WEF-Studie prognos­tiziert neue Berufe und viel Um­schulungs­bedarf

Der durchschnittliche Umschulungsbedarf in der Finanzbranche. (Grafik: WEF-Report)
Neue Technologien schaffen bis 2022 mehr Jobs, als sie vernichten. Was das WEF für die Finanzbranche und die Schweiz vorhersagt.
 
"The Future of Jobs" heisst die Studie, welche das World Economic Forum (WEF) neu publiziert hat. Diese befasst sich nicht mit der fernen Zukunft, sondern nimmt in Anspruch, die Trends im Zeitraum 2018 bis 2022 in 20 Volkswirtschaften und 12 Branchen aufzuzeigen.
 
Laut WEF werden wegen neuen Technologien in dieser Phase 75 Millionen Jobs verloren gehen, weil sich die Arbeitsteilung zwischen Menschen, Maschinen und Algorithmen rasch verschiebe. Bis 2025 würden 52 Prozent der Aufgaben von Angestellten durch Maschinen erledigt, das wäre eine Verdoppelung des heutigen Anteils.

Gleichzeitig können aber weltweit auch 133 Millionen neue Jobs entstehen, so die Autoren basierend auf Aussagen von Arbeitgebern.
 
Arbeitgebern und -nehmern stehe in diesen vier Jahren eine wichtige Phase bevor, in welcher Automatisierung und neue Technologien (KI, Big Data, Cloud, mobiles High-Speed-Internet, Augmented und Virtual Reality) zu mehr Effizienz und Produktivität führen, ebenso zu steigenden Einkommen, mehr Wohlstand und in Konsequenz zu höheren Steuereinnahmen.
 
Spezifisch in der Schweiz sollte man das Augenmerk auf folgende Technologie-Trends legen: Big Data, digitale Märkte, Machine Learning, IoT und Cloud würden bei der Mehrheit der Befragten eingesetzt werden. Blockchain werde bis 2022 etwa bei der Hälfte der Unternehmen in der Schweiz eine wesentliche Rolle spielen und bei mehr als der Hälfte der 3D-Druck.
 
Menschliche Eigenschaften werden gefragter
Neue Technologien haben Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt und gefragte Fähigkeiten. Im Zuge dieser Entwicklungen würden technologiebezogene und nicht-kognitive Soft Skills zunehmend an Bedeutung gewinnen. Mit letzterem gemeint sind spezifisch menschliche Qualitäten wie Kreativität, Originalität, analytisches Denken und Eigeninitiative, zudem kritisches Denken, Überzeugungskraft und Verhandlungsführung.
 
Wer zudem stresstolerant und flexibel ist, der habe die besten Chancen auf einem Arbeitsmarkt, der immer mehr von neuen Berufen, von Outsourcing und Temporäranstellungen geprägt werde.
 
Für Ein- und Umsteiger empfehlen die Befragten Konzernvertreter generell neue Rollen wie Datenanalyst, Software- und Anwendungsentwickler sowie E-Commerce- und Social-Media-Spezialist. Es wird jedoch auch erwartet, dass Jobrollen, die "spezifisch menschliche" Eigenschaften verlangen, wie Kundendienstmitarbeiter, Vertriebs- und Marketingfachleute, in der neuen Arbeitswelt eine Zukunft haben. Auch die Bereiche Schulung und Entwicklung, Menschen und Kultur, Organisationsentwicklung sowie Innovationsmanagement gewinnen an Bedeutung.
 
Wer hingegen mit Admin-Aufgaben, der Informationssuche oder gewissen Kommunikations- und Koordinations-Aufgaben sein Geld verdient, der sollte beruflich umplanen.
 
Die meisten Banker benötigen Umschulung
Die Studie analysiert nicht nur länderspezifisch, sondern auch spezifisch für 12 Branchen. Für die Finanz-Branche und deren Mitarbeiter lassen sich mehrere Prognosen ableiten, so die Autoren:
  1. Die Branche wird "wahrscheinlich bis 2022 einen deutlichen Einfluss der Fortschritte im mobilen Internet" erleben
  2. Big Data wird rasch viel Einfluss haben
  3. Der Trend zum Einsatz "humanoider Roboter" werde sich verstärken
  4. Blockchain, beziehungsweise Distributed Ledger Technologie (DLT), werde in drei Viertel der befragten Unternehmen Einzug halten
  5. Machine Learning werde in der Branche Risikoeinschätzungen verändern.
Die Finanzbranche gehört laut der WEF-Studie auch zu den Branchen mit dem grössten Mangel an gefragten Skills, während administrative Mitarbeiter im grossen Stile durch Maschinen abgelöst würden.
 
Damit sich Arbeitgeberbedürfnisse nach technologisch wie menschlich qualifiziertem Personal auch mit denjenigen von Menschen decken, müsse man in Schulung und Umschulung investieren. Je nach Branche und Land ist der Umschulungsbedarf im Schnitt bei Mitarbeitern zwischen null und einem Jahr, so der Report.
 
In der Finanzbranche sollen 55 Prozent aller Mitarbeiter irgendeine Umschulung benötigen.
 
Über alle Arbeitnehmer hinweg jedenfalls seien 101 Tage Weiterbildung bis 2022 einzurechnen. Wer also im Schnitt nicht 25 Weiterbildungstage jährlich einkalkuliere, ob als Arbeitgeber oder -nehmer, drohe den Anschluss zu verlieren.
 
Wobei sich der Arbeitsmarkt sowieso verschiebe: "Je nach Branche und Geografie wenden sich zwischen der Hälfte und zwei Drittel der Unternehmen an externe Auftragnehmer, Zeitarbeitskräfte und Freiberufler, um ihre Qualifikationslücken zu schliessen", so der Report.
 
Die Empfehlung der WEF-Autoren an die Arbeitnehmer ist klar: lebenslanges Lernen, mehr Weiterbildung, Flexibilität. Die Arbeitgeber sollen in die Weiterentwicklung ihrer eigenen Angestellten investieren und sich auf noch härtere Zeiten im Recruiting einstellen.
 
Die Regierungen ihrerseits sollen die höheren Steuereinnahmen nicht in Steuerabbau investieren, sondern die Sozialversicherungen nicht nur reformieren, sondern ausbauen. Angesichts der zu erwartenden Unterstützungsbedürftigen müssten auch völlig neue Modelle wie ein Grundeinkommen oder die Grundversorgung mit Basis-Services geprüft werden.
 
Für den Bericht haben 300 HR-, Strategie- und Geschäftsverantwortliche von Konzernen Auskunft gegeben. Diese sollen laut den Autoren zusammen 15 Millionen Menschen beschäftigen. Hinzu kommen LinkedIn-Daten.
 
Der Report ist kostenlos online zugänglich. (Marcel Gamma)