Gartner: Edge ist der nächste Game Changer

Milind Govekar, Vice President und Research Director bei Gartner.
Wie geht es weiter mit Cloud-Computing? Was passiert mit den eigenen Rechenzentren? Welche massiven Disruptoren zeichnen sich bei der IT-Infrastruktur am Horizont ab? – Das waren die Hauptfragen auf einer europäischen Veranstaltung in Frankfurt am Main.
 
Das Fazit des diesjährigen "Infrastructure & Operations Management Summit" des Beratungshauses Gartner lautete frei formuliert: "Wer glaubt, IT-Infrastruktur sei im Zeitalter von Containern, Mikroservices, KI und Smartphones langweilig geworden, der irrt sich ganz gewaltig." Beginnen wir zunächst mit dem Dauerbrenner Cloud-Computing, wo der Trend in die IT-Wolke ungebrochen erscheint.
 
"Bis 2025 werden 80 Prozent aller weltweiten Unternehmen ihre traditionellen Rechenzentren abgeschaltet haben", meint beispielsweise Gartners Research Director Tiny Haynes. Folglich ist das Cloud-Geschäft ein boomender Markt. Allein in diesem Jahr soll der weltweite Cloud-Umsatz von 153 Milliarden um stolze 21 Prozent auf 186 Milliarden US-Dollar anwachsen. Das bedeutet unter anderem, dass es kaum noch Wachstum auf dem Markt für IT-Infrastruktur geben wird. Weniger als ein Prozent sollen es in diesem Jahr werden und die weiteren Aussichten sind nicht wesentlich besser.
 
Cloud-Computing: Nicht immer die günstigste Lösung
Doch Cloud-Computing ist nicht notwendigerweise immer die günstigste Lösung. Auf Gartners Top-Ten der Cloud-Mythen, mit denen man aufräumen sollte, steht auf Platz eins: "Mit der Cloud lässt sich immer Geld sparen." Gerade dieser Punkt scheint so fest zu sitzen, dass er kaum diskutierbar ist. Dabei ist die Realität genau das Gegenteil davon. "Nur mit guten Tools und rigorosem Cloud-Management können die Kostenreduktion und der Anwendungsnutzen von Cloud-Computing realisiert werden", sagt Milind Govekar, Vice President und Research Director bei Gartner. Er prophezeit den Unternehmen, die ihre Cloud-Implementierung nicht aktiv managen, dass sie im Vergleich zu On-Premise-Lösungen mindestens 25 Prozent mehr ausgeben werden.
 
Die Gründe für die Kostenexplosion sieht er vor allem darin, dass die Flexibilität der Cloud-Nutzung zu einem Overkill bei der Nutzung führt. Genau wie bei einem Frühstücksbuffet, bei dem man auch immer viel mehr isst, als wenn man alles einzeln bestellen müsste. "Viele Nutzer geben die Instances nicht mehr zurück, wenn sie sie nicht mehr benötigen und Entwickler neigen dazu, immer die leistungsfähigsten Instances anzumieten", lautet seine Begründung. Einige Anbieter im Cloud-Umfeld sehen sogar bereits den Verfall des bislang stärksten Cloud-Arguments, nämlich den Kostenvorteilen.
 
"Viele Unternehmen sind entsetzt, wenn sie ihre ersten Cloud-Rechnungen bekommen, denn diese sind oft weitaus höher als veranschlagt", sagt Markus Biesinger, Systems Engineer beim Cloud-Integrator Nutanix. Eine Reihe seiner Kunden würden inzwischen mit spitzem Bleistift nachrechnen, ob sich Cloud-Computing wirklich bei allen Anwendungen lohnen würde. "Die Ergebnisse dieser Analysen fallen
Philip Dawson, Research Director bei Gartner.
immer häufiger zugunsten einer On-Premise-Lösung aus", so Biesinger weiter. Die Enttäuschung vieler IT- und Finanzchefs über den Wechsel in die Cloud zeigt sich auch an Gartners Hype-Cycle, wo die Cloud-bezogenen Trends auf der Talsohle der Ernüchterung gelandet sind.
 
Management-Tools für Kostenkontrolle und Performance
Trotzdem sehen die Gartner-Experten kein Ende bei der Cloud-Adaption. "Dass die Kosten im Moment explodieren, ist ein temporäres Problem, mittelfristig wird man das mit modernen Tools in den Griff bekommen, denn Cloud-Computing bietet auch dann noch sehr viele Vorteile, wenn es nicht unbedingt billiger ist", sagt Gartners Research Director Philip Dawson.
 
Zu diesen Cloud-Management-Tools gehört dann nicht nur das Managen der Cloud-Nutzung (und damit vor allem der Cloud-Kosten), sondern auch die Cloud-Migration, Backup und immer häufiger auch das Performance-Monitoring (APM). Laut Gartner ist die Toleranz der User beim Aufbau einer Webseite auf unter zwei Sekunden abgesunken – danach ist man entweder ungehalten oder wechselt die Seite. Der APM-Anbieter Dynatrace berichtet, dass manche Firmen bereits Konventionalstrafen verhängen, falls sich der Aufbau ihrer Webseite durch zu langsame Unteranbieter über Gebühr verzögert.
 
Die Cloud ist sicherer!
Ein weiterer Cloud-Mythos sei die Sicherheit. "Die Ansicht, dass On-Premise-Computing sicherer sei, als Cloud-Computing ist schlichtweg falsch", so Dawson weiter. Dabei verweist er auf eine Gartner-Prognose wonach im Jahr 2020 die Public-Cloud-Provider um 60 Prozent weniger Sicherheitsvorfälle erleben werden, als die Rechenzentren in den Unternehmen.
 
Edge-Computing: Der Infrastruktur-Disruptor
Der grosse Game-Changer in der zukünftigen IT-Welt sei aber Edge-Computing. Zusammen mit der fortschreitenden Digitalisierung der Wirtschaft werden laut Gartner bereits in vier Jahren 75 Prozent der Unternehmensdaten ausserhalb des traditionellen Rechenzentrums erstellt und verarbeitet werden; derzeit liegt dieser Wert erst bei zehn Prozent.
 
Gartner fasst unter Edge-Computing alles zusammen, was zu einer computergestützten Automation gehört. Das sind im Wesentlichen alle vorgelagerte Systeme in den Bereichen IoT, Sensoren sowie Virtual und Augmented Reality. Hiermit wird es laut Gartner noch dramatische Entwicklungen geben. Schon in zwei Jahren, so meinen die Analysten, wird die Edge-Computerleistung an die von normalen Rechnern heranreichen. Damit wird sich die Aufgabenverteilung weiter verschieben.
 
"Der grösste Teil der Sensordaten wird sofort vor Ort verarbeitet, das, was zusätzlich mit anderen Systemen abgestimmt werden muss, geht ins Rechenzentrum und für die Cloud bleiben zeitunkritischen Massenverarbeitungen und Analytics", so die Einschätzung der Gartner-Experten. Das bleibt nicht ohne Folgen für die RZ-Planung. Schon 2020 werden die Hälfte der Grossunternehmen Edge-Strukturen eingeführt haben, meint man bei Gartner. (Harald Weiss, Frankfurt am Main)