Raiffeisen: "Datenbereinigung ist bei einer Kernbanken-Migration normal" (Update)

Laut einer Zeitung kostet das Projekt "Rainbow" 50 bis 75 Millionen mehr als geplant. Wegen Datenbereinigung und Implementierungskosten. Stimmt das? Inside-it.ch hat Fragen gestellt.
 
Bis Frühling 2018 und für 500 Millionen Franken sollen alle 255 Raiffeisenbanken auf Avaloq migrieren. Das war der Plan.
 
Aus Anfang 2018 dürfte nun Ende 2018 werden und aus den 500 Millionen könnten 575 Millionen Franken werden. Dies meldet die 'SonntagsZeitung' und eine Raiffeisen-Sprecherin bestätigt zehn bis 15 Prozent Mehrkosten, also 50 bis 75 Millionen Franken.
 
In einem Projekt dieser Grössenordnung, Komplexität und Dauer ist dies eigentlich nicht überraschend oder gar ein "Debakel", wie die Zeitung schreibt. Fragen stellen sich aber dennoch.
 
Raiffeisen-Sprecher Dominik Chiavi hatte inside-it.ch in Sachen Kostenüberschreitung Mitte April gesagt, "die Neugestaltung des Migrationsablaufs führt je nach Dauer des Migrationsfensters zu zusätzlichen Kosten, wobei das bisherige Projekt-Budget noch Reserven aufweist".
 
Ein Kostenfaktor dürfte klar sein: Man muss das aktuelle Uralt-System Dialba und das neue, auf Avaloq basierende System ACS (Arizon Core System), parallel betreiben und dies bei vollem Bankbetrieb mit Kreditfinanzierungen, Quartalsabschlüssen etcetera. Und mit den immer länger am Projekt beteiligten Angestellten natürlich.
 
Soweit so plausibel. Nun tauchen aber Fragen auf basierend auf dem Text der 'Sonntagszeitung'. Im Zusammenhang mit den Mehrkosten wird das Modul "Finanzieren" für Hypotheken, beziehungsweise Kreditfinanzierungen genannt. Dieses gibt es nicht in Avaloq. Es musste neu programmiert werden und war anfangs "buggy". Laut Raiffeisen-CEO Patrik Gisel musste es "praktisch neu geschrieben werden". Inzwischen habe es sich, so Raiffeisen-Sprecherin Cécile Bachmann, "bezüglich Stabilität verbessert". (Update: Die Avaloq Banking Suite enthält durchaus ein Modul für Hypothekenfinanzierung. Mehr dazu siehe Ergänzung zum Schluss des Textes.)
 
Ein zweites Problem von Raiffeisen betreffe die heterogene Datenqualität und daraus resultierende Migrationsprobleme. Man weiss, dass die eigenständigen Raiffeisen-Banken individuelle Möglichkeiten der Datenerfassung haben und hatten. Sie konnten gewisse Datensätze eigenständig interpretieren. Eine Quelle von inside-it.ch, die mit den abzulösenden Raiffeisen-Systemen sehr gut vertraut ist, nennt ein Beispiel: Bei Währungstabellen seien beispielsweise die aufzulistenden Währungen an sich zentral vorgeschrieben worden, aber nicht deren Reihenfolge in der Tabelle. Es gibt weitere Probleme in diesem Kontext.
 
Diese Freiheiten waren Raiffeisen längst bekannt, und sie wurden auch abgefangen für Quartals- oder Jahresabschlüsse beispielsweise. Letzteres sei auch automatisiert, so unsere Quelle, die anonym bleiben will.
 
Kann es beim aktuellen Projektstand sein, dass die Datenbereinigung effektiv zum relevanten Problem geworden ist? Es ist offensichtlich, dass die Daten ein zentraler Punkt der Migration auf ein neues Kernbankensystem sind.
 
Das wussten auch die Raiffeisen-Verantwortlichen. In einem Interview mit inside-it.ch sagte CIO Rolf Olmesdahl im Juni 2016: "Wir haben einen Datenbestand und eine Migration-Factory. Der erste Teil der Migration umfasst die Datenbereinigung. Aktuell werden Dutzende Bereinigungsaufträge bei den Raiffeisen-Banken durchgeführt, weil die Datenqualität teilweise ungenügend ist oder Informationen fehlen etcetera. Die Migration-Factory macht quasi einen Unload der Dialba-Datenbank, nimmt darauf gewisse Verifikationen vor, konvertiert ins Avaloq-Format und lädt dann die Oracle-Datenbank von Avaloq. Damit verbessern wir zuerst die Datenqualität, um weniger Fehler in der Migration zu haben."
 
Was sind "Implementierungskosten"?
Zudem erweckte Raiffeisen den Eindruck, der geplante, etappierte Launch-Prozess sei wegen der neuen Plattform verzögert worden, nicht wegen der Banken. "Die Banken-Readiness konnte erreicht werden," schrieb uns Raiffeisen-Sprecherin Cécile Bachmann letzten Dezember. Für die Software-Plattform gelte dies aber nicht. "Die Plattform-Readiness ist noch nicht im geforderten Masse gegeben".
 
Als drittes listet die Zeitung "Implementierungskosten" Raiffeisen-seitig auf, welche ein Kostentreiber seien und welche die Banken selbst zu tragen hätten. Kann man die genannten Faktoren unter "Implementierungskosten" subsummieren?
 
Fragen über Fragen. Einige hat inside-it.ch Raiffeisen gestellt, um die Verwirrung aufzulösen. Es stellen sich Fragen zur Definition des Begriffs "Implementierungskosten", inwiefern darunter auch Datenbereinigung fällt oder der Parallel-Betrieb von Dialba/ACS. Auch inwiefern Raiffeisen für die Neuprogrammierung des Kreditfinanzierungsmoduls zahlen muss und ob dies ebenfalls unter den Zusatzaufwand fällt.
 
Raiffeisen-Sprecherin Cécile Baumann erwidert auf diese Fragen knapp: "Wir können keine Informationen geben, wie sich die Mehrkosten zum ursprünglich geplanten Budget von 500 Millionen Franken zusammensetzen. Nur so viel dazu: Der grosse Kostenfaktor ist die längere Aufrechterhaltung der Projektteams."
 
"Datenbereinigung ist bei einer Kernbanken-Migration ein normaler Prozess"
Auch zur Datenbereinigung stellen sich Klärungsfragen: Falls die 'SoZ'-Berichterstattung korrekt ist. Wie kommt es, dass Datenbereinigung noch Mitte 2018 ein Thema ist? Was lief in Ihrer "Migration Factory" grundsätzlich falsch, oder zu spät? Und kann man dies nicht mit "indischen Automaten" machen oder mit Studenten?
 
Und können nur Dialba-Banken automatisierte Zusammenzüge von Daten für Monats-, Quartals- und Jahresabschlüsse machen? Oder auch die Avaloq-Raiffeisen-Banken?
 
Die Raiffeisen-Sprecherin bleibt auch dazu allgemein: "Es ist korrekt, dass die Banken Datenbereinigungsaufträge vor der Migration erhalten haben und dass diese nun aufgrund der Erfahrungen mit den 22 Pilotbanken noch ergänzt wurden. Dies ist bei einer Kernbanken-Migration ein normaler Prozess. Hintergrund dafür ist, dass die Datenhaltung der 255 selbständigen Raiffeisenbanken bisher nicht ins letzte Detail standardisiert war."
 
Zu einer Frage wollte die Bank gar keine Stellung nehmen: Ist unsere Einschätzung korrekt, dass auch die 22 migrierten Pilotbanken eigentlich kein vollständig funktionierendes Produkt mit allen funktionierenden Core-Funktionalitäten erhielten, sondern nun Teil des IT-Entwicklungsteams sind? Und dies bei vollem Bankbetrieb?
 
Eine Frage bezüglich Finma hingegen beantwortet die Raiffeisen-Sprecherin: "Die Finma hat zwar Fragen sowohl zum alten als auch zum neuen IT-System gestellt, hat aber keine Bedenken angemeldet."
 
Ab Mitte August soll in sechs Etappen die Migration der verbleibenden Raiffeisen-Banken erfolgen, wenn es nach den aktuellen Plänen läuft. (Marcel Gamma)
 
Update 28.6.2018: Wie uns Avaloq mitteilt, enthält die Avaloq Banking Suite durchaus ein Modul für Hypothekenfinanzierung. Dieses ist bei den Kantonalbanken, die Avaloq einsetzen, in Betrieb. Es war gemäss Avaloq der Entscheid von Raiffeisen, für die Hypothekenfinanzierung eine neue Lösung zu bauen und dafür ein Drittunternehmen zu beauftragen. Avaloq unterstütze Raiffeisen dabei als Teil des Gesamtprojekts, so der Software-Hersteller. (hc)