Von Hensch zu Mensch: Ohren­betäubendes Gezwitscher

Kolumnist Jean-Marc Hensch teilt sein Social-Media-Wissen uneigennützig mit seinen Leserinnen und Lesern.
 
Wenn ich in meinem privaten Umfeld fallen lasse, dass ich auf Twitter unterwegs bin, reagieren viele mit Unverständnis. Insbesondere hierzulande ist es eher ungewöhnlich, sich auf diesem Kanal zu tummeln. Ich erkläre dann, dass ich mich auf Twitter nicht an normale Menschen richte, sondern an Politiker und Journalisten, worauf meine Gesprächspartner jeweils verständnisvoll nicken – oder mitleidig? In der Branche hingegen weiss ja jeder mit Twitter Bescheid – bis man mal unter vier Augen ist.
 
"Weisst du, ich möchte das auch mal versuchen, komme aber zuwenig draus. Kannst du es mir nicht mal zeigen, so bei einem Kaffee oder so?" Damit ich mir in Zukunft nicht mehr den Mund fusselig reden muss, habe ich mich entschlossen, so zum Ausklingen der Sommerferien im Rahmen dieser Kolumne einen kleinen Crash-Kurs in fünf Kapiteln zu geben:
 
Natürlich beginnt es damit, sich ein Profil aufzusetzen. Doch schon hier kann man Fehler machen. Am besten, man wählt einen möglichst originellen Namen ("Twitter-Handle"), der die eigene Persönlichkeit gut und prägnant zum Ausdruck bringt. Zum Beispiel @UrbanWaldfee, @EidgenossForever oder @33cm. Natürlich kann man das noch ironisch überhöhen, so dass der Handle das Gegenteil von dem zum Ausdruck bringt, was man sein möchte oder anstrebt. Intellektuelle schalten kein Profilbild auf und sind gediegen als "Egghead" im Twitter-Universum unterwegs (manche tun das auch einfach deshalb, weil sie für ein Portrait trotz Photoshop nicht schön genug sind). Üblich sind allerdings verfremdete Gesichts- oder Körperteile in psychedelischen Farben. Als Hintergrundbild macht sich ein Katzenbild oder ein spiritueller Spruch immer gut ("Buddhas drittes Herz ist wie Sommerregen im Februar.")
 
Ist das Profil erstmals aufgesetzt, sollte man gleich mal lostwittern. Wer zuerst schaut, was andere so machen, wird in seiner Kreativität gehemmt, ausserdem twittern die Andern sowieso nur Schrott. Am besten beginnt man mit einer Nachricht, auf die alle gewartet haben: "Dies ist mein erster Tweet." - ein währschafter Start. Dass Sie (noch) keine Follower haben, spielt keine Rolle, denn im Gegensatz zu anderen sozialen Medien kann jedermann auf der Welt problemlos Ihre Tweets anschauen (vorausgesetzt, er sucht danach). Das Potenzial ist somit gigantisch. Also twittern Sie munter weiter. Wenn Sie bis hier alles richtig gemacht haben, sollte es bald nur so Follower prasseln. Falls nicht, müssen Sie noch etwas fine-tunen.
 
Sie stellen sich vielleicht die Frage, in welcher Sprache sie primär twittern sollen. Ich rate Ihnen: Setzen Sie Ihre Tweets in der einzig universellen Sprache ab: Emojis (ehemals Smileys). Diese erlauben Ihnen, alles auszusagen, ohne dass es jemand verstehen muss, dafür in etwa 93 politisch korrekten Hautfarben-Schattierungen. Wenn Sie das im Griff haben, können Sie dann dazu übergehen, Memes (lustige Bildli in Endlosschlaufe) zu posten. Auch da gibt es eine Vielzahl von Möglichkeiten, auf sehr originelle Weise nichts zu sagen.
 
Kommen wir nun zum echten Nutzen von Twitter: Es ist gut für die Psycho-Hygiene und ersetzt den Seelenklempner. Man kann so richtig die Sau rauslassen und Dinge sagen, die man sonst nirgends los wird: Sagen Sie den Mächtigen, den Bösen oder einfach nur den Andersdenkenden endlich mal die Wahrheit – und zwar so, dass die Botschaft wirklich durchdringt. Wenn jemand ein A…loch ist, dann muss man ihm das doch sagen. Alles andere wäre wirklich nicht fair.
 
Auch aus Gründen der Psycho-Hygiene sollte man nur Leuten folgen, welche die gleiche Meinung haben. Es kann allerdings einmal vorkommen, dass jemand Ihnen auf Twitter widerspricht, was natürlich inakzeptabel ist. Solche Leute bekämpfen Sie mit der ganzen Feuerkraft Ihrer sprachlichen Ausdrucksfähigkeit. Da müssen auch einmal ein paar Kraftworte Platz finden – schliesslich haben wir ja immer noch Meinungsfreiheit in diesem Land. Solche Kritikaster sollte man anschliessend am besten blocken, damit sie in Zukunft nicht mehr mitbekommen, was man so twittert. Wenn’s ganz strub kommt, löscht man den eigenen Tweet, und die anderen haben das Nachsehen. Aus den Augen, aus dem Sinn. Merken Sie sich ganz generell: Es gibt nur eine Person, die Ihnen auf Twitter widersprechen darf, und das sind Sie selbst.
 
Natürlich kann ich im Rahmen einer Kolumne nur eine ganz kurze Einführung geben. Für eine vertiefte Beschäftigung mit Twitter verweise ich daher gern auf den unbestrittenen Meister in diesem Metier: @realDonaldTrump.
 
Jean-Marc Hensch (59) ist Geschäftsführer von Swico, dem Wirtschaftsverband für die digitale Schweiz. Er äussert als Kolumnist für inside-it.ch und inside-channels.ch seine persönliche Meinung und twittert als @sosicles.