" der Sabadell-Gruppe migrieren. Dies ist der Bank gründlichst misslungen.
 
Die Bank kündigte an, dass verschiedene Online-Services vom 20. April Nachmittags bis zum Sonntag, 22. April wegen der Migration nicht verfügbar sein würden. Unterdessen, fünf Tage später, funktionieren Services über Internet und Telefon immer noch nicht, wie ein Blick auf die Status-Seite der Bank, heute Mittwoch 25.4. um ca. 16 Uhr, zeigt. In den Tagen zuvor waren selbst Services an den Schaltern der Bank nicht möglich. Zum Zeitpunkt, in dem dieser Artikel entstand, meldete die Bank per Twitter, die Services seien wieder zugänglich. Dies wird aber von Bankkunden bestritten.
 
Schlimmer noch: Eine unbekannte Anzahl von Kunden hatten Zugang zu den Konten von anderen TSB-Kunden. Die Bank und ihr "Epic Fail" ist Thema von hunderten von Presseartikeln in Grossbritannien und wurde auch zum Thema der Politik. Die Vorsitzende der Finanzkommission des britischen Unterhauses, Nicky Morgan, wandte sich in einem geharnischten Schreiben an die Bank. (Click öffnet PDF.) Sie verlangte Auskunft über die Service-Unterbrüche, die Unmöglichkeit, mit Karten der TSB zu bezahlen, den automatischen Versand von E-Mails des Betrugs-Erkennungssystems, falschen Bankkonten-Saldi und eben den Zugriff auf Konten durch Dritte. Sie will wissen, was passiert ist und wieviele Bankkunden betroffen waren. 'The Guardian' setzte sogar einen Live-Ticker auf.
 
Die britische Bank TSB gehört der fünftgrössten spanischen Bankengruppe Sabadell. 2015 übernahm Sabadell die britische Bank TSB, die früher zur Lloyds-Gruppe gehört hattte. Die TSB Bank wickelte ihre Geschäfte auf dem Kernbankensystem von Lloyds ab und musste dafür bezahlen. Deshalb wollte man nun auf das System der Mutter umsteigen.
 
Schadenersatzforderungen drohen
Das Beispiel TSB zeigt, wie es ist, wenn die Migration eines Kernbankensystems wirklich misslingt. Gemäss 'The Guardian' konnten fast zwei Millionen Kunden nicht auf ihre Konten zugreifen. Manche TSB-Kunden, die auf das Funktionieren der Bank vertrauten, dürften mangels Zahlungsmitteln in ernsthafte Schwierigkeiten geraten sein.
 
Kritisiert wird auch, dass die Helplinie der Bank (natürlich) nicht oder nur schlecht erreichbar war. Man spricht nun von Entschädigungsforderungen, die auf die Bank zukommen werden. Royal Bank of Scotland musste in einem ähnlichen von Fall 2012 70 Millionen Pfund Strafe und über 260 Millionen Franken Schadensersatz bezahlen.
 
Dabei war man bei der Präsentation des neuen Systems, "Proteo4UK" noch sehr optimistisch. Das System wurde während zweieinhalb Jahren entwickelt. Es sei auf den Bedarf von Kunden ausgerichtet und ermögliche die "Open Banking Revolution". Zudem spare man etwa 100 Millionen Pfund jährlich ein, sagte die Chefabteilung von TSB im Dezember 2017.
 
Proteo baut auf einem System namens Alnova von Accenture auf, gehört aber der Sabadell-Gruppe.
 
Postfinance und Raiffeisen aktuell
Der für die Bank und seine Kunden katastrophale Unterbruch der Dienste zeigt deutlich die Risiken der Migration von Kernbankensystemen auf. Während die Postfinance über Ostern mit erstaunlich wenig Nebengeräuschen auf das Kernbankensystem BaNCS von Tata migrierte, hat man bei Raiffeisen anhaltend Probleme mit der Migration der einzelnen Genossenschaftsbanken auf Avaloq. Der Termin für die riskante Migration weiterer Genossenschaftsbanken wurde mehrfach verschoben. (hc)