"Wir müssen das Verständnis in der Bevölkerung stärken"

Stefan Metzger. Bild: ts
Daten sammeln, Verständnis schaffen, Bäume pflanzen: Swisscoms Smart-City-Head Stefan Metzger im Gespräch.
 
In Mitteilungen von Städten wie Zürich oder Winterthur zu Smart City kriegt man gemeinhin einen bunten Strauss an digitalen Stadtplänen, W-LAN-Hotspots oder elektronischen Behördengängen präsentiert. Die Definition ist oftmals schwammig, die technische Grundlage wenig klar.
 
Inside-it.ch hat sich mit Stefan Metzger, dem Chef des neuen Smart-City-Teams von Swisscom, über Definitionen, Datensammeln sowie Chancen und Risiken von "intelligenten Städten" unterhalten. Der Mann kennt sich aus: Als gelernter Maschinenbau- und Wirtschaftsingenieur war er vor seinem Wechsel zum Blauen Riesen bei der Schweizerischen Post über fast drei Jahre erst Programm Manager IoT und schliesslich zuständig für das konzernweite Smart-City- und IoT-Programm. Zuvor sammelte er über Jahre Erfahrung in Forschung und Entwicklung in verschiedenen Industrieunternehmen und Startups.
 
Beim Besuch in Swisscoms IoT-Experience-Center in Zürich betonte Metzger, dass sich seine Abteilung im Aufbau befinde. Derzeit werde das dreiköpfige Kernteam noch nicht am Umsatz gemessen, sondern baue ein Ökosystem auf und schaffe Verständnis und Goodwill bei künftigen Kunden und Partnern.
 
"Wir sind in der Phase, in der wir das Verständnis für das Thema schärfen", so Metzger. Es sei aber schon einiges passiert, während man früher nach einzelnen grossen Projekten Ausschau gehalten habe, könne man heute die Tendenz hin zu kleinen, realistischen Projekten beobachten, die dann auch tatsächlich in die Wege geleitet würden.
 
Daten, Daten, Daten… Projekte und Privatsphäre
Das Gespräch dreht sich relativ schnell um das Sammeln und Auswerten von Daten.
 
Man sei beim Thema Smart City vom technologischen Fokus weggekommen, erklärt Metzger. "Man muss die Prozesse in den Städten verstehen. Es geht nicht um möglichst viel Technologie, sondern darum auf der Grundlage von guten Daten, gute Lösungen zu entwickeln." Wenn man in einer Stadt etwa die Emissionen und Temperaturen dank IoT-Devices granular erhoben habe, könne man entsprechend reagieren: Das kann dann durchaus auch einfach heissen, dass man an den neuralgischen Punkten Bäume pflanzt, oder natürlich den Verkehr entsprechend organisiert.
 
Die Daten müssen aber erstmal detailliert gesammelt werden. Von gewöhnlichen Sensoren über intelligente Mäusefallen bis zu klugen Würfeln, zeigt das Team eine ganze Armada an Datensammlern. Dabei sei Energieeffizienz besonders wichtig, die sich auch kostenseitig stark bemerkbar mache, erklärt Metzger. Darum seien etwa die Low-Power-Netzwerke für Smart Cities von grosser Bedeutung.
 
Sind die Daten zusammen, müssen sie natürlich ausgewertet werden, um Schlüsse ziehen zu können. Dabei nennt Metzger vor allem die Cloud-Infrastrukturen als sehr hilfreiche Mittel. Hier laufen die Daten aus unzähligen Quellen zusammen und können dank Analytics-Lösungen systematisch bearbeitet werden.
 
Das sind zugleich Aspekte, die in Teilen der Bevölkerung auf Unbehagen stossen. Viele Leute sind verunsichert, was mit ihren Daten geschieht. Darauf angesprochen sagt Metzger: "Smart City zeigt die positiven Aspekte des Datensammelns, aber für die Konsumenten ist das eine grosse Black Box". Angesichts der politischen und kulturellen Dimension sei dies eine grosse Herausforderung. Man arbeite mit Hochdruck daran, hier Transparenz zu schaffen.
 
Aber da Swisscom Smart City keine Wohltätigkeits-Veranstaltung, sondern ein Businessprojekt ist, geht es natürlich auch darum, mit den Erkenntnissen aus den Daten ein Geschäft zu machen – also die Insights aus den Daten zu verkaufen. Metzger versichert aber: "Unsere Daten sind anonymisiert und aggregiert und Swisscom nimmt Datenschutz sehr ernst".
 
Von der Kernkompetenz zu neuen Services
"Wir verfolgen derzeit vor allem datengetriebene Ansätze, aber natürlich umfasst unser Portfolio mehr", so der Manager. Unter dem Stichwort "Human Smart City" fasst Swisscom von Logistik über Ökonomie bis zur Umwelt acht Bereiche.
 
Vertikal unterteilt man im Hause Swisscom die Architektur in drei Ebenen: Im unterste Layer befindet sich die Infrastruktur der Stadt von den Häusern und Strassen bis zu den IT-Netzwerken, die zum eigentlichen Kerngeschäft von Swisscom gehören: So stellt der Blaue Riese etwa die Infrastruktur für die Netzwerke aber auch Data-Processing und -Storage zur Verfügung.
 
Darüber erhebt sich der zweite, der sogenannte Digital Technology Layer, der im Fokus von Metzgers Team steht, und folgende Bereiche umfasst: IoT, IAM, KI, AR, Security. Zentral nennt der Chef die Insight-Plattformen, mit welchen die Basis für die Entscheidungen geschaffen und diese visualisiert werden können – und die von der Security bis zu künstlicher Intelligenz alle genannten Kompetenzen voraussetzen.
 
Darauf schliesslich setzt erst der Service-Layer auf, also das was die Einwohner einer Stadt vor allem von Smart Cities mitkriegen. Dies sind die Dienstleistungen, die basierend auf der technologischen Grundlage konkret angeboten werden. "In diesem Layer sind wir nicht zu Hause, aber wir können hier gemeinsam mit Partnern Lösungen entwickeln", erklärt Metzger.
 
Städtekonkurrenz, Demokratie und Silodenken
Der breit abgestützte Smart City Hub Switzerland, ein relativ junger Smart-City-Verband, ist auch auf Initiative von Metzger entstanden. Er soll Verständnis für das Thema und die Zusammenarbeit fördern. Nun gehe es aber auch darum, konkrete Projekte anzustossen und diese dann gemeinsam zu skalieren, so Swisscoms Smart-City-Head.
 
Ein grosses Hindernis sei hierbei die unklare Rollenverteilung in Städten und der Partnerlandschaft. Dies verschärfe sich noch durch ein verbreitetes Silodenken und die Konkurrenz zwischen und innerhalb der Städte. "Viele Städte machen derzeit dieselben Erfahrungen mit Smart-City-Projekten, aber an Austausch mangelt es oft", so Metzger.
 
Auch die Geldverteilung in Projekten liege oftmals noch im Dunkeln. Von den Sensoren über die Auswertung der Daten bis hin zu den konkreten Services sei die Verteilung des monetären Kuchens oftmals unklar. "Hier müssen wir dringend mit dem ganzen Ökosystem zusammensitzen", so Metzger.
 
Schliesslich müssten auch die Bürger der Städte und Gemeinden miteinbezogen werden. Viele Smart-City-Projekte seien Bottom-Up entstanden und nicht von oben dirigiert worden. Und Metzger weiter: "Hier ist es eben auch wichtig, das Verständnis für Smart-City-Ansätze und insbesondere Datenauswertungen zu verbessern".
 
Dabei bleibt Swisscoms Smart-City-Chef optimistisch: In fünf Jahren werde man grosse Schritte gemacht haben und den Bürgern sei dann auch viel klarer, was die positiven Aspekte von Smart City seien. (Thomas Schwendener)