Streetparade wird zum Test für drei Datenfunknetze

Foto: Verein Street Parade Zürich
Der Bund baut für die Streetparade ein eigenes 4G-Netzchen auf. Blaulicht-Organisation testen auch die sicheren Netze von Swisscom und BLUnet.
 
Die Zürcher Streetparade zieht gegen eine Million Menschen an und ist eine riesige Herausforderung für die so genannten Blaulichtorganisationen (Polizei, Sanität, Zivilschutz, Spitäler). Die Menschenmasse ballt sich bei heissem Sommerwetter auf kleinem Raum rund um den See und viele konsumieren Drogen. Entsprechend gut eignet sich die Streetparade für Tests der Kommunikation zwischen den verschiedenen Blaulicht-Organisationen und anderen Behörden.
 
An der Streetparade 2018 wollen die Stadt- und Kantonspolizeien, Schutz und Rettung Zürich zusammen mit dem Bund nun gleich drei verschiedene Datenfunknetze einsetzen und so testen. Eingesetzt werden BLUnet, das über das Sunrise-Netz läuft, Swisscom Public Safety Data und ein proprietäres, von Armasuisse gebautes kleines 4G-Netz.
 
Funk ja, Daten nein
Für den Funkverkehr gibt es bereits heute das Polycom-Netzwerk. Das auf proprietäre (französische) Technologie aufbauende Funknetz funktioniert, ist aber sauteuer und umstritten. Es wird auch an der Streetparade verwendet.
 
Für den Datenverkehr von Blaulichtorganisationen gibt es bis heute hingegen kein schweizweites Netz. Ein entsprechendes Projekt zum Aufbau einer Infrastruktur für ein sicheres Datenverbundnetz liegt beim VBS. Alternativ könnte man auch die Mobilfunkinfrastruktur von Swisscom, Sunrise oder Salt (oder aller drei) dazu verwenden. Voraussetzung wäre, dass die Clients und der Datenverkehr der Blaulichtorganisationen priorisiert wären und dass die Stromversorgung der ganzen Infrastruktur gesichert wäre. Schliesslich müssen Polizeien und Sanitätsorganisationen auch kommunizieren können, wenn 900'000 Menschen gleichzeitig versuchen, Instagram-Bildli zu versenden und zu whatsappen.
 
Die Befürworter einer eigenen Datenfunkinfrastruktur argumentieren, dass die kommerziellen Anbieter nicht garantieren könnten, dass die Kapazität der Netze bei einer riesigen Menge User ausreichen. Das sei am Zürcher Techno-Anlass letztes Jahr passiert, so die Medienstelle der Stapo Zürich gemäss einer Story heute in der 'NZZ'.
 
Swisscom und BLUnet im Test
An der diesjährigen Streetparade überträgt die Stadtpolizei Zürich Standortdaten der Love-Mobiles und gewisser Einsatzkräfte über "Public Safety Data" von Swisscom sowie über BLUnet. Hinter BLUnet steht die Aargauer WZ-Systems, die zur Mehrheit dem Stromkonzern Axpo gehört. Als Funkinfrastruktur wird das Netz von Sunrise verwendet.
 
Beide hätten "zusätzliche Massnahmen" versprochen, um die Priorisierung der Daten und Clients der Blaulichtorganisationen sicherzustellen, schreibt die 'NZZ'. Wie das genau bewerkstelligt wird, wollte uns der Swisscom-Mediendienst nicht sagen.
 
4G-Netzlein von Armasuisse
Zusätzlich baut Armasuisse im Auftrag des Bundesamt für Bevölkerungsschutz (Babs) ein kleines, propriertäres 4G-Netz auf. Das Bundesamt erweist sich als wesentlich auskunftsfreudiger als Swisscom.
 
Das kleine LTE-Netz des Babs ist für zwanzig SIM-Karten eingerichtet. Verwendet wir eine 700 MHz Testfrequenz des Bakom. Es wird dazu benützt, um die Anzahl der der Behandlungen in den Sanitätsposten an die Zentrale zu übermitteln.
 
Von wem die Technologie für das 4G-Netzlein stammt, wollte oder durfte Kurt Münger, Kommunikationschef des Bundesamts für Bevölkerungsschutz nicht sagen. Interessanterweise ist keiner der bekannten Hersteller Ericsson, Nokia und Huawei beteiligt.
 
Die Begründung für den Test mit einem eigenen 4G-Netz des Babs leuchtet durchaus ein. Der Aufbau eines zusätzlichen Mobilfunk-Netzes sei eine Option, falls die privaten Anbieter die Anforderungen nicht erfüllen konnten. Es geht insbesondere um die Priorisierung der Blaulicht-Organisationen, wenn Netzwerke stark be- oder überlastet sind, wie bei Grossanlässen üblich.
 
Man richte sich an die bestehnden Technologien (LTE) aus, weil das Babs für den Bau von sicheren Datennetzen die privaten Mobilfunknetze benützen wolle, schreibt Münger. (Christoph Hugenschmidt)
 
Hinweis: Wir haben uns in mehreren Artikeln mit dem Projekt "sicheres Datenverbundsnetz" beschäftigt. Zuletzt im Februar im einen zweiteiligen Artikel. "Die Debatte um das künftige sichere Datenverbundnetz ist eröffnet" und "Die Debatte um das künftige sichere Datenverbundnetz (Teil 2)".

Unser Kommentar:

Warten auf 5G wäre klüger
Wer weiss, wieviel Geld Bund und Kantone für das eigene Sprachfunknetz Polycom ausgeben, der hat Angst. Bis 2030 wird Polycom alleine für die Erneuerung etwa eine halbe Milliarde Franken kosten. Der Grund: Polycom baut auf proprietäre Technologie des französisch-deutschen Airbus-Konzerns auf. Der Anbieter ist "alternativlos".
 
Was wohl wird der Aufbau eines sicheren Mobilfunknetzes kosten, sollte man wieder auf proprietäre Technologie setzen? Das "sichere Schweizer Datennetz" (SDVN) wird in den nächsten zehn Jahren etwa 300 Millionen Franken kosten, glaubt (oder hofft?) man.
 
Dabei gäbe es eine Alternative: Die künftige Mobilfunkgeneration (5G) wird standardmässig "Network Slicing" erlauben. Diese Technologie braucht man für den Bau von priorisierten Netzen. Wie eben ein solches für Blaulichtorganisationen und Zivilschutz.
 
Bund und Kantone bräuchten nicht mehr zu tun, als zu warten bis Salt, Swisscom und Sunrise in eifrigem Wettbewerb (fast) flächendeckend 5G-Netze aufziehen und sich dann für zwei Anbieter entscheiden. Und könnte sich Investitionen in proprietäre Technologie und Infrastruktur ersparen.
 
Doch halt: Genau das geht nicht. Denn die unselige Strahlenschutzverordnung, die der so sicherheitsbewusste Ständerat nicht ändern möchte, demotiviert die eigentlich investitionsfreudigen Schweizer Telcos. Und so wird man noch einige Zeit mit 4G-Netzen und womöglich proprietären Technologien basteln müssen. (Christoph Hugenschmidt)