Post gibt eigene E-Health-Lösung auf

Die E-Health-Lösung der Post wird migriert auf eine Plattform von Siemens Healthineers. Das hat Konsequenzen für Kantone, einen Neu-Kunden und die Post-Informatiker.
 
Die Post will im Bereich E-Health vorwärts machen, aber nicht mehr allein. Sie geht eine Partnerschaft mit Siemens Healthineers ein, dies meldet die Post. Die Begründung: So könne man das Portfolio des elektronischen Patientendossiers erweitern und neue Services auf den E-Health-Markt bringen.
 
Und weil die Lösung "Siemens Healthineers eHealth Solutions" schon solche praxiserprobten Module hat, soll die Postlösung "überführt" werden in die neue. Was heisst dies konkret für die Lösung namens Post E-Health (vormals Vivates), welche heute in den Kantonen Genf, Waadt, Tessin und Aargau und laut Post bei über 100 Institutionen läuft? Heisst "überführen", dass deren Plattform vom Markt verschwindet? "Nein, im Gegenteil. Die E-Health-Lösung der Post wird durch die Partnerschaft mit Siemens Healthineers um neue Services ergänzt, also ausgebaut. Die technische Lösung der Post wird aber mittelfristig von der technischen Lösung von Siemens Healthineers abgelöst", so Nathalie Dérobert Fellay, Mediensprecherin der Post auf Anfrage.
 
Aber warum dieser Schritt? "Die Post stellt ihre E-Health-Lösung einer breiten Palette von Kunden zur Verfügung. Die Spannweite reicht von Spitalverbünden bis zu EPD-Stammgemeinschaften (Zusammenschlüsse von Organisationen zur Weiterentwicklung des Elektronischen Patientendossiers, EPD). Diese Diversität der Kunden zieht sehr unterschiedliche Anforderungen an die Lösung der Post nach sich. Selbstverständlich will die Post alle Kundenbedürfnisse möglichst rasch und in hoher Qualität erfüllen. Deshalb hat sich die Post entschieden, mit einem Anbieter einer Standard-Lösung zusammenzuarbeiten, der rasch komplementäre Funktionalitäten liefern und das Produktportfolio optimal ergänzen kann. Die Services von Siemens Healthineers sind bereits am Markt erprobt und können daher sehr schnell in die Lösung der Post eingebaut werden."
 
Aus Sicht der Schweizer Post macht die Partnerschaft laut Medienmitteilung auch Sinn, weil Siemens Healthineers mehrere grosse E-Health-Projekte in Österreich, Deutschland, Dänemark und Spanien umgesetzt habe.
 
Kann Post-Lösung nicht zertifiziert werden?
In der Medienmitteilung wird auch darauf verwiesen, die Post wolle bis Anfang 2020 die Zertifizierung des elektronischen Patientendossiers nach EPDG (Bundesgesetz über das elektronische Patientendossier) haben. War das ein Problem? Könnte die bisherige Lösung nicht nach EPDG zertifiziert werden? "Die gesetzlichen, technologischen und datenschutzrechtlichen Anforderungen werden mit der Basistechnologie von Siemens Healthineers besser abgedeckt. Viele geforderte offene Schnittstellen und die geforderten Standardformate IHE, HL7, Dicom sind vorhanden. Ebenfalls wird der FHIR Standard unterstützt, der den Datenaustausch zwischen Softwaresystemen im Gesundheitswesen unterstützt und einen starken Fokus auf eine einfache Implementierbarkeit legt", antwortet Dérobert Fellay.
 
Ein interessantes Modul der aktuellen Post-E-Health-Plattform ist "Quality & Surveys" zur Effizienzmessung. Unter anderem deswegen hat die Post 2015 das Health Care Research Institute übernommen, welches laut 'Handelszeitung' ein Millionenloch verursachte. Diese Plattform werde, so die Post, "bis auf Weiteres" unverändert weiterbetrieben.
 
Bilanz: Die Partnerschaft Siemens Healthineers beendet auch die bisherigen Anstrengungen der Post, den Eigenbau Vivates/E-Health Post als Schweizer Standardlösung zu etablieren.
 
Von Innsbruckern gebaut, von Schweizern betrieben
Gebaut hat "Siemens Healthineers eHealth Solutions" die Innsbrucker Firma ITH Icoserve technology for healthcare, welche zu zwei Dritteln Siemens Healthineers gehört. Die Innsbrucker werden der Post eine E-Health-Plattform sowie deren Funktionalitäten zur Verfügung stellen. "Die Implementierung der Funktionen, der Betrieb der Plattform, das massgeschneiderte Angebot für die Kunden und die Pflege der Kundenbeziehungen liegen in der Verantwortung der Post", so die Post-Sprecherin.
 
ITH Icoserve und die Post haben schon früher inhaltlich zusammengearbeitet, beispielsweise für die Studie "Patientenseitige Daten im elektronischen Patientendossier" (PDF) von HINT im Auftrag von "E-Health Suisse".
 
An dieser war auch der heutige E-Health-Leiter der Post, Martin Fuchs, beteiligt, der damals als Chief Innovation Officer für HINT arbeitete.
 
Er hat laut 'Handelszeitung' seit seinem Stellenantritt im Juni 2016 die damalige E-Health-Marke "Vivates" der Post abgeschafft und den Bereich neu ausgerichtet. Welche Funktion wird Fuchs künftig innehaben? "Es sind derzeit keine Veränderungen geplant", so die Post-Sprecherin.
 
Was kriegt der neueste Kunde eHealth Südost?
Die neue Partnerschaft mit der neuen Lösung hat Auswirkungen auf Bestandeskunden, die genannten Kantone sowie Institutionskunden. Welche konkret? Die Post migriert die offenbar problemlos laufende Lösung auf die neue? Oder kann man dies als heutiger Kunde sein lassen? Hat dies Kostenfolgen für bestehende Kunden? "Die Kunden auf der bestehenden Plattform werden auf die neue Plattform migriert. Die Post wird dafür selbstverständlich keine Kosten verrechnen. Es kann allerdings sein, dass die Kunden auf ihrer Seite geringe Anpassungen bei den Schnittstellen vornehmen müssen, was Kosten auf Kundenseite zur Folge haben kann. Während der Überführung werden die Kunden jederzeit Zugriff auf ihre Services haben", antwortet die Post.
 
Ein Sonderfall könnte der Verein eHealth Südostschweiz sein: Bereits im Januar 2017 erhielt die Post für 871'000 Franken von den Bündnern den Zuschlag, eine "eHealth Plattform für die elektronische Vernetzung der leistungserbringenden Mitglieder des Vereins eHealth Südost mit deren Gesundheitspartnern und Patienten" zu beschaffen, einzuführen, zu betreiben und unterhalten.
 
Mitte Februar 2018 erfolgte der Startschuss für das Projekt. Beim Verein eHealth Südost haben bereits Projektsitzungen stattgefunden, die letzte am 19. März, so Richard Patt, Geschäftsführer des Vereins.
 
Er teilt auch mit, dass der Verein "2016 eine umfassende eHealth-Plattform mit insgesamt 14 digitalen Geschäfts-Prozessen ausgeschrieben (hat), die jedoch wesentlich umfangreicher ist als in den genannten Kantonen" (gemeint sind die vier Kantone mit der laufenden Post-E-Health-Lösung).
 
"Der Kunde 'Trägerverein eHealth Südost' wird direkt auf der neuen Plattform starten", kündigt die Post-Sprecherin knapp und klar an.
 
Pratt führt in einem Mail an inside-it.ch aus, dass der Bündner IT-Dienstleister Informatica "gemäss der Post bestimmte Aufgaben im lokalen und regionalen Field-Support im Rahmen des späteren Betriebs übernehmen" soll.
 
"Etwas andere Aufgaben für Post-Informatiker"
Ändert sich nun die Rolle der Post, agiert sie künftig vor allem als Reseller?
 
"Die Post bleibt weiterhin Anbieterin einer umfassenden E-Health-Lösung, welche die diversen Bedürfnisse der Akteure im Gesundheitswesen individuell erfüllt", sagt die Post-Sprecherin. Zusammen mit den anderen Leistungen der Post für die Gesundheitsbranche biete die Post "umfassende Dienstleistungen für die Gesundheitsbranche aus einer Hand".
 
Nichtsdestotrotz gibt es Post-Mitarbeiter, die bislang für Post E-Health arbeiteten. Was wird aus diesen? "Bisher wurde die E-Health-Plattform der Post zum Grossteil von eigenen IT-Spezialisten entwickelt. Die Aufgaben dieser Mitarbeitenden werden daher langfristig etwas anders aussehen als bisher. In den kommenden Jahren wird es darum gehen, die eingekauften Leistungen mit der bestehenden E-Health-Plattform der Post zu verknüpfen. Für die Migration und deren langfristigen Betrieb ist die Post weiterhin auf das grosse Wissen der Mitarbeitenden angewiesen". (Marcel Gamma/Volker Richert)