Finnova-Chef Matter geht: Das Exklusiv-Interview

Hendrik Lang (links) und Charlie Matter im Gespräch mit inside-it.ch.
Charlie Matter geht, Hendrik Lang kommt. Im Gespräch mit inside-it.ch werfen Matter und Lang einen Blick zurück und einen in die Zukunft.
 
Als Charlie Matter im Januar 1999 die Leitung der Finis AG für Bankensoftware übernahm, war die Zukunft ungewiss. Finis sollte eine brandneue Kernbankenlösung für eine Kooperation von drei Kantonalbanken, drei Privatbanken und einer Regionalbank entwickeln.
 
Die Finis-Leute schafften den Turnaround und die Entwicklung der neuen Lösung und Matter wurde zu einer der historischen Figuren der Schweizer IT-Industrie. Mehr noch: Aus Finis wurde Finnova und aus der kleinen Kooperation von kleinen Banken, wurde in der Ära Matter ein relevanter Player im Schweizer Markt für Bankenlösungen.
 
Per Anfang September gibt Charlie Matter die Leitung von Finnova an Hendrik Lang ab. Wie geht es nun weiter mit dem Lenzburger Software-Hersteller? Ist Matters Rückzug ein Sprung vom sinkenden Schiff? Matter und Lang stellten sich letzte Woche exklusiv den Fragen von inside-it.ch.
 
Kernbankenlösungen sind nicht mehr relevant. Die Verwaltungsräte von Banken diskutieren heute über Blockchain, Fintech und Big Data, aber nicht über diese oder jene Kernbankenlösung. Verlassen Sie ein sinkendes Schiff, Charlie Matter?
 
Charlie Matter: Überhaupt nicht. Weil Kernbankensysteme heute funktionieren, sind sie für Verwaltungsräte kein Thema mehr. Weder in Bezug auf Investitionen, noch auf Reputation, Stabilität oder regulatorische Fragen. Kernbankensysteme funktionieren einfach.
 
Meistens.
 
Charlie Matter: (Lacht.) Aber es gibt Themen im Zusammenhang mit Kernbankenlösungen, die Banken-Verwaltungsräte durchaus interessieren: Digitalisierung und in diesem Zusammenhang Frontsysteme, die an die Kernsysteme gebaut werden müssen.
 
Neue Funktionen haben häufig auch eine Auswirkung auf das Kernbankensystem. Es müssen zum Beispiel neue, zusätzliche Informationen abgespeichert werden.
 
Hendrik Lang: Ein Kernbankensystem wird auch in Zukunft seine Daseinsberechtigung haben. Denn es würde beispielsweise viele Jahre dauern, alle Informationen und alle Regulationen einer Bankenlösung in einer Blockchain abzubilden. Wenn es denn überhaupt möglich sein wird.
 
Einige Verwaltungsräte von Banken beschäftigen sich durchaus noch heute mit Kernbankensystemen. Man sieht gerade im Privatbankenmarkt Bewegung und wir konnten ja auch neue Kunden gewinnen. Es gibt auch neue Evaluationen im Schweizer Markt.
 
Für mich sind Sie, Charlie Matter, der klassische Schweizer KMU-Manager. Sie kennen die "Szene", sitzen nicht immer aufs Maul und haben durchaus auch Ecken und Kanten. Sie, Herr Lang, blicken hingegen auf eine Karriere bei angelsächsischen, multinationalen Firmen zurück. Wird Finnova nun "amerikanisiert" oder "eingedeutscht"?
 
Hendrik Lang: Ich bin seit über 20 Jahren in der Schweiz und meine Klientel als Unternehmensberater stammte aus dem Kantonalbankenbereich. Ich hatte immer schon eine Affinität zu unseren heutigen Kunden. Beziehungen sind mir wichtig und diese lassen sich zu kleineren Unternehmen besser etablieren.
 
Als ich zu Finnova ging, habe ich bewusst nach einer Möglichkeit gesucht, mich ausserhalb der angelsächsischen Firmenwelt weiter zu entwickeln. Ich wollte mich mehr unternehmerisch entwickeln, um nicht nur einen Bereich, sondern eine ganze Firma zu begeistern.
 
Charlie Matter und ich sind unterschiedliche Typen, aber wir haben sehr ähnliche Wertvorstellungen. Es wird Veränderungen geben, aber angelsächsisch wird Finnova ganz sicher nicht werden. Auch "germanisch" nicht. Ich bin auch Schweizer und habe in Deutschland nur gerade sechs Jahre gelebt. Ich fühle mich mehr wie ein Schweizer. Die Werte, für die Finnova steht, sind auch mir extrem wichtig.
 
Charlie Matter: Unsere gemeinsamen Werte sprechen für Kontinuität. Es wird aber auch Veränderungen geben. Sie sind wichtig und nötig. Es ist wichtig, dass man loslassen kann, denn jede Firma braucht immer wieder neue Impulse.
 
Sie sind nun seit 1999 bei Finnova am Ruder. In dieser Zeit hat sich im Banking enorm viel verändert. Was war der grösste Erfolg in dieser Zeit – und was die grösste Niederlage?
 
Charlie Matter: Es gab zwei wichtige Weichenstellungen. Die erste war, als wir die Software, die heute Finnova ist, fertigstellen konnten. Ganz entscheidend war dann, dass wir 2004 die Säntis-Banken als neue Kunden gewinnen konnten. Das war ein sehr emotionaler Moment, denn es ging damals um Sein oder Nichtsein. Unsere grösste Erfolgsgeschichte ist aber das Wachstum, das wir danach erzielen konnten. Ein solches Wachstum begleiten und mitgestalten zu können, ist auch persönlich eine grosse Genugtuung für mich.
 
Der zweite wichtige Erfolg für mich war, dass es uns gelungen ist, einen neuen Aktionär zu gewinnen. Früher waren unsere Eigner die Kunden, mit dem Einstieg der msg systems ag ist es ein Business-Investor.
 
Und welches war die grösste Niederlage? Die fehlgeschlagene Expansion ins Ausland?
 
Charlie Matter: Finnova auch ausserhalb der Schweiz zu etablieren, war eine grosse Hoffnung, ein Versuch. Dass es nicht geklappt hat, war aber keine Katastrophe. Denn wir haben mit eigenem Geld mitgespielt und mussten dann aber einsehen, dass wir die Expansion ins Ausland zu einem falschen Zeitpunkt versucht haben. Wir haben uns dann entschieden, uns auf den Schweizer Markt zu konzentrieren.
 
Hendrik Lang: Ich würde unsere Versuche, Finnova im Ausland zu etablieren, nicht als Niederlage bezeichnen. Wir standen in verschiedenen Märkten kurz vor dem Abschluss von Deals. Aber wir sahen dann die sehr grossen Bedürfnisse der Schweizer Bestandskunden und beschlossen, uns darauf zu fokussieren.
 
Einen Kunden verloren haben Sie nie?
 
Charlie Matter: Einzig durch Fusionen. Aber auch diese Kunden sind uns geblieben. Aber 2002, als Darier Hentsch und Lombard Odier fusionierten, wurde es für uns wirklich brenzlig. Aber wir haben heute rund 100 Kundenbanken, das spricht für sich!
 
Sprechen wir nicht mehr über die Vergangenheit, sondern über die Zukunft. Der Markt der Retailbanken ist verteilt und Finnova hat die Ziele im Privatbanken-Bereich mindestens teilweise erreicht. Alle reden nur noch vom Blockchain-Valley und niemand mehr von euch Software-Herstellern. Was ist die Zukunft eines Kernbanken-Herstellers in einem so gesättigten Markt, Herr Lang?
 
Hendrik Lang: Wir sind weiterhin auf dem Wachstumspfad. Einerseits können wir mit Bestandskunden wachsen, indem wir neue Produkte auf den Markt bringen. Open Banking ist ein wichtiges Thema. Auch unsere Service-Unit wird weiter signifikant wachsen und ein ertragsreiches Standbein werden.
 
Wir sprechen jetzt aber nicht von BPO, oder?
 
Hendrik Lang: Nein. Das überlassen wir bewusst unseren Partnern Swisscom, Incore und Finanzlogistik. Mit diesen Partnern zusammen haben wir Privatbanken als Neukunden gewonnen. Generell würde ich nicht sagen, der Privatbanken-Markt sei nicht attraktiv. Es gibt noch mehr kleinere und grössere Privatbanken, die gut in unsere Community passen würden.
 
Ein drittes Wachstumsfeld sind SaaS-Lösungen für Finanzinstitute in weiterem Sinne. Wir sind im Gespräch mit unterschiedlichen Playern wie Pensionskassen, Hypothekenverwaltern, Versicherungen oder Marktplätzen.
 
Der vierte Wachstumsbereich sind neue Technologien. Wir haben mit msg eine Mutterfirma und mit Swisscom einen strategischen Partner, die beide viel Know-how zum Thema Blockchain haben. Wir arbeiten an PoCs im Bereich Kryptowährungen und es gibt neue Geschäftsmodelle, die wir uns durchaus anschauen. Marktplätze oder Business Banking sind Stichworte.
 
Wir fahren auf zwei Geleisen: Unsere Kunden schauen sich die Entwicklungen der nächsten zwei, drei Jahre sehr genau an. Wir werden deshalb an unserem Community Event "Finnova Day" heute im KKL in Luzern mehr über unsere Roadmap 2020 sprechen als über die Produktvisionen für 2030. Das heisst aber nicht, dass es diese nicht gibt.
 
Kann Finnova mit ganz neuen Produkten wachsen?
 
Hendrik Lang: Bisher stand das Thema Datenanalyse bei uns nicht sehr im Vordergrund. Nun gibt es einen eigenen Bereich Analytics im Produktmanagement und ein erstes Produkt, das Finnova Analytical Framework. Es lässt sich sehr breit einsetzen, etwa für Risk Management, Fraud Detection oder auch Cross-Selling. Bereits Ende 2016 hat das Finnova Analytical Framework den Swiss Innovation Award gewonnen. Mit innovativen Produkten können wir Bestandskunden begeistern und neue Kunden gewinnen.
 
Die letzte Frage geht an Charlie Matter. Was sind Ihre Pläne?
 
Charlie Matter: Ich habe einige private Projekte, auch im Ausland. Aber ich will erst darüber sprechen, wenn sie konkreter sind. (Gespräch: Christoph Hugenschmidt)