Die globale Blockchain-Avantgarde trifft sich am Zugersee

Bundesrat Johann Schneider-Ammann im Gespräch mit dem Moderator. Bild: ts
Am Blockchain Summit diskutieren Geist, Geld und Geschäft. Ein Augenschein vor Ort.
 
Empfangen werden die vielen Herren und wenigen Frauen im Zuger Theater Casino von Hostessen unter leuchtend-pinken Schirmmützen mit der Aufschrift "Blockchain Summit – Crypto Valley". Über dem repräsentativen Bau haben sich ein paar Wolken zusammengebraut, aber es sind angenehme 15 Grad. Ideales Wetter also, um sich einen Tag lang mit der Gegenwart und Zukunft von Blockchain zu beschäftigen und zuzuhören, wie sich Geld mit Idee, also Investor mit Startup-Gründer, unterhält.
 
Den Auftakt des Tages macht Bundesrat Johann Schneider-Ammann im grossen Theatersaal vor schätzungsweise 500 Leuten. Sehr zum Wohlgefallen der Anwesenden präzisiert er einen Satz, den er an der Crypto Finance Conference in St. Moritz ausgesprochen hatte: "Die Schweiz ist keine Crypto-Nation, sondern genauer eine Blockchain-Nation", so Schneider-Ammann in bestem Schweizer Englisch. Wer sich an diesem Donnerstag hier eingefunden hat, kann sich dieses Eindrucks tatsächlich nicht ganz erwehren.
 
Wenn gleich das Meeting sehr international zusammengesetzt ist und Menschen vor allem aus Europa, Asien und den USA angelockt hat. So drückt man mir gleich zu Beginn des Events eine Visitenkarte eines Startups mit Sitz in Hongkong in die Hand. Die CMO-Frau von Enecuum ist hier um zu networken, eine gute Community habe sich in Zug versammelt, erklärt sie mit freundlichem Lächeln.
 
Internationales Gedränge, mehr Visitenkarten und Jongleure-as-a-Service
Allein am Morgen folgen auf Schneider-Amman neun Vorträge, Podien und Chats im dichtgedrängten Programm. Die Hauptthemen neben Technologie (wichtig), Ökosystem (sehr wichtig) und Perspektiven sind die Bereiche Versicherung, Banking, Immobilienwesen und Government. Auf die Frage vom Moderator in roter Seidenrobe, wer denn aus der Versicherungsbranche stamme, heben sich viele Hände im Saal. Weniger dann beim Banking, und bei Real Estate und Government gehen nur noch vereinzelte Hände in die Höhe.
 
Am Mittag stehen sich Geld und Ideen etwas auf den Füssen rum. Die Startup-Halle ist umsäumt von Ständen diverser Startups mit Sitz in Zug und anderswo auf dem Globus. Dazwischen drängen sich Studenten, Firmengründer und Gesandte von grossen Firmen und Investoren – auch der eine oder andere CIO wird gesichtet. Angesichts des Gedränges finden die fleissigen Küchenhelfer kaum Schleichwege, um das Mittagsessen durch den Saal zu jonglieren. So bilden sich lange Schlangen vor dem Kücheneingang, eine günstige Gelegenheit, um sich mit Anwesenden zu unterhalten.
 
Es gibt auch auf Malta eine kleine Blockchain-Szene, sagt ein Startup-CMO mit österreichischem Akzent, der die finanziellen Vorzüge der Inselgruppe preist und eine Visitenkarte seines Unternehmens Reenergize loswerden will. Ansonsten hört man von den Jungfirmen häufig, dass sich Zug wegen des guten Ökosystems und den politischen Rahmenbedingungen besonders eigne, um sich niederzulassen.
 
Von der Selbstregulierung zur libertären Idee
Die politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen bilden dann auch einen der roten Fäden der Podien und Vorträge, insbesondere natürlich in jenen zum Finanzbereich. Bereits Schneider-Ammann, bekanntlich Mitglied der Schweizer Regierung aber eben auch Unternehmer aus Überzeugung, hatte davon gesprochen, dass es besser sei, wenn regulatorische Richtlinien von Privaten komme. "Das passt dann auch zu den Marktanforderungen",
Auf dem Government-Podium ging's um die ganz grossen Fragen. Bild: ts
sagte er vor applaudierendem Saal.
 
Der Finma wird zwar von vielen Seiten gute Noten ausgestellt, aber Selbstregulierung sehen viele der Anwesenden als Königsweg. Am Rand des Anlasses spricht inside-it.ch mit Tim Glaus, einem der Gründer des Schweizer Startups Alethena, das es sich zum Anliegen gemacht hat, eine Ratingagentur für ICOs und Blockchain-Assets zu werden. Man sehe sich selber als Marktmechanismus, werde aber selbstverständlich mit den staatlichen Regulatoren zusammenarbeiten, so Glaus wohl stellvertretend für das Mehr der Blockchain-Community.
 
Am Nachmittag ist das Programm wieder vollgepackt: Satte 14 Referate, Filme und Podien sind zu absolvieren, bevor es zum Apéro wiederum in die Startup-Halle geht. Besonders das Podium zu Government mit dem schönen Titel "Nationalstaat vs. Eigen-Souveränität" (Self-Sovereignty) hat es in sich. Hier finden Business-Idee und jene libertäre Gesellschaftsvorstellung zusammen, die immer wieder durchscheint, wenn es um dezentralisierte Strukturen und Organisationen geht.
 
Dies zeigt sich insbesondere während der Präsentation von Luis Cuende, Star-Programmierer und Mitbegründer von Aragon, einem Startup, das kürzlich nach Zug gezogen ist. Das Unternehmen tritt mit dem schönen Ansinnen an, Menschen auf der ganzen Welt zu ermächtigen und ihre Organisationen auch gegen finstere Regierungen zu schützen – wofür dann auch der libertäre Sozialist und Linguist Noam Chomsky auf der Website von Aragon zu Ehren kommt. In Kurz ist der Plan folgender: Freiheit kreiere man, indem man dezentrale Organisationen kreiere, was wiederum zu Frieden und damit zu Sicherheit führe, so Cuende in seinem Vortrag.
 
Kampf um die Goldadern
Die Goldgräberstimmung ist etwas, was einem ins Auge sticht, wenn man diesen Tag am Summit am Zuger-See verbringt. Aber es gibt eben meist nicht so viel Gold wie Glücksritter. Am Rande des Anlasses sagen mehrere Leute, dass sie eine grosse Konsolidierung der Szene erwarten. Und auf dem Podium zum Ökosystem benennt Cofound.it-Stratege Zenel Batagelj neben Unterschieden zur Dot.com-Bubble eine Gemeinsamkeit in deutlichen Worten: "There will be blood in the streets".
 
Um im Bild der Goldgräber zu bleiben: Die Stimmung hat natürlich durchaus etwas damit zu tun, dass einige Stollen bereits erschlossen sind oder kurz davorstehen und grosse Ressourcen versprechen. Was eine junge IBM-Studie nachweist, zeigt sich auch im Gespräch und im Stimmungsbild: Das Business interessiert sich aus Business-Gründen für die Technologie und es wird vermutlich Geld zu machen sein; möglicherweise viel Geld. So sagte Daniel Diemers, Stratege von PwC: "Der Markt für Blockchain wird exponentiell wachsen, die Frage ist nur, wann und wie steil die Kurve ist."
 
Zum Abschluss ein Analogieschluss
Das Abschlusspodium des Tages beschäftigt sich dann mit der Frage, wie das Crypto Valley seine Position als globales Zuhause der Blockchain erhalten oder gar ausbauen kann. Genannt werden nicht nur Verbesserungen bei den bereits guten regulatorischen und politischen Rahmenbedingungen, sondern auch einfache Sachen: So gebe es zu wenige Hotels im Zuger Gebiet und es sei für Blockchain-Firmen häufig schwierig, überhaupt ein Firmenkonto einzurichten – die Banken seien wegen offenen gesetzlichen Fragen häufig ängstlich.
 
Trotzdem sei die Schweiz im Allgemeinen und Zug im Besonderen der ideale gesellschaftliche Resonanzraum für die Blockchain. Dank direkter Demokratie und dezentraler gesellschaftlicher Strukturen würden die Einwohner der Schweiz gute Voraussetzungen für die Blockchain mitbringen, so der etwas wacklige Analogieschluss zum Ausklang des inhaltlichen Programms. Aber das letzte Podium ist schliesslich auch keine Einführungsvorlesung in die Logik, sondern eher eine Marketingveranstaltung für den Zuger Standort. (Thomas Schwendener)

Unser Kommentar:

Zwar wird der Aragon-Gründer Luis Cuende durch die auf dem Government-Podium sitzende Europaparlamentarierin Eva A. Kaili relativiert, aber in der ganzen Goldgräberstimmung geht etwas unter, dass zentrale Instanzen nicht einfach nur eine Folge der Technologie sind. Hier geht es um zentrale gesellschaftliche und auch ökonomische Fragen. Ohne die im Staat monopolisierte Gewalt ist die Durchsetzung des Rechts etwa kaum zu denken – und auch die Regulation der Geldmenge durch die Zentralbanken hat zum Beispiel eine nicht zu unterschätzende Funktion für Währung und Wirtschaft. So mag man sich Kaili anschliessen, wenn sie sagt: "Blockchain ist eine gute Infrastruktur, es kommt aber darauf an, wie man sie benutzt."
 
Zu unterscheiden ist in Sachen Blockchain eben nicht nur Hype und Realität, sondern auch libertäre Ideologie und die tatsächlichen Potentiale der Technologie. (Thomas Schwendener)