Zuger Startup nach Gross-ICO unter Betrugsverdacht

Fast ein Fünftel der weltweiten ICOs ist faul, wie eine Untersuchung des 'Wall Street Journals' offenlegt.
 
Vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass gegen das Startup Envion aus dem Zuger Crypto Valley Strafanzeige eingereicht wurde. Es geht dabei um Geld aus einem Initial Coin Offering (ICO). Envion habe knapp 100 Millionen Dollar gesammelt und dafür 103 Millionen Tokens ausgeben wollen, stattdessen seien 127 Millionen verteilt worden, wie das 'Handelsblatt' schreibt. Die Empfänger der zusätzlichen Tokens seien unbekannt und nicht die rechtmässigen Investoren. Ausserdem seien Anwälte auf verwischte Spuren gestossen. Das Ganze ist derzeit Gegenstand juristischer Abklärungen, ein Betrug nicht erwiesen. Es wirft aber ein eher fahles Licht auf das ICO-Paradies in Zug.
 
Weltweit viele zweifelhafte ICOs
Das 'Wall Street Journal' (Paywall) hat fast 1450 ICOs analysiert. Der Befund: Bei 18,6 Prozent beziehungsweise 271 der untersuchten ICOs wurden täuschende oder sogar betrügerische Taktiken angewandt, um Investoren anzulocken. Dies reicht von plagiierten Whitepapers über Versprechungen zu garantierten Renditen bis hin zu gefälschten und erfundenen Angaben zu Firmen und Führungsteams.
 
111 der untersuchten Whitepapers seien Wort für Wort von bereits existierenden Arbeiten kopiert worden, so das 'WSJ'. Mindestens 121 Geldsuchende hätten keinen einzigen Namen von Mitarbeitern angegeben und mehrere hätten Teammitglieder gelistet, die entweder nicht existierten oder deren Identität ohne ihr Wissen verwendet wurde. Teilweise wurden schlicht Stockfotos mit Fantasienamen kombiniert und Lebensläufe erfunden. Bei über 20 ICOs seien schliesslich Gewinne ohne Risiko versprochen worden: Teilweise versprach man doppelte Rendite.
 
Insgesamt sei über eine Milliarde Dollar in Offerings geflossen, die vom 'WSJ' eine rote Flagge erhalten haben. Investoren hätten den Verlust von rund 273 Millionen Dollar in diesen Projekten erlitten, wie Klagen und regulatorische Aktionen offengelegt hätten.
 
Dies ist natürlich auch an den Regulationsbehörden nicht vorbeigegangen. Die US-amerikanische Börsenaufsicht SEC hat kürzlich eine Warnung ausgesprochen und eine Website mit einem falschen ICO für "HoweyCoins" lanciert. Diese soll der Sensibilisierung dienen, wer "Buy Coins Now" anklickt, landet auf einer Seite des SEC, auf der die Maschen der Betrüger erklärt werden.
 
Schweizer Behörden sind aktiv
Auch die Schweizer Aufsichtsbehörde Finma ist in Sachen ICOs aktiv geworden, kein Wunder entwickelt sich die Schweiz mit dem Crypto Valley auch zu sowas wie einem ICO-Zentrum. Vier der weltweit grössen zehn ICOs vom letzten Jahr gingen hierzulande über die Bühne und brachten den Firmen zusammen rund 632 Millionen Dollar ein, wie aus einer Studie von PwC und der Crypto Valley Association hervorgeht.
 
Im September letztes Jahr hatte die Finma angekündigt ICOs genauer unter die Lupe zu nehmen und im Februar 2018 dann eine Wegleitung publiziert. Nach diesen Richtlinien würde sie künftige ICOs beurteilen, wie Finma-Sprecher Vinzenz Mathys auf Anfrage von inside-it.ch bestätigt.
 
Zudem wurde im Januar vom Staatssekretariats für internationale Finanzfragen (SIF) eine Arbeitsgruppe zur Blockchain ins Leben gerufen, die sich insbesondere dem Thema ICOs widmet. (ts)