Leider Nein (verborgene Folge)

Nachrichten aus dem Papierkorb der Redaktion.
 
Story Telling ist alles, denn nur mit gutem Story Telling kann man Content Marketing machen. Und ohne Content Marketing läuft nix, denn Werbung ist so was von vorbei. Und so werden Journalisten, die es eh nicht mehr braucht, denn um Pressemitteilungen abzutippen, reichen billige Praktikanten, zu Story Tellern und tellen uns täglich schöne Storys von der Transformation und der Digitalisierung und wie alles gut läuft wegen den schlauen Leuten bei der Firma, die dem Story tellenden Ex-Journalisten ungefähr das dreifache eines Journi-Lohns bezahlt, weil es eben nicht so einfach ist, eine schöne Story zu tellen und so zu tun, als habe das alles rein gar nichts mit Werbung zu tun, sondern sei nur eine schöne und wahre Transformations-Gutenacht-Geschichte.
 
Noch besser ist Story Telling natürlich, wenn man die getellte Story in einer Zeitung unterbringen kann, denn das liebe Lesevieh geht aus reiner Gewohnheit davon aus, dass die Storys in der Zeitung zwecks Unterhaltung und Wahrheitsfindung getellt werden und nicht, um etwas zu verkaufen. Also muss man versuchen, die getellten Storys in den Zeitungen unterzubringen, was den Zeitungen auch entgegen kommt, denn die Praktikanten haben Mühe, den News-Stream zu füllen, die getellten Story sind eh besser geschrieben und die Zeitung bekommt Geld, statt den Praktikanten bezahlen zu müssen. Win-Win. Und so streiten wir in der Redaktion darüber, ob der Telefonterror der sich als Microsoft-Angestellte ausgebenden Betrügerinnen oder die täglichen Anrufe von PraktikantInnen von Story-Telling-Agenturen, die Storys bei uns unterbringen wollen, schlimmer sei.
 
Dabei wäre es so einfach. Die Welt ist voller guter Geschichten, die uns staunen, erschaudern oder erröten lassen und die erzählt werden wollen. Da lauert es versteckt im Verborgenen ("VERSTECKTE MALWARE LAUERT HÄUFIG IM VERBORGENEN", wie uns verdienterweise die Agentur Kafka Kommunikation GmbH & Co mitteilte) und die Schweiz erbebt in Gouvernanz. "Die Schweiz soll zum Epizentrum der internationalen Digitalisierungsgouvernanz werden können", lautet der Titel eines Postulats, das Digitalisierungsspezialist Claude Béglé zusammen mit dem Zürcher Erdbebenforscher Mauro Tuena eingereicht hat.
 
Dank Wissenschaft und Forschung wird die Welt täglich besser und es gibt neue, positive Geschichten zu erzählen: "APP BERUHIGT AGGRESSIVE AUTOFAHRER" stammt wie "TESTOSTERON MACHT AUS FRAUEN FAIRE TEAMPLAYER" von unserer Lieblingsagentur 'pte'. Gerade für uns Journalisten ist auch diese Erkenntnis wichtig: "NEUES 'WUNDERMITTEL': ALKOHOLIKER BLEIBEN TROCKEN." Nun verstehe ich endlich auch, warum sich die Regenwürmer im Schrebergarten meiner Nachbarin in letzter Zeit so seltsam winden. Denn 'pte' weiss: "Sollten sich die Studienergebnisse mit Würmern und Ratten mit minimalen Nebenwirkungen auf den Menschen umlegen lassen, ..." Ich würde mich als Regenwurm auch besaufen, wenn ich wüsste, dass ich demnächst dazu missbraucht würde, ein harmloses Studienergebnis umzulegen. Aber diesen Skandal will wieder keiner tellen. (hc)