Werden Risiken von Digitalisierungsprojekten unterschätzt?

Schweizer Firmen schätzen die Risiken von Projekten zu tief ein, sagt eine Studie der Hochschule Luzern.
 
In klassischen Strategieerwägungen analysieren Unternehmen neben Chancen immer auch Risiken. Tun sie dies auch bei Digitalisierungsprojekten und wenn ja, werden die Risiken realistisch eingeschätzt? Das Institut für Finanzdienstleistungen Zug der Hochschule Luzern hat zusammen mit SwissERM eine Studie zu diesem Thema durchgeführt. Beteiligt haben sich 238 Führungskräfte von Schweizer Unternehmen.
 
Das Fazit der Studienautoren: "Schweizer Unternehmen haben die Bedeutung der Digitalisierung und deren Chancen erkannt. Aber sie unterschätzen noch die Risiken digitaler Transformationsprojekte." Gestützt wird diese Aussage unter anderem darauf, wie hoch die Studienteilnehmer die finanziellen Auswirkungen von 32 unterschiedlichen digitalen Transformationsrisiken, die ihnen vorgelegt wurden, einschätzen. Zu den Punkten gehörten beispielsweise eine tiefe Rentabilität des digitalisierten Geschäftsmodells, die Abhängigkeit von externen Dienstleistern, Cyberkriminalität oder Reputationsverlust.
 
Zusätzlich wurden sie danach gefragt, wie wahrscheinlich es wäre, dass einer dieser "Unfälle" bei ihnen in den nächsten drei Jahren eintreten könnte. (siehe Grafik oben).
 
Wirklich schwere finanzielle Gefahren sehen die Studienteilnehmen nur bei einem Risiko: Ausfällen der IT-Infrastruktur durch Digitalisierungsprojekte.
Die finanziellen Gefahren, die alle anderen Risiken mit sich bringen, wurden dagegen als höchstens mittelgross eingestuft.
 
Die Studienautoren ziehen aber auch ein positives Fazit: Immerhin würden neben Technologierisiken Risiken aus dem strategischen und kulturellen Umfeld zumindest auch gesehen.
 
Operative Risiken werden am höchsten eingestuft
Wenn man durchschnittliche Einschätzung der finanziellen Auswirkungen und der Wahrscheinlichkeit des Eintretens als Achsen einer Grafik verwendet, deutet sich eine Aufteilung der Risiken aus verschiedenen Kategorien in drei Cluster an. Risiken aus dem Finanzbereich haben eine eher tiefe Eintrittswahrscheinlichkeit und relativ tiefe finanzielle Auswirkungen. Zu den konkret nachgefragten Risiken gehörten unter anderem eine tiefe Rentabilität des digitalisierten Geschäftsmodells, Fehler bei automatisierten Zahlungen, geringe Liquidität durch hohe IT-Investitionen oder langsame Monetarisierung von digitalen Strategien und Angeboten.
 
Compliance-Risiken und Kundenrisiken bilden ein mittleres Punktewölkchen in der Grafik. Risiken aus diesen Bereichen sind unter anderem Entwendung von geistigem Eigentum oder sensiblen Daten, Missachtung von Spezialfällen durch automatisierte Prozesse, unklare Haftungsansprüche aufgrund von geteiltem Eigentum, Datenmanipulation durch interne und externe Verursacher, Verlust beziehungsweise unbeabsichtigte Offenlegung von Kundeninformationen, Reputationsverlust auf Social Media-Kanälen, geringe Kundenbindung durch zunehmende Angebotsvergleichbarkeit oder fehlende digitale Schnittstellen zum (potenziellen) Kunden.
 
Sowohl eine hohe Wahrscheinlichkeit als auch eher höhere finanzielle Risiken sehen die Studienteilnehmen im Zusammenhang mit operativen Risiken. Nachgefragt wurde hier unter anderem nach der Abhängigkeit von externen (IT-)Dienstleistern, dem Kontrollverlust aufgrund automatisierter Geschäftsvorfälle, Berechtigungs- und Zugriffsproblemen durch neue Authentifizierungsverfahren oder Fehlinvestitionen in Technologien und Anwendungen.
 
Die komplette Studie, in der auch nach der Motivation und den Hemmschuhen für digitale Transformationsprojekte gefragt wurde, kann hier kostenlos heruntergeladen werden (Hans Jörg Maron)