Wie Tim Berners-Lee die Macht von Google und Facebook brechen will

Der WWW-Erfinder hat sein Konzept und ein Startup für ein dezentrales Web konkretisiert.
 
"Ich habe immer geglaubt, dass das Internet für alle da ist. Deshalb kämpfen ich und andere wie wild darum, es zu beschützen." Dies schreibt Tim Berners-Lee, eine der zentralen Figuren in der Internetgeschichte, der das Internet heute an einem kritischen Wendepunkt sieht.
 
Es habe sich zum "Motor von Ungerechtigkeit und Spaltung entwickelt; beeinflusst von mächtigen Kräften, die es für ihre eigenen Ziele benutzen", schreibt Berners-Lee in einem Beitrag auf 'Medium'.
 
Berners-Lee arbeitet mit Techies des MIT zusammen und hat still und leise ein Startup namens Inrupt gegründet. Dieses will mit einem Open-Source-Projekt namens Solid allen Usern die Kontrolle über ihre eigenen Daten zurückgeben.
 
Und wie das? Solid baue auf dem existierenden Web auf, aber Dezentralisierung und Kontrolle seien die Leitprinzipien. Mit Solid können Entwickler dezentrale Anwendungen bauen und Daten nutzen, die einzig den einzelnen Usern gehören. Jedes Individuum soll selbst entscheiden, wo man Daten speichert und mit wem sie teilen möchte. Die Basis seien eine Solid-ID und "Solid-Pods", ein persönlicher Online-Speicher, auf welchem sämtliche Daten gespeichert und individuell kontrolliert werden können.
 
Sein Startup Inrupt soll das Ökosystem aufbauen und Developer-Tools für dieses entwickeln. Dabei ist als Co-Gründer John Bruce an Bord, ein früherer Symantec- und EMC-Manager sowie Chef von IBM Resilient. Das Kapital stamme von Glasswing Ventures.
 
Developer-Tutorials in Kürze verfügbar
Die erste Welle von Apps, die auf Solid setzt, werde jetzt entwickelt. Eine eigene hat Berners-Lee selbst im Einsatz, die er dem US-Tech-Business-Portal 'Fast Company' zeigt.
 
Die App, die die dezentrale Technologie von Solid nutzt, ermögliche es Berners-Lee, nahtlos auf alle seine Daten zuzugreifen vom Kalender bis zur Songbibliothek. "Es ist wie ein Mashup von Google Drive, Microsoft Outlook, Slack, Spotify und WhatsApp", so 'Fast Company'.
 
"So werden die Menschen", so Berners-Lee, "die Macht des Internets von den Konzernen zurückholen". Dabei werden Google und Facebook laut Berners-Lee nicht um ihre Meinung gefragt, so der WWW-Erfinder über seine sehr ambitionierten Pläne. Noch im Oktober sollen Developer-Tutorials erhältlich sein, um Solid-Apps zu entwickeln.
 
Das dezentralisierte Web, das sogenannte DWeb, steht auch in den Businessplänen anderer Startups und auf der Agenda von Tech-Konferenzen. Es gibt einen dezentralisierten Marktplatz, und dezentrale Alternativen zu Google Docs, Slack und YouTube. Der grosse Katalysator, die Killer-App mit Massen-Adoptionspotential scheint noch nicht darunter. Mit dem Namen und der Erfahrung von Berners-Lee scheint die Idee nun an Potential zu gewinnen. (mag)