SAP-Anwender diskutieren die hybride IT-Welt

DSAG-Technologievorstand Ralf Peters fordert Brücken Cloud-On-Premise.
Brücken zwischen On-Premise und Cloud, indirekte Lizenzen und Schweizer Forderungen rund um S/4HANA sind im Fokus am Jahreskongress der DSAG.
 
Vernetzung ist das grosse Thema auf dem Jahreskongress der SAP-Anwendervereinigung DSAG in Leipzig: "Unternehmen müssen künftig Daten aus verteilten Prozessen zusammenführen, und zwar sowohl im eigenen Haus als auch über dessen Grenzen hinweg", erläutert DSAG-Vorstandsvorsitzender Marco Lenck in seiner Keynote. "Mehrwerte für die Kunden schaffen Unternehmen nur in enger Kooperation." Diese Art des Wirtschaftens beeinflusse die IT-Systeme, aber eine Blaupause für deren Architektur stehe noch aus. Wie die einzelnen Bausteine funktionieren, hätten die meisten SAP-Anwender verstanden. Nun gehe es um die ganzheitliche Sicht auf eine IT-Architektur, die klassische und neue Ansätze der Vernetzung abdeckt und den Weg in die Digitalisierung ebnet.
 
ERP muss mehr werden als ein stabiler Kern
Die bisherige Rolle unternehmensweiter Standardsoftware (ERP) als stabiler Kern reiche künftig nicht mehr aus. "Die Zahl der in ERP-Systemen abgebildeten Prozesse wird sinken", prognostiziert Lenck. "Um den Kern herum benötigen Unternehmen agile Prozesse in Richtung Kunden und Lieferanten, und diese werden typischerweise über ergänzende Cloud-Module abgebildet."
 
Bislang ungeklärt sei die Frage, wie die Geschäftsprozesse in einem derartigen hybriden Modell aussehen: "Für einen übergreifenden Austausch müssen die Datenmodelle einheitliche Strukturen aufweisen und den Zugriff aus Analyse- und Planungswerkzeugen heraus ermöglichen", erläutert der DSAG-Chef. Die IT-Systeme aller beteiligten Plattformen sollten ohne aufwändige Konvertierung miteinander kommunizieren. Die Integration reiche künftig über Unternehmensgrenzen hinaus, und daher bräuchten Unternehmen offene Systeme.
 
Brücken zwischen On-Premise- und Cloud-Lösungen fehlen
"SAP alleine wird mit ihren Lösungen nicht alle denkbaren Funktionen abdecken können", argumentiert DSAG-Technologievorstand Ralf Peters. "Nötig sind daher technologische und prozessuale Brücken zwischen den vorhandenen On-Premise-Landschaften und den agilen Cloud-Applikationen." SAP solle die Unternehmen dabei unterstützen, bewährte Elemente aus der On-Premise-Welt in hybride Szenarien zu übernehmen. Nur wenn die Spurweite des ERP-Zugs an die des Cloud Express angepasst werde, kämen die Unternehmen störungsfrei im Hybrid-Bahnhof an.
 
SAP gliedert ihre IT-Architektur in zwei Ebenen: Standardisierte Geschäftsabläufe laufen im Kernsystem S/4HANA, agile innovative Anwendungen in der Cloud. Unter dem Dach von Leonardo bündeln die Walldorfer in der SAP-Cloud Innovationsbausteine wie etwa Internet of Things und Blockchain.
 
Grundsätzlich sind demnach die Vorstellungen der SAP und der Anwendervertreter ähnlich. Auch SAP-Technologievorstand Bernd Leukert greift in seiner Keynote das Thema Vernetzung auf und benennt hierfür drei Elemente: Intelligente Systeme, intelligente
Christian Zumbach, DSAG-Vorstand Schweiz
Plattformen als Datenlieferant und intelligente Technologien wie Machine Learning. Die Integration dieser Elemente laufe über wiederverwendbare Business Services, die das geforderte einheitliche Datenmodell realisierten und einen "Single Point of Truth" schafften. Diese Art der Integration sei der Mehrwert, der die SAP Cloud-Plattform von anderen Clouds unterscheide.
 
"Wirtschaftlichkeit muss sich nun in der Praxis zeigen"
Auch zu den SAP-Lösungen selbst äussert die DSAG Kritik: So bleiben die von der SAP zugekauften Lösungen bislang ihren Mehrwert schuldig, wie Jean-Claude Flury, DSAG-Vorstand Business Networks Integration, ausführt: "SAP Hybris Cloud for Customer führt unterschiedliche Technologien unter einem Dach zusammen. Auch SAP C/4HANA präsentiert sich als komplexe Schicht auf dem ERP-System und nicht als Lösung, wie es sich die Fachabteilungen wünschen. Da sind Wettbewerber bislang besser aufgestellt."
 
Bewegung hat es in der lange kontrovers diskutierten Frage der Lizenzen gegeben. SAP Technikvorstand Leukert hatte anlässlich der DSAG-Technologietage 2017 ein Lizenzmodell angekündigt, das für Anwendungsfälle im Internet der Dinge passt. Im April dieses Jahres hat SAP ein Preismodell vorgestellt, das die DSAG nach eigener Aussage massgeblich beeinflusst hat. "Die Wirtschaftlichkeit dieses Modells muss sich nun in der Praxis zeigen", berichtet Andreas Oczko, DSAG-Vorstand Operations, Service & Support. Beim Thema indirekte Nutzung sei ein vielversprechender Anfang zu verzeichnen. SAP habe die Bedingungen für diese Nutzungsart ihrer IT-Systeme kundenfreundlicher formuliert. Eine Lösung, die für alle Kunden passt, sei aber noch nicht gefunden.
 
Viele Schweizer wollen Business Suite ablösen
In der Schweiz bescheinigen laut einer Umfrage der DSAG 55 Prozent der Unternehmen der SAP Cloud Platform eine hohe oder sehr hohe Relevanz für die Digitalisierung. S/4HANA bescheinigen 79 Prozent der Unternehmen eine hohe und sehr hohe Relevanz für die Digitalisierung.
 
Die Business Suite hingegen hat lediglich für 34 Prozent der Schweizer Unternehmen eine hohe beziehungsweise sehr hohe Relevanz. Dieser Wert liegt fast um die Hälfte niedriger als in DACH (56 Prozent).
 
62 Prozent der Schweizer Firmen wollen die Business Suite bis 2025 komplett ablösen. In DACH wollen das lediglich 41 Prozent.
 
"Schweizer Unternehmen sind klar in Richtung digitale Transformation aufgestellt", erläutert Christian Zumbach, DSAG-Vorstand Schweiz. "Dennoch muss SAP besser als bisher über S/4HANA informieren. Einem Grossteil der Schweizer Unternehmen sind die Lizenzmodelle für diese Lösung unbekannt."
 
Auch zu Cloud-basierten und hybriden SAP-Betriebsmodellen fehlten den Anwendern Informationen. "Wenn SAP den Businessnutzen von S/4HANA aufzeigt und mit fairen Preis-/Kostenmodellen aufwartet, dann steigt die Bereitschaft zur Migration", hofft Zumbach. (Jürgen Frisch/Leipzig)