Oracle lizenziert Java SE auf Basis von Abos

Paradigmenwechsel bei der Vermarktung von Java SE: Es gibt viele Unklarheiten. Wir haben bei Anwendern nachgefragt.
 
Oracle hat angekündigt die Java Platform Standard Edition (Java SE) künftig auf Abo-Basis zu lizenzieren. Der Preis für die kommerzielle Lizenzierung sowie Support beträgt 25 Dollar pro physischem Prozessor pro Monat oder 2,50 Dollar pro Benutzer pro Monat auf dem Desktop. Es sei denn, man benötigt über 100 CPUs oder 1000 Desktops, dann soll es günstigere Konditionen geben. Die bisherigen Lizenznehmer könnten ihr Angebot aber wie gewohnt nutzen, verspricht Oracle. Auch würden die kostenlosen Versionen bestehen bleiben.
 
Der Konzern erklärt, dass das neue Abomodell besser sei als eine unbefristete Lizenz, da es "Vorabkosten plus zusätzliche jährliche Support- und Wartungsgebühren" beinhalte. Wir haben bei einigen Anwendern nachgefragt.
 
Für Nutzer von OpenJDK dürfte die Umstellung eine Herausforderung werden
Für Kunden, die bisher das "Java SE Advanced"-Programm genutzt hätten, um auch über das Ende der öffentlich verfügbaren Updates hinaus noch ältere Versionen von Java sicher nutzen zu können, würden sich die Kosten mit dem neuen Subskriptions-Modell deutlich verringern, so der Interessenverbund der Java User Groups (iJUG) auf Anfrage von inside-it.ch.
 
"Wer seine Java-Versionen bisher jedoch einigermassen aktuell gehalten hat, musste dafür keine Kosten aufwenden und konnte trotzdem eine sichere Version von Java einsetzen. Ohne weitere Kosten aufzuwenden wird dafür zukünftig ein Wechsel auf OpenJDK und eine halbjährliche Aktualisierung auf die jeweils nächste Major-Version notwendig sein. Wer diesen Aktualisierungsaufwand vermeiden will, sollte sich das neue Subskriptions-Modell ansehen und Alternativen anderer Anbieter damit vergleichen", so der Verein mit Ablegern im ganzen DACH-Raum.
 
Die Einschätzung stützt auch Marcel Vinzens, Deputy CTO AdNovum: "Für Nutzer von Java, die bereits eine kommerzielle Lizenz hatten, wird das neue Abomodell wahrscheinlich als Verbesserung wahrgenommen und auch besser auf sie zugeschnitten sein. Für diejenigen jedoch, die bisher keine kommerzielle Lizenz hatten, wird das neue Abomodell in Kombination mit der kürzeren Lebensdauer der Java-Releases eine grosse Herausforderung darstellen. Neu werden Nutzern von Open Java Development Kit (JDK) keine Versionen mit langfristiger Unterstützung mehr zur Verfügung gestellt. Somit müssen diese Nutzer entweder auf ein kostenpflichtiges Angebot wechseln (z.B. Java SE-Subskription von Oracle) oder sie müssen dem geplanten sechsmonatigen Release-Zug von Java folgen, was grosse Updates alle sechs Monate bedeutet." Die neuen Funktionen der Updates bedeuteten ein erhöhtes Risiko und hätten für jene User, die aktuell keine kommerzielle Lizenz besässen, einen Einfluss auf die Gesamtkosten.
 
Es bestehen noch viele Unsicherheiten
iJUG sagt weiter: "Das Subskriptions-Modell scheint von den veröffentlichen Bedingungen einfacher in der Kostenkalkulation zu sein. Trotzdem bleiben bisher Fragen offen. Zum Beispiel wird nicht klar angegeben, wie die Prozessoren beim Einsatz von Virtualisierung oder bei Containern zu zählen sind. Sollten die Bedingungen aus dem Oracle-Datenbankbereich, die für Virtualisierungsumgebungen gelten, auf Java übertragen werden, so dürfte so mancher Kunde die eine oder andere Überraschung beim Berechnen der fälligen Subskriptionskosten erleben."
 
So ist es dann unter anderem auch zu erklären, dass die Swiss Oracle User Group (SOUG) inside-it.ch auf Anfrage schreibt, dass ihre Mitglieder zur Zeit noch keine belastbare Aussage zu den Auswirkungen treffen könnten. "Die Auswirkungen sind aus unserer Sicht auch je nach Organisation und Einsatz von Java SE sehr individuell", so Michael Krebs vom SOUG-Marketing.
 
Wird Java SE von der Plattform zum Oracle-Produkt?
Vinzens von AdNovum zeigt sich nicht überrascht, dass Oracle eine bessere kommerzielle Nutzung von Java anstrebt. "Aber aus Sicht der Java-Community ist es ein Paradigmenwechsel, dass es von Oracle keine kostenlosen Versionen mit langfristiger Unterstützung mehr geben wird. LTS-Unterstützung ist insbesondere in der Unternehmenswelt sehr wichtig und die freie Verfügbarkeit war bisher eine Stärke des Java-Ökosystems. Daher muss die Community nun selber Fixes applizieren und Releases erstellen, wenn sie eine Java-Version länger als sechs Monate verwenden möchte. Es wird interessant sein zu sehen, ob die Community diese Aufgabe übernimmt und wie beispielsweise bei Linux-Distributionen auf die Änderungen reagiert wird", so der AdNovum-Mann.
 
Auf Servern werde die Gratis-Nutzung zunehmend nur noch mit einem Open Java Development Kit (JDK) möglich sein, so Markus Karg von der Java User Group Goldstadt. "Viele Anwender scheuen sich leider, alternative Java SE Distributionen zu nutzen, die durchaus seit längerem kostenlos zur Verfügung stehen. Wer diesen Schritt aber nicht geht, für den ist der 'Free Lunch' bald vorbei. Dabei bietet gerade OpenJ9 (Eclipse Foundation) eine auch technisch sehr interessante Alternative. Auch von Azul ist ein kostenloses JDK zu erhalten", so Karg.
 
Seit längerem zeichne sich ab, dass Oracle Java nicht mehr nur als Plattform sehe, die der Konzern erworben habe und auch aus eigenem Interesse weiterentwickle. Stattdessen werde die Plattform mehr und mehr als ein Oracle-Produkt vermarktet, bei dem auch unprofitable Teile nicht mehr weitergeführt würden, so der iJUG. Karg prognostiziert, dass Oracle damit eine Pluralität des Markes fördere: "In einem Jahr wird der Markt ganz anders aussehen. OpenJ9, Azul Zulu, sowieso sicherlich einige neue Anbieter werden den Markt unter sich aufteilen", so der Lobbyist für "eine nachhaltige Platform-Strategie".
 
Die Zürcher Software-Schmiede Netcetera nutzt bislang ausschliesslich die Gratis-Version von Oracle JDK. Stefan Odendahl, Principal Architect bei Netcetera, nennt drei mögliche Strategien für das künftige Vorgehen: Ohne bezahlte Lizenz immer auf das neueste Oracle JDK updaten, immer auf das neueste Open JDK wechseln oder eine andere OpenJDK-Distribution (z.B. Zulu, RedHat, AdoptOpenJDK) verwenden, welche Versionen mit langfristiger Unterstützung anbietet. Seine Einschätzung schliesst Odendahl mit den Worten: "Da derzeit noch zu vieles unklar ist, warten wir weiterhin ab." (Thomas Schwendener)