"Wir wollen nicht Tesla sein"

Juerg Hunziker, Avaloq Group CEO.
An der Avaloq-Konferenz zeigte sich, wo die Firma die Zukunft für sich und die Banken sieht. CEO Jürg Hunziker erläuterte inside-it.ch die Strategie.
 
Man könnte Angst kriegen an der Avaloq Community Conference, die unter dem Motto "Ein neues Bankenparadigma im Zeitalter der Disruption" stand. Nicht weil von Disruption die Rede war, nicht weil irgendein Buzzword gefehlt hätte, nicht weil ein Skandal aufgeflogen wäre. Auch nicht, weil Gründer Francisco Fernandez seine fünf Minuten Redezeit zu Konferenzbeginn so stark überzog, dass das ganze Tagesprogramm dann hinterher hinkte. Auch nicht weil Avaloq-CEO Jürg Hunziker, ganz untypisch für die Techbranche, sagte, Avaloq wolle nicht nur Avantgarde sein. "Wir wollen nicht wie Tesla sein. Und wir wollen nicht Palm sein. Wir wollen nicht zwingend die Ersten sein mit einer Idee, sondern eher wie es Apple mit dem iPhone zeigte, diejenigen, die Geld mit einer Idee verdienen, weil sie es richtig machen."
 
Avaloq will auch keine Software-Firma sein, so Hunziker im Gespräch mit Journalisten, sondern will als Software-basierte Service-Firma verstanden werden. Avaloq sei besser vergleichbar mit Salesforce als mit Temenos. Die Stützen des Modells: Effizienz als Hauptargument, Software-as-a-Service (SaaS) und Business-Processes-as-a-Service (BPaaS) als Geschäftsmodell.
 
150 Rest-APIs als Zwischenziel
Unter diesen Prämissen liessen sich 400 Teilnehmer an der Konferenz zeigen, dass und wie sich Avaloq in der Ära Hunziker und Warburg Pincus von der grossen Schweizer Bankensoftware-Raupe zum globalen IPO-Schmetterling entwickelt. Und sie erhielten auch Konkretes zu hören und einige grosse Zahlen.
 
So hat die Firma wie 2017 angekündigt, die Architektur ihrer Lösung zur Open-Banking-Plattform umgebaut, sie sei nun On-Premise und im SaaS- und BPaaS-Modell erhältlich. Man könne im Verlauf des zweiten Halbjahrs 150 selbst gebaute API-Endpoints bieten und es sollen mehr werden. Man setzt auf "mobile first", und erwähnt in Nebensätzen das Developer-Portal und den eigenen Marketplace. Und alles kommt zusammen in Avaloq.one, dem neuen Portal, mit dem man Apps kaufen kann, aber auch bauen kann und sie teilweise mit Drag & Drop zusammenbaut, aber auch für alles Partner finden soll.
 
Den Techies verspricht man schnelles Deployment in die Cloud, und das Deployment soll überall gleich und automatisiert erfolgen, Docker ist ein Stichwort, Kubernetes soll alles verschnellern und erleichtern und auch Devops ist angekündigt.
 
Zu diesem Bemühen, Avaloq als zukunftsgerichtete Software- und Service-Firma zu zeigen, gehört auch, dass die Zürcher Ende Jahr 30 robotisierte Prozesse in Produktion haben wollen. Weitere werden folgen. Im Machine-Learning-Bereich laufe aktuell ein Pilot und man kündigt Investitionen in Projekte im Payment, Stock Exchange und Kontenabstimmung (Reconciliation) an. Mit Avaloq-KI soll die Automatisierung im BPO auf das nächste Level gehievt werden: von 80 Prozent Automatisierung will man auf 90 Prozent kommen.
 
Es fiel auf, dass von der Rednerbühne ein fast schon eindringlicher Aufruf erging, Banken und Anbieter sollten ihre Erfahrungen bei der Effizienzsteigerung im Back-Office-Bereich besser austauschen. Die Philosophie, die in anderen Branchen heute schon funktioniert, soll auch im Finanzsektor Einzug halten. Das Avaloq-Ziel laut Gründer und VRP Fernandez: das menschenlose
Avaloq-Gründer Francisco Fernandez.
Backoffice.
 
Viel Redezeit erhielten UX-Aspekte: Avaloq will in der Customer Journey eine prägende Rolle spielen, setzt auf Human-Centered-Design, zeigte stolz moderne UIs und die Arbeit an Personas. 200 Journeys und ihre Personas habe man erarbeitet. Fast wähnt man sich im Pitch einer Full-Service-Webagentur von 2013, welche ihre erste Responsive-Website mit Wordpress-Templates präsentiert. Aber viele Banken tun sich bekanntlich schwer mit Dingen, die Fintechs am besten können.
 
Ist Avaloq zu langsam oder zu schnell?
Und man fragt sich als Aussenstehender: Spurtet Avaloq den allgemeinen Tech-Trends hinterher, aber ist der Bankenwelt weit voraus? Und ist Avaloq nicht viel zu weit weg vom Endkunden? "Ich sehe dies eher als Vision", sagt ein zufällig ausgewählter Gast auf die Frage, was er von all dem Gesagten hält. Es dürfte nicht einfach sein für alle Beteiligten, vom Produkt- auf den Kundenfokus zu schwenken angesichts teurer Legacy-Systeme, schrumpfender Profite, neuen Regulatorien und dabei muss man auch die Mitarbeiter mitnehmen.
 
Ausserdem wird der von Avaloq beworbene Umstieg auf die neue Architektur und das einhergehende SaaS-Modell die Banken etwas kosten. Aber die Banken müssten ihre bisherigen Investitionen deswegen nicht abschreiben: "Wir werden soviel wie möglich von Ihren Investitionen wiederverwenden", versprach ein Redner.
 
Prominent im grossen Saal zeigen Partner und Sponsoren in einem Innovation-Lab genannten Bereich, was vielleicht irgendwann businessrelevant wird, manches im Frühstadium, manches im ersten Pilot, vom Onboarding-Prozess bis zu Cryptocurrencies ist alles vertreten.
 
Vor dem Plenum untermauerte CEO Hunziker die Avaloq-Vision damit, dass der Outsourcing-Markt im SaaS- und im BPaaS-Bereich wachsen werde.
 
Im Gespräch mit inside-it.ch wurde Hunziker dann konkreter zu aktuellen Themen. Er präzisierte den kürzlichen Entscheid für die Schweizer IBM-Avaloq-Cloud: Zu den Avaloq-Anforderungen gehöre, dass die Kundendaten der Banken in einem spezifischen Land liegen müssen. Dies habe AWS und andere Cloud-Anbieter ausgeschlossen. Eine weitere sei, dass Avaloq das Modell weltweit ausrollen wolle und dies schloss Swisscom und andere hiesige Anbieter aus.
 
Zudem präzisierte er, wozu die Cash-Reserven dienen, die von 62 Millionen Franken 2016 auf über 180 Millionen Franken explodiert sind. Avaloq sei eine Art systemrelevantes Unternehmen und müsse den Kunden auch nach einer Krise wie 2008 und danach Stabilität und Sicherheit bieten.
 
"Wir suchen nach Akquisitionen und Beteiligungen"
Aber dafür braucht es soviel Cash? Nein, so Hunziker. Die zehn-Prozent-Beteiligung an Metaco soll nicht die letzte gewesen sein. "Wir suchen gezielt nach Akquisitionen und Beteiligungen", so der CEO. Geographisch wolle man sich ausweiten, aber auch technologisch, das Stichwort hierzu lautet "Systems of Engagement".
 
Die Innovationskraft, die Governance und der neu geschaffene Risk-Officer-Job sollen Avaloq für den IPO fit machen. Und wann ist er denn nun? "Sobald wir bereit sind für Investitionen der Öffentlichkeit. Ich denke, wir sind operationell in zwei bis drei Jahren bereit. Der mit Warburg Pincus abgestimmte Plan lautet 2022."
 
Da bleibt die Frage, wie weit die Avaloq-Banken vom IPO-Schmetterling überzeugt sind. Zwei zufällig gewählte, befragte Schweizer Konferenzteilnehmer meinten: "Was wir hier sehen, ist eine schöne Vision für das Jahr 2028. Sie hat aber wenig mit dem heutigen Projektalltag der Banken in der Schweiz zu tun."
 
Da kriegt man ein bisschen Angst, weniger um Avaloq, eher um die hiesigen Avaloq-Banken. (Marcel Gamma)