"Core-Blockchain-Technologie könnte ein Gratispaket werden"

Red-Hat-CEO Jim Whitehurst erklärt die Firmenstrategie, dreistellige Wachstumsraten und wo er die Blockchain sieht.
 
Bevor Red-Hat-CEO Jim Whitehurst in Bern Finanzminister Ueli Maurer trifft, erklärt er inside-it.ch die Unternehmensstrategie. Der 51-jährige, der sich simpel als Jim vorstellt, kann dies aus einer Position der Stärke tun: 14 Prozent Wachstum erzielte der Open-Source-Gigant im Jahresvergleich im letzten Quartal mit 823 Millionen Dollar Umsatz und die Anzahl grosser Deals steigt ebenso kontinuierlich. Es ist also gutes Geld zu verdienen mit Lifecycle-Garantien und Support von Open-Source-Projekten.
 
Es scheint, dass Open Source die Zukunft gehört. Google, Twitter, Amazon, Facebook und auch Microsoft scheinen auch dieser Ansicht zu sein. "Open Source ist heute der primäre Weg wie Innovation stattfindet. Wir sehen den Übergang von Vendor-getriebener Innovation zu Nutzer-getriebener Innovation", glaubt Whitehurst. "Big Data, Analytics, DevOps, Software-Defined-Networks, SD Storage wird von diesen starken User-Kräften geprägt und alles ist Open-Source. Niemand spricht von proprietären Container-Plattformen oder Big-Data-Lösungen. Das ist nicht eine Aussage über Red Hat im Speziellen, sondern allgemein."
 
Whitehurst, schon zehn Jahre Red-Hat-CEO, lässt zufrieden die Geschichte Revue passieren: "Vor zehn Jahren hiess unser Businessmodell, Alternativen zu traditioneller Software auf Enterprise-Level zu bieten. Heute treiben die neuen Möglichkeiten wie Container-Plattformen, DevOps und Automatisierung, Analytics und Storage-Lösungen unser Wachstum. Die meisten dieser Möglichkeiten kommen aus der Open-Source-Welt und wir bringen sie in die Enterprise-Welt."
 
Der von Tech-Giganten getriebene Siegeszug von Open Source ist der Humus des Wachstums, ganz allgemein, aber bleibt in vielem noch eine Wundertüte aus geschäftlicher Sicht. Was ist nötig, damit Red Hat weiter wächst? "Zum einen, dass die Open-Source-Innovation anhält. Wir könnten beispielsweise von heute auf morgen eine reichhaltige KI-Plattform auf den Markt bringen. Wir nehmen einfach Tensorflow, Caffe und andere Projekte und bieten diese in unserem Stil an. Wir haben viel Ausgangsmaterial. Der Schlüssel zu weiterem Wachstum ist der Ausbau unserer eigenen Möglichkeiten für unsere Kunden. Schauen Sie sich unsere Containerplattform OpenShift an: Wir müssen verstehen, wie diese in den Businesskontext passen soll. Dafür müssen wir das Business unserer Kunden besser verstehen."
 
Der Weg dahin sei klar, so Whitehurst: Partnerschaften und Partner mit Branchenwissen. "Wir sind keine Experten im Finanzbusiness. Wir selbst liefern keine Anti-Geldwäscherei-Lösung, wir bringen die Infrastruktur für diese an den Tisch, so dass ein ISV (Independent Software Vendor) oder ein Systemintegrator die Lösung mit unserer Technologie bauen kann."
 
Und weil wir in der Schweiz sind, präzisiert der eloquente Whitehurst die Strategie natürlich anhand des Finanzbranche: "Ein Wachstumstreiber werden die globalen System-Integratoren sein, welche eine Lösung entwickeln und diese mehreren Banken liefert."
Damit liefert Whitehurst sich selbst das Stichwort, es ist das Red-Hat-Mantra: Hybrid Cloud. "Die eine Bank will die Red-Hat-Lösung on-Premise, eine andere geht beispielsweise zu AWS, die Dritte will das später entscheiden. Also wird der Schlüssel für unser Business unser Hybrid-Cloud-Angebot sein." Dasselbe gelte für andere Branchen ebenso.
 
"Wir kaufen nicht primär Umsatz"
Wechseln wir zu einem interessanten Aspekt der Open-Source-Welt: Wie geht Bottom-up-Innovation von unzähligen Communities und das Enterprise-Business von Red Hat zusammen? Es scheint, dass Innovation bei Red Hat selbst daraus besteht, dass der Open-Source-Riese innovative Unternehmen übernimmt und dann deren Lösungen in die bisherige Technologie integriert. Die Übernahme von Ansible könnte als Beispiel für die These dienen. Andererseits sind Übernahmen etwas seltsam, weil die IP ja gratis ist.
 
"Wir haben einige Acquisitionen getätigt, aber unser Wachstum
Marcel Gamma (li) im Gespräch mit Jim Whitehurst.
ist mehrheitlich organisch", so Whitehurst. "Wir kaufen selten eine Firma mit materiellem Erlös. Wir kaufen ab und zu eine Firma, welche zentrale Contributors an einem Projekt hat, so wie bei Ansible. Hingegen sind wir bei Kubernetes selbst der führende Contributor und haben für diesen Status niemanden gekauft. Auch bei Openstack haben wir niemanden gekauft, sondern unsere eigene Contributor-Basis entwickelt. CoreOS haben wir gekauft, weil die Usability beim Management einer automatisierten Cloud entscheidend ist. Diese hatten wir selbst nicht und daraus entstand OpenShift. Das heisst, wir kaufen Technologie, nicht primär Umsatz. Ich stimme Ihnen zu, dass der Kauf von Technologie und die Kombination mit vorhandener Technologie ein Schlüsselfaktor in unserer Strategie ist. Wir wollen ein holistisches Stack, das zusammenspielt."
 
Einer der speziellen Aspekte in einer User-getriebenen Open-Source-Welt ist, wie man das Produktportfolio definiert. Wo liegt dieser Fokus aktuell? "Wir mögen Plattform-Layers sehr. Unsere Kunden wünschen Konsistenz und horizontale Plattformen und sie suchen eine Firma, die einen Lifecycle garantiert und ein Ökosystem rundherum sicherstellt," erklärt Whitehurst ganz grundsätzlich.
 
Eine andere Ebene bildet in der Red-Hat-Welt die Roadmap für ein Produkt, die schwer prognostizierbar ist für alle Beteiligten. Whitehurst stimmt zu: "Wir besitzen Kubernetes nicht und können die Roadmap nicht definieren. Wir können darüber sprechen, wo Kubernetes steht, was zum nächsten Release gehört und was uns speziell interessiert. Dies sei für manche Firmen beunruhigend. "Am Beispiel von Kubernetes können wir sagen, Red Hat, IBM, Google und Microsoft haben entschieden, Kubernetes als Orchestrierungs-Standard zu nutzen. So wette ich mit Ihnen, Kubernetes wird auch in fünf Jahren eure Bedürfnisse abdecken. In einem gesunden Open-Source-Projekt stammt weniger als 20 Prozent der Contributions von uns. Red Hat will zwar der grösste oder einer der grössten Contributor sein, aber nicht derjenige, der alles weiss. Dasselbe gilt auch für Linux etcetera."
 
"Welche Blockchain wird es sein?"
Welche Produkte sind denn strategisch in absehbarer Zeit? Alle seien strategisch, sagt Whitehurst, aber im Fokus liege Openshift, der Red-Hat-Lösung für Container-basiertes Software-Deployment und -Management. "Die Idee hat abgehoben, wie ich im Technologiebereich nichts Anderes habe abheben sehen. Das Interesse explodiert! Wir sehen dreistellige Wachstumsraten in unserem Container-Geschäft. Das ist klar die Nummer eins. Auch unser Ansible-Business wächst wirklich sehr schnell, das zeigt auch das Swisscom-Beispiel."
 
Nun gibt es Blockchain, Big Data und Analytics mit Open-Source-Communities. In diesen Themen scheint Red Hat aber vorsichtig zu agieren. Trügt der Eindruck oder fehlt es etwa an Free Cashflow? "Wir generieren grob etwa eine Milliarde Dollar Free Cashflow dieses Jahr. Geld für Investitionen ist also kein Thema. Es geht darum, dass wir Open-Source-Projekte im Enterprise-Bereich konsumierbar machen und uns für Jahre daran binden. Und die Firmen haben es für diesen Zeitraum gekauft. Wir sind überzeugt, Blockchain wird riesig werden. Aber welche Blockchain wird es sein? Welche spezifische Technologie? Bei allem gilt, wir gehen nicht in ein Business, solange wir nicht sicher sind, dass es für unsere Kunden funktioniert. Heute arbeiten wir mit Blockchain-Vendors, um sicherzustellen, dass die Technologie auf Linux und Openshift gut läuft. Es ist sehr gut vorstellbar, dass wir zu einem gewissen Zeitpunkt ein Blockchain-Projekt wählen und eine Red-Hat-Version mit unserem Lifecycle-Modell offerieren. Dasselbe gilt für Big Data und Analytics. Aber das erst, wenn wir überzeugt sind, wer die Gewinnerprojekte sein werden. Das heisst nicht, dass wir keine Risiken eingehen. Aber aktuell sind wir sehr gut ausgelastet mit dem Delivern einer Containerplattform mit allem, was dafür nötig ist."
 
Unser Finanzminister Ueli Maurer sagte kürzlich, Blockchain sei ein Thema, das jeden Tag auf seinem Pult liegt. Ist Blockchain täglich auf seinem Pult? "Nein. Ich erhalte etwa monatlich ein Briefing darüber, was wir mit Blockchain machen. Es ist für mich heute unklar, ob Blockchain ein Produkt sein wird, ein Feature oder eine Komponente innerhalb des Betriebssystems. Könnte es sein, dass die Core-Blockchain-Technologie einfach ein neues Gratispaket in Linux oder der Container-Plattform wird? Das ist sehr gut möglich."
 
Whitehurst, offensichtlich interessiert an Geschichte, findet auch in der Blockchain-Debatte ein historisches Vorbild: "Etwa vor zehn Jahren dachten wir beispielsweise, Clustering ist vielleicht ein Standalone-Produkt. Als Clustering soweit war, die Garage zu verlassen, war es so nahe beim Betriebssystem, da haben wir es einfach gratis hinzugefügt. Dies ist oft der Fall. Es ist sehr wahrscheinlich, dass wir fünf oder sechs Schlüssel-Blockchain-Technologien gratis mit dem Betriebssystem bringen. Aber für den Entscheid ist es zu früh." (Gespräch: Marcel Gamma)