Zweiter Digitaltag: Zuckerbrot, Peitsche und Weiterbildung

CEOs wollen die Schweiz für Digitalisierung begeistern: Andreas Meyer (SBB) und Marc Walder (Ringier) (2.v.l, 3.v.l.)
Mit einer Mischung aus Zuckerbrot, Peitsche und Weiterbildung wirbt Digitalswitzerland einen Tag lang bei der hiesigen Bevölkerung für die Digitalisierung der Schweiz. "Schweizer Digitaltag" heisst die Werbeveranstaltung, welche am 25. Oktober zum zweiten Mal stattfindet unter Federführung der Standort-Initiative.
 
Zwei der Initianten, SBB-Chef Andreas Meyer und Ringier-CEO Marc Walder stellten die Motive hinter dem nationalen Event vor und die operativ Verantwortlichen das Programm. Der Mensch stehe im Mittelpunkt, der Dialog und man wolle Technologie fassbar machen, so das Credo.
 
Zuerst das Zuckerbrot: 70 unterschiedliche Firmen, Hochschulen und Organisationen zeigen in 13 Städten zwischen Basel, Lugano, Genf und Vaduz, was Technologie heute kann. Und das ist garantiert spannend, das versprechen allein die Partnernamen; sie reichen von ABB über IKEA bis zum Kanton Graubünden und der Zürcher Hochschule der Künste.
 
Dieses Jahr gibt es diverse thematische Plattformen, die von "Mobilität" über "Gesundheit" bis "Media/News" reichen. Zwei von ihnen sind speziell beachtenswert: "Arbeit 4.0" und "Meine Daten", welche Aufklärungsarbeit leisten, Chancen zeigen und Ängste abbauen sollen.
 
Wie ernst auch skeptische und ängstliche Besucher genommen werden, das wird sich zeigen. Aber das Loblied von Co-Working-Spaces, Arbeitssicherheit mit Drohnen und VR am Arbeitsplatz sollen dies bei "Arbeit 4.0" leisten. Schon präventiv versprach Swisscom-CEO Urs Schaeppi den Medien via Videobotschaft, die Digitalisierung werde verlorene Jobs in die Schweiz zurückholen.
 
Etwas wackelig wirkt die Aufbereitung des Themas "meine Daten": Man will den Nutzen des Sammelns und Analysierens von Daten aufzeigen und lädt zum Test "Welcher Datentyp sind sie?". Ob im eigens dafür eröffneten Daten-Café auch Google-Experten ihre weltweit viel gescholtene Datensammel- und Überwachungstätigkeit konkret erklären, ist unbekannt. Jedenfalls sollen Experten vor Ort Fragen beantworten.
 
Primär ist der Digitaltag ein Weiterbildungstag bei dem man Verständnisfragen stellen kann, könnte man sagen. Er wird aber als "Dialogtag" verkauft. Der Dialog soll rundherum stattfinden, mit einer App und einer Schweizer KI-Lösung, welche den Fragesteller mit sachkundigen Experten verbinden werde. Zudem sind vier Diskussionsveranstaltungen geplant, sogenannte "Stammtische".
 
Die Peitsche
Nun reichen tolle technische Leistungen und verblüffende Neuheiten nicht, um die in der Schweiz spürbare Skepsis rund um Digitalisierung und Globalisierung zu beseitigen. Statt sich um Arbeitsplatzverlust und Privatsphäre zu sorgen, soll die Bevölkerung denn auch deutliche Warnungen hören: Ringier-Mann Walder macht sich vor den Medien die Warnung des früheren CIOs von Estland zu eigen: "Die Schweiz wird in Sachen Digitalisierung nicht bereit sein, und sie wird deshalb kaum Wettbewerbsvorteile haben". Und SBB-Meyer warnt vor "Wohlstandsschlaf" und schwärmt von einer riesigen Fabrik im chinesischen Shenzen, die er kürzlich besucht hat: "Unglaublich!"
 
Nun haben die Regierungen Estlands und Chinas ihren Bevölkerungen und der Wirtschaft die Digitalisierung samt Prioritäten Top-Down verordnet. Sind das Vorbilder? Beide CEOs verziehen die Gesichter, es gehe darum zu zeigen, dass die Konkurrenz nicht schläft. Und Walder zischt Meyer zu: "Warum erwähnst du Shenzen?"
 
Nun beweist diese Szene nichts Negatives, oder, in anderen Worten, "Honi soit qui mal y pense". Denn der Digitaltag könnte helfen, für die Digitalisierung zu werben und könnte jeden auf gute Ideen bringen. Es ist den Partnerfirmen zu wünschen, dass sich die Menschen sich darauf vorbereiten, mit neugierigem Geist und kritischen Fragen hingehen und konkrete Antworten einfordern. (mag)