Ärzte hinken bei der Digitalisierung hinterher

Eine neue Studie verweist auf ein Paradoxon bei der Digitalisierung im Gesundheitswesen: Ärzte stehen dieser grundsätzlich positiv gegenüber, nutzen deren Möglichkeiten jedoch kaum – trotz grossem Sparpotential.
 
Fast sechs von zehn Ärzten (58 Prozent) sind digitalen Gesundheitsangeboten wie Online-Terminvereinbarung, Fitnessapps oder neuen Informationsmöglichkeiten für Patienten gegenüber generell positiv oder sehr positiv eingestellt. 38 Prozent sind skeptisch oder gar sehr skeptisch. Dies zeigt eine Befraung der Beratungsgesellschaft KPMG und der Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte (FMH).
 
Vor einem Jahr hatte KPMG in einer Studie festgestellt, dass die Digitalisierung in der Gesundheitsbranche grosses Sparpotential birgt. Demnach könnten jährlich rund 300 Millionen Franken gespart werden, wenn der Patientenpfad von der Terminvereinbarung, über die Überweisung an ein Spital bis hin zur Instruktion der Spitex für die Nachbetreuung komplett digital erfolgen würde.
 
Dennoch nutzen laut der jüngsten Umfrage Ärzte diese Angebote und Produkte gemäss der Studie kaum: Nur ein Drittel integriert solche Tools gelegentlich oder oft in den Alltag, in der Regel im Bereich der Administration oder bei der Kommunikation mit dem Patienten. Zudem empfiehlt ebenfalls nur ein Drittel seinen Patienten, beispielsweise Apps zur Ess-Dokumentation oder zur Rauchentwöhnung zu nutzen. Patienten würden zudem selten selber nach solchen digitalen Möglichkeiten fragen.
 
Hindernisse: mehr Administration, falsches Tarifsystem…
Gründe für diese Zurückhaltung gibt es mehrere. Einer davon ist die Tarifierung. "Gespräche der Ärzte mit den Patienten gewinnen künftig an Bedeutung", hält Marc-André Giger, Mitautor der Studie, fest. Das Problem sei jedoch, dass diese Gespräche so wie andere neue, digitale Möglichkeiten im aktuellen Tarifsystem keine Entgeltung fänden.
 
"Jetzt besteht die Möglichkeit, die Tarifierung den Realitäten und dem Alltag anzupassen und der Ärzteschaft entgegenzukommen", hält Giger in Anspielung auf die Diskussionen über das Tarifsystem Tarmed fest.
 
Yvonne Gilli, Ärztin und im Zentralvorstand des Ärzteverbands FMH mit den Themen Digitalisierung und eHealth betraut, weist im Gespräch auf eine weitere Hürde hin. "Derzeit führen digitale Anwendungen nicht selten zu einer höheren Administrativlast, weil gleiche Patientendaten immer wieder neu eingegeben werden müssen", erklärt sie. Diese Rahmenbedingungen müssten sich noch verbessern.
 
Ärzte sorgen sich gemäss der Studie auch um die Sicherheit der Patienten. Sie befürchten, dass Patienten die Informationen falsch interpretieren oder sich gar zu einer gesundheitsschädlichen Selbstbehandlung animiert fühlen könnten. Auch der Datenschutz löst Bedenken aus.
 
Digitalisierungsschub steht wohl kurz bevor
Der bei der Digitalisierung wichtige Faktor des Alters macht sich auch im Gesundheitsbereich bemerkbar. In der Studie zeigte über die Hälfte der Ärztinnen und Ärzte über 55 Jahren eine negative Haltung, während diese bei den unter 40-Jährigen bei fast drei Vierteln positiv ist.
 
Im Gesundheitswesen kann dies einen grossen Einfluss haben, denn gemäss Gilli werden in den nächsten zehn Jahren drei Viertel der ambulanten Ärzte pensioniert. Es zeige sich, dass mit dem Generationenwechsel die Praxen digitalisiert würden und der notwendige Strukturwandel von selbst stattfinde.
 
Kürzlich hat zudem die Gesundheitskommission des Nationalrats beschlossen, dass sie Ärzte zur Einführung des elektronischen Patientendossiers verpflichten will. Die Detailberatung der Kommission und die Beratung im Parlament stehen derweil noch aus.
 
An der Befragung nahmen 4570 Ärztinnen und Ärzte teil. Sie sind Mitglied der FMH. Ein Grossteil ist aus dem Bereich der Allgemeinen Inneren Medizin und einige arbeiten in der Psychiatrie und Pädiatrie. Rund zwei Drittel dieser Ärzte sind im ambulanten Bereich tätig, der andere Drittel im stationären Bereich. (sda/ts)