Bis 2026 sollen in der Schweiz 40'000 ICT-Fachkräfte fehlen

Man müsse massiv mehr Lehrstellen schaffen. Sollte der Effort nicht genügen, drohten Offshoring und verlorene Aufträge, so eine Studie von ICT-Berufsbildung Schweiz.
 
Schon vor zwei Jahren hatte ICT-Berufsbildung festgestellt, dass bis 2024 rund 25'000 Informatiker in der Schweiz fehlen werden. Eine neue Studie des Verbandes zeichnet das Bild nun in noch dunkleren Farben: Bis in sieben Jahren sollen hierzulande über 40'000 ICT-Fachkräfte weniger zur Verfügung stehen, als der Markt nachfragt.
 
Entsprechend markig waren dann auch die Worte von Andreas Kaelin, Präsident von ICT-Berufsbildung Schweiz, an der heutigen Präsentation der Erhebung in Bern. Die Fachkräfte würden dringend benötigt, um die Schweiz in der Digitalisierung weiter zu bringen, so Kaelin. Trotz intensiver Bemühungen in Aus- und Weiterbildung könne der Bedarf nicht gedeckt werden.
 
Wie ein Rückblick auf die letzten Prognosen zeige, handle es sich hierbei keineswegs um Alarmismus. "Im Mittel haben wir mit den bisherigen Vorhersagen eine Punktlandung hingelegt", so Kälin.
 
In sieben Jahren arbeiten fast 240'000 Personen im ICT-Feld
Das Bedürfnis nach Fachkräften nehme insbesondere in den Bereichen Programmierung, Beratung, Betrieb und Cloud-Services enorm zu. Das gesamte Berufsfeld ICT, das seit 2010 schon um fast 30 Prozent gewachsen sei, werde bis 2026 nochmals um 37'000 Personen zulegen und in sieben Jahren 236'200 Personen umfassen.
 
Zudem schlage der Demographie-Effekt in der relativ jungen Branche stärker zu Buche als lange Zeit: Bis 2026 würden 21'700 Beschäftigte aus dem ICT-Berufsfeld pensioniert. Auch werden nach Prognose des Berufsverbandes fast 30'000 Fachkräfte ins Ausland abwandern.
 
Grosser Mangel an Applikationsentwicklern
Besonders akut sei die Nachfrage nach Applikationsentwicklern und ICT-System-Ingenieuren. In beiden Feldern rechnet der Verband mit jeweils fast 50 Prozent Zunahme der Nachfrage – das sind insgesamt 20'300 Personen. Prozentual am stärksten wächst aber der Bedarf an Ingenieuren im Bereich Elektronik und Telekommunikation. Hier verdoppelt sich die Nachfrage beinahe. Da dies relativ wenige Personen sind, schlägt der Bereich aber nur mit 4'300 Personen zu Buche.
 
Die Anforderung an die Ausbildung habe sich kaum verändert, aber man brauche künftig höher spezialisierte Fachleute, wie Studienautor Nils Braun-Dubler festhält. Rund ein Drittel werden bis 2026 auf Stufe Senior gesucht und zehn Prozent sogar auf noch höherer Kompetenzstufe.
 
Dies zeigt sich auch auf Ausbildungsebene: Über die Hälfte der ICT-Arbeitskräfte müssen für den Arbeitsmarkt einen Hochschulabschluss haben, 17 Prozent eine Höhere Berufsbildung. Von den Arbeitsimmigranten in den ICT-Bereich bringen übrigens über 80 Prozent einen Hochschulabschluss mit.
 
Die Lösung: Mehr Lehrstellen
Der steigende Bedarf könne nur teilweise durch Neuabsolventen und Zuwanderung aufgefangen werden. Zwar rechnet ICT-Berufsbildung mit 31'500 Eintritten von Absolventen und einer Zuwanderung von 16'700, aber fast nochmals so viele – nämlich 40'300 – müssten zusätzlich ausgebildet werden, um den Gesamtbedarf zu decken.
 
Zwar wurden
in den letzten zehn Jahren über 2500 Lehrstellen in Informatik und Mediamatik geschaffen, aber das reicht nicht. Doch genau hier liegt der Schlüssel zur Lösung des Problems auf allen Bildungsstufen: Fast die Hälfte der Lehrabsolventen nimmt eine vertiefte Weiterbildung an einer Höheren Fachhochschule, einer Fachhochschule oder gar einer Universität in Angriff.
 
Wenn mehr Lehrlinge ausgebildet werden, ergibt dies also auf längere Sicht auch mehr spezialisierte Fachkräfte. "Die ICT-Lehre ist der bedeutendste Hebel zur Deckung des zukünftigen Bedarfs an qualifizierten Fachkräften", erklärt dann auch Serge Frech, Geschäftsführer von ICT-Berufsbildung Schweiz.
 
3400 neue Lehrstellen in den nächsten vier Jahren
ICT-Berufsbildung hat sich hohe Ziele gesetzt. Der Verband will helfen bis 2022 rund 3400 neue ICT-Lehrstellen zu schaffen. Zur Erinnerung: In den letzten zehn Jahren entstanden rund 2500 Lehrstellen in diesem Bereich.
 
Um das Ziel zu erreichen revidiert der Verband verschiedene Ausbildungen und führt zwei Security-Ausbildungen ein. Zudem will man Kampagnen mit den Themen Lehrstellen, Nachwuchs und Weiterbildung durchführen.
 
Auch engagiert sich ICT-Berufsbildung in Sachen Geschlechterverteilung. Immer noch seien bloss 15 Prozent aller ICT-Beschäftigten weiblich und es sei auch kein "Trend zur Verweiblichung" festzustellen, hält der Verband fest. Dieses Reservoir soll erschlossen werden: "Langfristig sollten Massnahmen ergriffen werden, dass insbesondere junge Frauen ihre MINT-Fähigkeiten auch bei der Berufswahl vermehrt berücksichtigen", so eine Handlungsempfehlung in der Studie.
 
Die Perspektiven für ICT-Berufsleute sind gut
Der ICT-Bereich ist eigentlich sehr attraktiv: Erwerbslosigkeit sei nahezu vernachlässigbar bei ICT-Fachkräften, so Studienautor Nils Braun-Dubler. Selbst wenn man das Berufsfeld verlasse, verringere sich dank der Ausbildung das Risiko, erwerbslos zu werden. Wobei in der Studie festgehalten wird, dass in der ICT die Arbeitslosenquote mit fortschreitendem Alter zunimmt und ab 55 deutlich über dem Schweizer Schnitt liegt.
 
Auch die Medianlöhne – ein statistischer Mittelwert – sind deutlich höher als der Schweizer Schnitt. Eine Person mit beruflicher Grundbildung verdient laut Studie rund 1600 Franken mehr im Monat als eine Vergleichsperson mit einem anderen Lehrabschluss.
 
Im schlimmsten Fall folgen Offshoring oder gar Auftragsverlust
Sollten in den nächsten Jahren nicht deutlich mehr Lehrstellen geschaffen werden, sieht ICT-Berufsbildung kein gutes Szenario voraus. Sollten die Vakanzen nicht über mehr Quereinsteiger mit Weiterbildung oder Einwanderung abgefangen werden, gebe es zwei Szenarien: Entweder die Firmen setzten auf Off- und Nearshoring oder verzichteten im schlimmsten Falle auf Aufträge – was das Wirtschaftswachstum abbremsen würde.
 
Letzteres wäre für die Schweizer Volkswirtschaft von grossem Schaden, resümiert die Studie. Denn schon heute sei die Wertschöpfung in der ICT-Branche grösser, als in der Pharma-, Detailhandels- oder Versicherungsbranche. "Es muss uns gelingen, die hohe Wertschöpfung der ICT-Fachkräfte im Inland zu behalten", so Andreas Kaelin.
 
Die Studie (PDF) kann auf der Website von ICT-Berufsbildung heruntergeladen werden. (Thomas Schwendener)