Der Mann, der für HP in die Zukunft schauen soll

Shane Wall, CTO und Zukunftsforscher bei HP.
Und was er uns darüber verraten hat. Inside-it.ch hat sich mit Shane Wall, Cheftechnologe und Zukunftsforscher von HP, unterhalten.
 
"Mein Job bei HP ist es, mir vorzustellen, wie die Zukunft aussehen wird." Dies sagt Shane Wall, mit dem inside-it.ch anlässlich des HP Solutions Days in Spreitenbach ein persönliches Gespräch führen konnte. Und, so muss hinzugefügt werden: Walls Aufgabe ist es insbesondere, aus dieser Vorstellung der Zukunft heraus Geschäftsideen für HP abzuleiten.
 
Der HP-Veteran, der schon bei der Entwicklung des allerersten Tintenstrahldruckers in den 80er-Jahren dabei war, und nun Chief Technology Officer von HP ist, sagt auch: "Ich weiss, dass ich mich irre." Aber, so schränkt er ein, nur in den Details. "Wenn ich zum Beispiel sage, dass es in zwölf Jahren 41 Megacities geben wird, dann könnten es auch 39 sein. Oder 45." Aber das ändere nichts am Prinzip. Die von ihm konstatierten "Megatrends" werden unsere mittelfristige Zukunft bestimmen, ist er sich sicher. (Mehr zu diesen Megatrends weiter unten.)
 
Was können wir, was helfen könnte?
Ein Prophet ist Wall natürlich nicht. Seine Prophezeiungen beruhen auf haufenweise Daten aus unterschiedlichsten Quellen, die von seinem Team laufend durchforstet werden. Wie aber geht er an die Aufgabe heran, daraus für HP nutzbare Ideen abzuleiten? "Meine Herangehensweise ist es, nicht mit technologischen Entwicklungen anzufangen, ich schaue zuerst an, was bei und mit den Menschen passiert." Und er versucht, abzuschätzen, welche Probleme diese Entwicklungen verursachen könnten. Sein Rat an andere Personen, die in grossen und kleinen Unternehmen eine ähnliche Aufgabe haben: "Dann sollten sie sich fragen: Welche Technologie, welches spezifische Know-how haben wir schon, oder könnten wir so weit weiterentwickeln, um bei der Lösung eines solchen Problems zu helfen."
 
Walls Herangehensweise zeigt sich typisch bei zwei "neuen" Geschäftsfeldern, in denen er für HP grosse Zukunftsmöglichkeiten sieht. Im einen, dem 3D-Druck, ist HP schon seit einigen Jahren aktiv. Aber interessant ist Walls Argument, warum dies für sein Unternehmen nahe lag. Das Stichwort ist "Microfluidics": Bei der Entwicklung und Weiterentwicklung der Tintenstrahltechnologie habe HP gelernt, winzige Flüssigkeitsmengen extrem präzise zu manipulieren, zu transportieren und am richtigen Ort zu verteilen. Auch wenn man beim 3D-Druck mit flüssigem Plastik (und bald auch mit Metall) umgehen können müsse, seien die Grundlagen sehr ähnlich.
 
Genau das gleiche Know-how auf dem Gebiet Microfluidics, soll HP noch ein weiteres, nun wirklich ganz neues Gebiet eröffnen: Die Medizin. Genauer gesagt will HP hochminiaturisierte und sehr günstige Test- und Diagnosegeräte entwickeln, welche die weltweit steigenden Gesundheitskosten bekämpfen könnten.
 
Nach der Technologie das Go-to-Market
Ein weiterer Rat Walls an Leute, die wie er für ihr Unternehmen neue Geschäftsfelder entwickeln sollen: Neben der Technologie niemals das dazugehörige Go-to-market vergessen. Wer sind die Entscheidungsträger bei den Kunden auf einem solchen Gebiet? Wie kommt man an sie heran, welche Partner braucht man dafür?
 
Dies, so räumt er ein, ist auch für HP kein kleines Problem.
Die von Shane Wall identifizierten Megatrends in Zahlen.
So hat sein Unternehmen zwar eine riesige Zahl von Partnern, die sich mit IT und dem Printing-Geschäft bestens auskennen. Diese Partner weisen aber wenig Überlappungen mit den Partnern auf, die es für den Vertrieb der 3D-Drucker braucht, die man in die Designabteilungen und Fertigungshallen der Unternehmen bringen will. Am ehesten sieht Hall Anknüpfungspunkte bei Partnern aus dem Grossformatdruck, deren Kunden ähnlich operieren würden. Das sei aber sicher kein "perfect match" und man müsse noch weitere Partner rekrutieren.
 
Und im Bereich Medizin stehe man noch ganz am Anfang. Man habe zwar schon ein erstes marktfähiges Produkt, aber ein Go-to-Market, "das haben wir nicht", so Wall offen.
 
Die Megatrends
Die Megatrends, die seiner Meinung nach das Leben der Menschen im Jahr 2030 prägen werden, legte Wall in seiner Keynote vor rund 600 Zuhörern am HP Solution Day 2018 in Spreitenbach dar. Da ist einmal die schnell zunehmende Urbanisierung. Wenn sich heutige Trends ungebrochen fortsetzen, werden 2030 70 Prozent der Weltbevölkerung in Städten, darunter 41 "Megacities", leben.
 
Was ist eine "Megastadt"? Das sind einzelne Städte, die grössere Märkte sein werden, als ganze Länder. Wall nennt als Beispiel die bei uns noch recht unbekannte Stadt Tianjin in China. Bis 2030 dürfte sie ein grösseres Bruttosozialprodukt haben als ganz Schweden.
 
Wie aber versorgt man derart riesige Märkte, die sich auf so engem Raum konzentrieren? Wall glaubt, dass unter dem Stichwort "durchgehende Digitalisierung der Herstellung" der 3D-Druck eine grosse Rolle spielen wird. Statt fertiger Produkte werden nur noch Baupläne über grosse Strecken geliefert, während die Produktion individualisiert und in die Nähe der Verbraucher gebracht werden kann. Das erspart unter anderem grosse Transportstrecken und kann Verkehrsprobleme lindern.
 
Der nächste Grosstrend ist die Veränderung der Bevölkerungsstruktur. 2030 werden schon rund 2,6 Milliarden Menschen der "Generation Z" leben, die nach dem Jahr 2000 geboren wurden und ganz andere technologische Gewohnheiten haben werden, als bisherige Generationen. Gleichzeitig werden immer mehr Menschen der älteren Generation angehören. Das bringt unter anderem massiv steigende Gesundheitskosten mit sich. Neue medizinische Diagnoseprodukte, die HP auf den Markt bringen möchte, könnten hier helfen, medizinische Versorgung zu verbessern und näher zu den Menschen zu bringen.
 
Eine weitere Entwicklung ist die "Hyperglobalisierung". Eine riesige Zahl von Internet-Startups wird nicht in den alten Industrieländern, sondern in den "Emerging Markets" wie beispielsweise Indien oder China entstehen. Auch etablierte Grossunternehmen verlegen zunehmend ihre Hauptquartiere in diese neuen Märkte. Und von den heutigen 500 grössten Unternehmen der Welt werden drei Viertel diese Stellung verlieren. HP hofft natürlich, nicht dazu zu gehören. Eine Chance für HP, von dieser Entwicklung zu profitieren, sieht Wall insbesondere im Bereich Security, welche die unverzichtbare Grundlage für die Hyperglobalisierung darstelle.
 
Der vierte Trend ist die immer schnellere Innovation. Insbesondere Smartphones dürften weiter massiv an Leistungsfähigkeit gewinnen, dazu kommen schnellere Netzwerke und Milliarden von mit dem Netz verbundenen Geräten. Schnellere Innovation ist aber auch ein Stichwort für die herstellende Industrie, und hier könnten wiederum 3D-Drucker eine grosse Rolle spielen. (Hans Jörg Maron)