Absolut obsolet

Kolumnist Jean-Marc Hensch befasst sich mit der Langlebigkeit von Produkten und politischen Vorstössen.
 
Gewisse Themen poppen in der Politik alle paar Jahre wieder auf, obwohl an ihnen nichts dran ist – einfach, weil man damit ohne grossen Aufwand parteiübergreifend beim Publikum punkten kann. Die Wiederauferstehung solcher Zombies häuft sich logischerweise im Vorfeld von Wahlen. Es verwundert daher nicht, dass in der letzten Session ein Postulat überwiesen wurde, das den Bundesrat auffordert, im Bereich geplante Obsoleszenz tätig zu werden.
 
Der Vorwurf ist mindestens schon hundert Jahre alt und leider damit nicht weniger abstrus: Die Hersteller würden ihre Produkte bewusst so gestalten, dass sie möglichst rasch unbrauchbar werden, um Neuverkäufe anzukurbeln. Weil im aktuellen parlamentarischen Vorstoss insbesondere die Elektro- und die elektronischen Geräte angesprochen sind, fühle ich mich bemüssigt, ein paar Worte dazu zu verlieren (nur schon deshalb, weil zeitgleich auch meine Monatskolumne fällig ist…).
 
Die geplante Obsoleszenz setzt gedanklich voraus, dass es bei Produkten so etwas wie eine natürliche Lebensdauer gibt, welche vom Hersteller bewusst mit gemeinen Tricks "abgekürzt" wird. In Wirklichkeit ist es umgekehrt: Die Lebensdauer eines Produkts ergibt sich aus seinem individuellen Konzept. Dazu gehören neben Qualität die Art, wie es eingesetzt wird, die Ergonomie, seine Funktionalität, Marktpositionierung, Status und nicht zuletzt die Zielgruppe, für die es hergestellt wurde.
 
So ist eine Bohrmaschine für Bauhandwerker, die mehrere tausend Franken kostet, auf eine Einsatzdauer von tausende von Stunden ausgelegt. Sie kommt meistens mit einem umfassenden Servicepaket, mit Zubehör und einem Wartungsvertrag daher. Ein entsprechendes Billiggerät aus dem Baumarkt kostet rund hundert mal weniger und ist auf einen Einsatz während weniger Stunden ausgelegt. Das reicht in der Praxis bestens, um zuhause ein paar Bilder aufzuhängen. Der Kunde wird die Bohrmaschine also während Jahren problemlos einsetzen können. Würde ein Bauhandwerker jedoch das Billiggerät auf der Baustelle einsetzen, wäre es nach einem Tag zerstört. Das ist nicht "künstlich abgekürzte" Lebensdauer, sondern kommt ganz einfach daher, dass das Billiggerät nicht für diese Art von Einsatz konzipiert ist.
 
Dieses Beispiel zeigt klar: Die Lebensdauer von Produkten hängt ganz wesentlich davon ab, wie der einzelne Käufer das Gerät nutzt. Es ist für einen Hersteller also praktisch unmöglich, quasi in der Packungsbeilage eine realistische Angabe zur Lebensdauer zu machen.
 
Hinzu kommt, dass eine lange Lebensdauer nicht zwingend auch die ökologisch sinnvollste Lösung ist. Neue Produkte (zum Beispiel Bildschirme oder Kühlschränke) sind oft deutlich energieeffizienter als ihre Vorgänger. Es kann sich deshalb aus Umweltsicht durchaus lohnen, ein Produkt vor Ende der technischen Lebensdauer auszutauschen.
 
Schliesslich klafft zwischen der anekdotischen Evidenz von Kundenreklamationen und der statistischen Realität eine gewaltige Lücke. Es wird ja immer mal wieder gerne behauptet, dass Drucker nach ein bis höchstens zwei Jahren den Geist aufgeben. Das ist schlichtweg falsch: Wie die Fachhochschule Nordwestschweiz in einer Studie im Auftrag von Swico ermittelt hat, liegt die Lebensdauer dieser Produkte bis zur Abgabe auf der Swico-Sammelstelle bei über acht Jahren.
 
Kunden kaufen in der Regel neue Produkte nicht deshalb, weil das alte kaputt wäre, sondern weil auf dem Markt bessere und auch energieeffizientere Produkte mit spürbar verbesserten Funktionen erhältlich sind. Hier spielen Angebot und Nachfrage. Genauso verhält es sich beim Thema Langlebigkeit. Produkte, welche die Anforderungen nicht erfüllen, werden von den Konsumenten, den Wissensplattformen und den Medien entsprechend beurteilt und auf dem Markt abgestraft. Gerade im Bereich ICT oder Unterhaltungselektronik kann es sich angesichts der knüppelharten Konkurrenz und der hohen Markttransparenz kein Hersteller leisten, schlechte Produkte zu vermarkten. So wie es unterschiedliche Konsumentenbedürfnisse gibt, gibt es auch verschiedene Preis- und Qualitätsniveaus, die sich auf die Lebensdauer auswirken können – und das soll auch so sein. Ich glaube übrigens nicht, dass es aus sozialer Sicht eine gute Idee wäre, dass wir nur noch Produkte aus dem Hochpreis- oder Luxussegment kaufen können.
 
Etwas kann man dem Thema geplante Obsoleszenz allerdings nicht vorwerfen. Nämlich, dass es nicht verdammt langlebig wäre. (Jean-Marc Hensch)
 
Jean-Marc Hensch (59) ist Geschäftsführer von Swico, dem Wirtschaftsverband für die digitale Schweiz. Er äussert als Kolumnist für inside-it.ch und inside-channels.ch seine persönliche Meinung und twittert als @sosicles.